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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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NR. 14 2/84 4.-DM 

äfier 


ADEN 


ANARCHISTISCHE VIERTELJAHRESSCHRIFT 




ARBEIT, ENTROPIE, APOKALYPSE 
TOLSTOJS REFORMPÄDAGOGIK 

GEHEIMER US-STÜTZPUNKT 


ISE-STATIONIERUNG 
AUF U-BOOTEN 


m 


»OKOLI BERT ARE« 


DIESES EUROPA MUß WEG ! 


Hl 

























Bll 


Trotz des »Satzes«, mit dem wir mehr In¬ 
halte auf den 64 Seiten unterbringen, konnten 
wir dieses Mal nicht alles im SF abdrucken, 
was wir wichtig und gut fanden. D.h. einige 
Artikel wurden aufgeschoben, andere in den 
FLI-Rundbrief gesetzt oder ganz abgelegt. 
Parallel zu den FLI-Treffen - ergänzt der 
Schwerpunkt »ARBEIT« in dieser Nummer 
j den Schwerpunkt »ANTIMILITARISMUS« 
. Die Beiträge sind bewußt widersprüchlich, 
was auch den Diskussionsstand beim FLI aus¬ 
drückt. Daß »Antimilitarismus« trotzdem ak¬ 
tuell bleibt, wird besonders in Owen Wilkens 
Beitrag deutlich; die Recherchen des neusee¬ 
ländischen Friedensforschers (aus Schweden 
- bis dahin bei SIPRI - ausgewiesen) sind bis¬ 
her nur von der dänischen Tageszeitung »IN¬ 
FORMATION« aufgegriffen worden - wir 
sind gespannt, wer sich als erster getraut, den 
SF zu zitieren. Die U-Boot-Atomraketenpoli¬ 
tik ging zu unserer Überraschung noch immer 
nicht in die Diskussion der »Friedensbewe¬ 
gung« mit ein-uns liegt das Material nun bald 
ein 3/4 Jahr vor; finanzielle und zeitliche Eng¬ 
päße haben uns immer wieder gezwungen, die 
Veröffentlichung der Broschüre aufzuschie¬ 
ben, -deshalb in dieser Nummer (nach Nr. 12: 
COB-Flugplätze) der 2.Auszug. 

Neben diesen wichtigen Themen geben wir 
diesmal auch unsere »vornehme Zurückhal¬ 
tung« auf und versuchen die »Ökolibertären« 
auseinanderzunehmen; die »Mackay-Gesell¬ 
schaft« lassen wir das in einer 4-seitigen »Son¬ 
dernummer« selbst besorgen (auch dafür war 
der Platz im SF nicht ausreichend und wohl 
auch zu schade. Wen’s interessiert, schicke 2.- 
DM in Briefmarken für Porto-etc. -Kosten; 
nur gegen Vorauskasse!). Trotz unserer Arro¬ 
ganz (?) hoffen wir weiterhin auf eure tatkräf¬ 
tige Mitarbeit und Mithilfe: die 64 Seiten, wie 
sie euch vorliegen, werden unter folgendem 
Aufwand hergestellt: 

Unbezahlte Büroarbeit (1 Std. täglich), 
Satzarbeiten (ca. 2 Wochen), Lay Out- (ca. 2 
Wochen), Vertriebsarbeit (ca. 3 Tage). 
Unterbezahlte Druckerarbeit und Weiterver¬ 
arbeitung (dank an die Karlsruher Genossen 
und Genossinnen!). 

Bleiben an Unkosten - für den Druck: 
ca.2200.-DM; Satz: ca.400.-DM (Entwick¬ 
lung, Gerätckosten usw.); Versan- und Lay 
Out Material: ca. 400.-DM; Transportkosten: 
ca.100.-DM; Porto: ca. 800.-DM; Telefon 
und Anzeigen bezahlt der Trotzdem-Verlag. 
Trotz dieser Bedingungen also UNkosten von 
ca. 3900.-DM pro Nummer. Bei 1240 ABO’s 
(incl. einige Frei-, Knast-, Austauschabos, 
incl. ca. 170 Vertricbsexemplare zu 40% bzw. 
50%) ist die Zeitschrift mit ca. 3400.-DM Ein- 


Ola Enstad, geb. 1942 
in Lesjaskog, Nord-Gudbrandsdal 
dem damaligen Deutschen 
Reichkommissariat Norwegen 
! Traum vom Frieden 
Plastmodell in gepolstertem 
Walnuss-sarg 
Ausführung: Harold Skjöldt 
und Anker Grad 



nahmen einigermaßen gedeckt. 300.- bis 400.- 
DM Spenden, ca. 50.- bis 100.-DM Anzeigen 
gleichen die Bilanz insoweit aus, daß sich die 
Zeitung selbst trägt. Da die ABÖkurvc an¬ 
steigt, sind wir optimistisch, daß dies auch in 
ZuKunft so bleibt bzw. eher besser wird, damit 
z.B. der Setzer oder die Drucker auch mal 
»Lohn« bekommen können. Dieser »Ein¬ 
blick« sei für all diejenigen, denen der SF 
wichtig genug ist, um auch mal eine Spende zu 
gewähren. Danke - und nun viel Spaß beim 
Lesen, Diskutieren, Zerfetzen - manche lesen 
ja Zeitschriften von- hinten, für die wäre also 
der Hinweis interessant: der nächste SF hat 
den Schwerpunkt »KUNST und ANAR¬ 
CHIE« (Redaktionsschluß: 15.6.84) 

Eure Redaktion 


HERAUSGEBER: FLI- Forum für libertäre 
Informationen 

V.i.S.d.P.:Horst Blume, Schleusenweg 10, 
4700 Hamm; namentlich gezeichnete Beiträge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der Verfas¬ 
ser und geben nicht die Meinung der Herausge¬ 
ber oder des presserechtlich Verantwortlichen 
wieder. Eingesandte Artikel werden diskutiert; 
über einen Abdruck entscheidet die Redaktion 
der jeweiligen Nummer; ein Anspruch auf Ab¬ 
druck besteht nicht; Nachdrucke sind gegen 
Quellenangabe und Belegexemplare ausdrück¬ 
lich erwünscht, Abdrucke erfolgen honorar¬ 
frei. 

Auflage: 1700 Exemplare; Satz: Trotzdem- 
Verlag; Druck: Druckcooperative Karlsruhe; 
Erscheinungsweise: vierteljährlich; Anzeigen¬ 
preise: 1 Spalte: 100.-DM + MWST; 1/2 Seite: 
150.-DM; 1 Seite: 500.-DM. SF-Konto: F. Ka- 
mann - PSK Stuttgart - Ktonr. 57463- 703; Re¬ 
daktionsanschrift: SCHWARZER FADEN- 
REDAKTION, Obere Weibermarktstr. 3, 
7410 Reutlingen; Tel 07121/370494; ISSN: 
0722-8988 . 

BÜCHER, die die Readktion erhalten hat. 
v^ne ezension behalten wir uns zusätzlich 

- Sföfan Blankertz: Kritischer Pragmatismus- 
p r ozio ogie Paul Goodmans; Büchse der 
Pandora Verlag, Wetzlar 1983 

- &am• Dolgoff: Leuchtfeuer in der Karibik - 

Beri£ a i983 '^ a " KUBA ’ LibCrtad Ver ‘ ag ’ 

VeHpo 1< e L ° mmel: Männersuche, Winddruck 
Verlag, Siegen 1984 

-J7S r ChÖU ! er: Die Entsteh ung der »Bour- 
Scher r Sozia ^P°^t^ und französi- 

DUS VeH nd 'c a IS T US Ende deS 19Jh -; C!,nV 

pus-Verlag, Frankfurt 1982 


* 


•e®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®^^^^ 


Spendenliste: 

H.G., Worms 10.-; G.B., Weisendorf 5. 
P.K., Hamburg 15.-; E.K., Eitorf30.-; W.A 
Gottingen 20.-; W.B., Erlenbach 15.-; U.D 
Köln 14.-; KNPT, Köln 100.-; M.B., Li 
Mannheim 50.-; F.M., Hamburg Bücliei 
B.S., Tübingen 6.-; D.S., Berlin 20.-; K.G 
Essen 5.-; I.W., Berlin 20.-; O.R., Läufer 
bürg Bücher etc.; N.H., Nürnberg 25.-!!! 


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I 1 

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1 J 


| II 1 


itjk 


Editorial 

U-Boote 

US-Stützpunkt/Färoer 
Antimilitarismus vor 45 
Kirchenaustritte 
Arbeit, Entropie 
35-Stunden-Woche 
Europa-Wahlen 
»ökolibertäre« 
Antipädagogik 
Tolstojs Pädagogik 
Utopie 

Souchy-Interview, Dez.83 

Die lange Hoffnung 

Mühsam-Rezeption 

Frauenbücher 

FLI/Anarchafrauen 

Venedig/Ramstein usw. 

Kleinanzeigen 

S. Gesell-Diskussion 

hautnah 

Suchbild 


54 

56 

58 

62 

Rücktitcl 






von Jürgen Wierzoch 












Nordnorwegen - ein Supercuba? 

Soll die Finnmark wieder brennen? 

»572 Atomraketen auf dem europäischen 
Kontinent sind eine „Kleinigkeit“.gegen tau¬ 
sende Atomraketen in Norwegensee« - so die 
Titelseite der norwegischen Zeitung »Ikke- 
vold« (hrsg.von dem norwegischen Zweig der 
ar Resisters International, Folkreisning 
m °t krig.) 

Die USA werden in einer Krisensituation ver¬ 
suchen, die Sowjetunion einzuschliessen, in- 
em sie das Gebiet zwischen der Finnmarks- 
p üstc und Spitzbergen (Svalbard) verminen. 

ln Elan, den der amerikanische Marinemini- 
stcr Lehmann 1981 lanciert (und Weinberger 
•n Norwegen bekräftigt) hat. 
pn kurzer Rückblick: Major Anders Hellc- 
)Ust löste durch seine Magisterarbeit »Unter¬ 
suchung der in Norwegen stationierten, mili¬ 
tätischen Navigationssysteme der USA«, 
74 : eine Verhaftungswelle und sichcrheits- 
P oitische Debatte aus, die Norwegen durch¬ 
einander brachte. Damit war die selbstaufer- 
c gte offizielle „Basen-und Nicht-Atompoli- 
bk, ein entkleideter Mythos. Ein Untersu- 
c lun gsausschuß des Stortinget (Osloer Parla¬ 
ment) erklärte diese Arbeit zum Staatsge- 
lc imnis, ohne mit dem Mut der 2 Abgeordne¬ 
ten der Sozialistischen Volkspartei zu rech¬ 
nen» die auspackten. Verwickelt in diese Ver- 
° fen dichung war der Journalist Ivar Johan- 
Scn (norweg. militärpolit. ‘Günter Walraff 
u nd Redakteur von Ikkevold), der für Monate 
U! Untersuchungshaft geriet. Um ihn und den 
^ Abgeordneten, denen mit einem »Reichsge- 
p Clt<< gedroht wurde, zu helfen, legten die 
^edensforscher N. P. Gleditsch und Owen 
ut-ccs (inzwischen auf Lebenszeit aus Schwe¬ 
rt ausgewiesen) ein Gutachten - später 
uch - vor, aus dem hervorging: 

Norwegen ist das wichtigste Steuerpult für 
,c US-Marine und Luftwaffe im Atlantik und 
,n ^ Cr Nordsee geworden. Die amerikani- 
SciCn Eunknavigationssystcme »Loran C« 
und »Omega« - von Nord nach Süd über das 
augestreckte Land verteilt-dirigieren die mit 
lomwaffen beladenen U-Boote »Poseidon« 
und »Polaris« und können später ebenso die 
ändern« bedienen. Eine Reihe von Lausch- 
Un d Peilstationen sind verdeckt installiert 


(letztere waren Untersuchungsgegenstand 
des später herausgegebenen Buches »Onkel 
Sams Kaninchen«, das zum Prozess und zur 
Verurteilung gegen Gleditsch und Wilkens, in 
Oslo, führte.) 

Hellebust arbeitet heute als Forscher und 
ist aktiv in verschiedenen Anti-Kriegsgrup¬ 
pen. Er hat Berichte des amerikanischen Kon¬ 
gresses gelesen und macht nun Norwegen und 
die Welt aufmerksam. Die USA sind dabei ei¬ 
ne gigantische Menge van Cruise-Raketen vor 
der nord-norwegischen Küste zu installieren. 
Infolge dieses Plans sollen bis Ende nächsten 
Jahres 4000 (Tausend!) Cruise-Raketen mit 
Atomsprengköpfen auf Oberflächenschiffen, 
U-Booten und Bombern einsatzfertig sein 
(während in Genf über die 572 Raketen ver¬ 
handelt wurde, während die Friedensbewe¬ 
gung nur auf diese 572 fixiert war). 

Die Bestellung einer solchen Menge Toma- 
hak-Cruise-Raketen sind in Zahl und. Zeit¬ 
raum in Kongreßberichten formuliert. Münd¬ 
liche Bekräftigungen liegen vor, darunter von 


■mmm 






PJII 





Admiral Powell, Direktor im Pentagon für 
strategische Kriegsführung, während eines 
Hearings. Im Februar 1979 antwortete der 
Marinechef Thomas Hayward in einem Se¬ 
natshearing detailliert auf die Frage, welche 
Flugzeuge und Minen benutzt werden und 
wieviel Zeit es braucht, die Nordflotte der So¬ 
wjets einzusperren (Hearing before the Com¬ 
mittee on Armed Services, United States Se¬ 


nate 1979, st.558). 

In diesem Zusammenhang wird die Arbeir 
von Norwegens geographischer Meßanstalt 
»sinnvoll«, die in den letzten Jahren eine 
»Hochdatenkarte« erarbeitet hat. Diese »di- 










4 



»Der FinnmarksbrancK nach einem Gemälde von Elise Danielsen. Das Bild vermittelt einen 
Eindruck von den Leiden der Einwohner- Kindern, Kranken und Alten - die in kleinen Booten 
zusammengepfercht der Vernichtung ihrer Heime zusahen. 


gitale Topographie« ist farbgedruckt und be¬ 
deutet: die gesamte Norwegenkarte kann auf 
einer winzigen Magnetspule gelagert werden. 

Das Gelände wird in naturgetreuem, 
dreidimensionalen Maßstab auf einen Daten¬ 
schirm geworfen. Eine Cruise-Rakete, die 
nach dieser Karte navigiert, fliegt in einer Hö¬ 
he von 2,3 Menschengrößen und folgt prak¬ 
tisch dem Gelände - womit sie beinahe unan¬ 
greifbar ist. An bestimmten Punkten kann sie 
gar nach Einprogrammierung den Kurs wech¬ 
seln. (Das schwedische Lantmaeteriverket 
hatte schon 1979 200.000 Exemplare einer 
entsprechenden Karte über Nord-Schweden - 
schwedisches Samenland - an die Pentagon 
Defcnce Mapping Agency geliefert, versehen 
mit allen gewünschten Extras und in engli¬ 
scher Sprache. Dieser neutral-schwedische 
Handel wurde in der bürgerlichen Regie¬ 
rungsperiode getätigt.) 

Es braucht nicht mehr als 30-40 Schiffe, U- 
Bootc oder schwere Bomber (B-52), um diese 
4000 Raketen im Verlaufe von Sekunden ab¬ 
zufeuern. Eine denkbare Strategie ist ein 
Transitpunkt auf der Finnmarksvidda (Kern- 
gebict der Samen) für alle Cruise-Rakcten, 
abgeschossen von verschiedenen Positionen 
entlang der Küste Nordnorwegens und in der 
Luft. Der 2. Transitpunkt kann in einer gün¬ 
stigen Position auf der Varangcr-Halbinsel 
liegen, um von dort aus flach überm Gelände 
auf die Kola-Halbinsel Iosgclassen zu werden, 
wo sic von den sowjetischen festen Installatio¬ 
nen zu spät entdeckt würden. Die Treffsicher¬ 
heit der Raketen wird mit plus/minus 10 m an¬ 
gegeben. 

Anders Hellebust hat herausgefunden, daß 
1983 schon Cruise-Raketen mit konventionel¬ 
len Sprengköpfen eingesetzt wurden, - auf 
den amerikanischen Angriffs-U-Bootcn der 
Los Angcles-Klassc. Und Dezember 82 wur¬ 
den die B-52 Bomber mit diese Raketen be¬ 
stückt, die in den USA als »kleine Atombom¬ 
ben« gehandelt werden. 

Infolge der amerikanischen Zeitschrift »Avia¬ 
tion Weck« existieren beständig 2 Mannschaf¬ 
ten, so daß ständig die U-Boote an der nor¬ 
wegischen Küste einsatzbereit sind. Sie be¬ 
richtet von den im Bau befindlichen Silos, in 
die statt wie bisher 4, in Zukunft 7 Raketen 
passen. Jedes U-Boot wird mit 12 Silos ausge¬ 
stattet. 


Hellebust sieht (in einem Disput mit Staatsse¬ 
kretär Hammerstad vom Verteidigungsmini¬ 
sterium) das größte Dilemma für Norwegen 
darin, daßdieUSAoffcnvon der Möglichkeit 
reden und dies auch planen, daß eine solche 
Operation in ihre Strategie eingeht. D.h. bei 
einer Konfrontation zwischen den Großen, 
wo auch immer, wird es zu einem Gegenzug in 
Nordnorwegen kommen, mit eventuellem 
nachfolgenden Angriff auf die Halbinsel Ko¬ 
la. 

Der Rest der norwegischen Selbständigkeit 
besteht darin, daß sie z.B. Caspar Weinberger 
bei seinem Inspektionsbesuch davon abrie¬ 
ten, an der sowjetischen Grenze provokativ 
aufzukreuzen. 


Auf die Frage von Ikkevold, ob die Stationie¬ 
rung von den Raketen in der Norwegensec ei¬ 
nen amerikanischen Gegenzug zum mögli¬ 
chen Verlust der »Genf-Raketen« (nach wei¬ 
tergeführten, erfolgreichen Verhandlungen) 
darstellt, antwortete Hellebust: »Anfangs 
glaubte ich, daß das so war: entweder 572 in 
Genf oder 4000 in der Norwegensee. Später 
ging mir auf, daß die Amerikaner beide Teile 
wollen. Die setzen ganz einfach maximal - 
überall.« 

[Dieser Text ist eine Vorabdruck einer aus¬ 
führlichen Broschüre zu den skandinavischen 
U-Boot-Meldungen und ihren Hintergrün¬ 
den. Die Broschüre wird zum Juni/Juli 84 im 
TROTZDEM-VERLAG, Reutlingen er¬ 
scheinen.] 



NATOs radarvarslingsstasjon NADGE 
NATOs radarvarslingsstasjon NADGE 
Reparasjon- og forsynlngsbase for ubäter 
Ace-Hlgh, sambandsstasjon tilknyttet NADGE 
COB-flyplass- Pfalz, __ 


x* & 


USA-Militärmanöver 

in 

Bardu 

Sorreisa 

Tromso 

Finnsnes 

Mälselv 










5 


Geheimer US-Stützpunkt 



Die geheime Besetzung der Faröer-Inseln 
von Owen Wilkes und Paul Claesson 


Mit Erlaubnis der dänischen Behörden - 
entgegen ihrer Basenpolitik - haben die USA 
in den letzten 24 Jahren eine militäische Kom¬ 
munikationsanlage auf den Färoer-Inseln be¬ 
lieben . Die Anlage, im Besitz der amerikani¬ 
schen Luftwaffe, USAF, ist eine der Relais¬ 
stationen im North Atlantic Radio System, 
^ARS, eine sogenannte troposphärischc scat- 
tCr Radioverbindung, welche wiederum eines 
der vielen sich überlappenden Kommunika¬ 
tionssysteme im amerikanischen, weltums¬ 


pannenden militärischen Defense Communi- 
caiion System, DCSausmacht. 

DCS ist ein Kommunikationssystem, das 
die USA nicht mit ihren Alliertcn in NATO, 
^EATO und anderen Alliancen teilen. Dar- 
u m ist auch NARS nie Teil der NATOzusam- 
menarbeit geworden. Weder die NATO, 
noch das Gastland Dänemark haben irgendei¬ 
ne Entscheidungsgcwalt oder nur Kenntnis 
davon, welche Daten über das NARS’Relais 
auf Sornfelli transmittiert werden oder auch 
aber die Ziele dieses Systems. (...) 

In über 20 Jahren war NARS der Kern eines 
Netzes von geheimen Stationen, die elektro- 
m^chc, nachrichtendienstliche Daten aus ver¬ 
deckten und in vielen Fällen ungesetzlichen 
-auschpostcn in ganz Europa nach Fort Mea- 
c überführten, in eine Stadt, die aus Daten- 
te nrtinals, Antennen, Komplexen, Bürobau- 
Jen etc. besteht;-Hauptquartier der National 
Security Agency, NSA. 


SA ist die größte, mächtigste und effektivste 
(verantwortlich für mehr als 80% aller nach- 
nc htcndicnstlichen Daten, die in den USA 
P r oduziert werden) und auch absolut geheim¬ 
ste innerhalb der verwirrend grossen Anzahl 
Hlblcgalcr Geheimdienst-Organisationen. 
5pffiziell hat NARS eine andere Funktion. 

as System besteht aus einer Kette von ca. 15 
So gcnannten troposphärischcn Scatterstatio- 
!? Cn > die sich vom kontinentalen Amerika 
J! ^ cr Canada, Grönland, Island, Färörn und 
c ü°ttland erstrecken, um von dort mit ande- 
rcn amerikanischen Datanetzen in England 
Un d auf dem Kontinent zusammcngekoppelt 


zu werden. Die Station auf Sornfelli hat Ver¬ 
bindung mit dem letzten Glied in der amerika¬ 
nischen DEW-Kette bei Stoksnes auf Island 
und mit der amerikanisch-britischen Kommu¬ 
nikationsbase bei Mormond Hill, nördlich 
von Aberdeen in Schottland. 

Diese Stationen funktionieren grob gese¬ 
hen so, daß ein UHF oder SHF Signal mit Hil¬ 
fe eines sehr kräftigen Senders und einer riesi¬ 
gen Tafelantenne, die einen Durchmesser von 
3-40 m haben kann, in die Troposphäre hin¬ 
aufgeworfen wird, eine der höchstgelegenen 
Luftschichten der Atmosphäre. 

Von hier wird das in alle Richtungen weiter 
verteilt. Ein kleiner Teil dieser Strahlen wird 
in die gewünschte Richtung herunterge¬ 
schickt, wo er von einer Antenne aufgefangen 
wird, identisch mit der ersten. Mit Hilfe eines 
sehr feinen Modulators und eines kräftigen 
Verstärkers werden die Signale verdeutlicht 
und verstehbar übersetzt. Normalerweise 
werden 2 parallele Sender/Empfänger im 
Tandem verwendet, die jeweils ihre Frequenz 
benutzen, um atmosphärische Störungen zu 
kompensieren. Die 2 Signale werden wieder 
zusammengesetzt, so daß man die größt mög¬ 
lich Klarheit erreicht; - aus diesem Grund hat 
auch die NARS-Anlage auf Sornfelli vier An¬ 
tennen^...) 

Als die Tropotechnologie Anfang und Mit¬ 
te der 50er entwickelt wurde, bevor 1957 die 
Satelliten auftauchten, gewann sie rasch eine 
führende Stellung unter den langreichenden 
Radio-Kommunikationssystemen. Sie hatte 
viele Vorteile, weil die Tropoverbindungen 
die Ionosphäre nicht benutzen (diese wird 
durch die unter ihr liegende Luftschicht re¬ 
flektiert), ist sie im Unterschied von allgemei¬ 
nen Kurzwellen-Transmissionen immun ge¬ 
genüber ionosphärischen Störungen. Da die 
Tropowellen hinter den Horizont gehen, be¬ 
vor sie reflektiert werden, sind sie nicht wie 
Mikrowellensysteme abhängig von Relaissta¬ 
tionen innerhalb des Horizontes und benöti¬ 
gen eine weit geringere Anzahl von Anlagen. 
Der letztgenannte Vorteil trägt nicht nur zur 
Verbilligung der Kosten bei, er macht auch 
die Anlagen weniger verletzbar gegenüber 
Angriffen; - und es wird möglich größere Ge¬ 
biete abzudecken, wo sonst keine ausreichen¬ 
de Anzahl von Relaisstationen angelegt wer¬ 
den könnte; - z.B. große Meer-und Polarge¬ 
biete. Was die Polargebiete angeht, so ist es 
hier wegen der ionosphärischen Verhältnisse 


praktisch unmöglich, Kurzwellenanlagen zu j 
verwenden. Die Troposcatter-Kommunika- | 
tion kann auch eine viel größere Menge von ! 
Daten überführen als dies durch Radio-Kom- | 
munikation in niedrigen Frequenzen möglich j 
ist. 

(...) *Die Tropoverbindung wurde von der 
amerikanischen Luftwaffe als eine Fortset¬ 
zung der DEW-Kette präsentiert und mit der 
Aufgabe versehen, das Radar des Baliistic | 
Missile Early Warning System, BMEWS, bei j 
Fylingdales Morr mit den anderen 2 BMEWS- j 
Radars und mit dem NORAD-Hauptquartier 
in Colorado zusammenzukoppeln. Diese Auf- | 
gäbe hat die Tropoverbindung gelöst seit das I 
englische Radar mit 2 Jahren Verspätung 1964 | 

fertig wurde. | 

Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit: | 
Signalabhören oder sigint (signals intelli- ! 
gence) ist die Bezeichnung einer relativ jun- i 
gen Spionage-Tradition, die darin besteht, die j 
Kommunikation anderer im Äther abzuhö- ! 
ren. Die meisten Menschen haben vermutlich | 
von den sowjetischen »Spionagetrawlern« ge- j 
hört, die Flottenmanöver der NATO beschat¬ 
ten und die an den Küsten der Alliierten.her- j 
umstreichen, von der Ostsee zum mexikani- j 
sehen Golf, voll mit softkey-Antennengerät. 

i 

Aber nur wenige wissen, daß die USA über j 
ein weit ehrgeizigeres, umfassenderes und | 
weltumspannendes Netz geheimer Lauschpo- ' 
sten verfügen. Alle diese werden von der top- ] 
geheimen NSA gesteuert, die , obwohl eine j 
sehr viel größere Organisation als der CIA 
und in sehr viel mehr sichtbare Unternehmun¬ 
gen verwickelt, bis vor kurzem dem Licht der i 
Öffentlichkeit entzogen war. NSA wurde erst- . | 
mals bekannt, nachdem der amerikanische j 
Jurist James Bamford 1982 sein Buch »The j 
Puzzle Palace« publizierte. (...) 

NSA kontrolliert die amerikanischen Spiona- i 
gebasen von Norwegen bis zur Türkei und im 
Stillen Ozean; spioniert die sowjetischen Ra¬ 
ketenversuche aus und sammelt deren Tele- 
metridaten auf Band. NSA steht hinter den 
grossen, geheimen Spionagebasen wie Pine 
Gap und Nurrunger in Australien und Men- 
with Hill in England. NSA verfügt wahr- ; 
scheinlich über all« Informationen, die von 
westlichen Geheimdiensten gesammlt wer¬ 
den. NSA mußte seine Spionagebase im Iran 




schließen, als die islamische Revolution die 
Amerikaner aus dem Land vertrieb. 
NSA-Basen im nordöstlichen Japan und auf 
den Aleuten bei Alaska haben die Stimmen 
der sowjetischen Jägerpiloten aufgenommen, 
welche das südkoreanische Passagierflugzeug 
im September letzten Jahres verfolgten und 
abschossen. 

Die NSA hat Stationen in den USA und in 
Westeuropa längs der Grenzen zum War¬ 
schauer Pakt, im Nordatlantik und im Mittel¬ 
meer. Und eine Station auf der Spitze des 
Teufelsbergs in Westberlin . Diego Garcias, 
mitten im Indischen Ozean ist unter vielem 
anderen eine NSA-Base. Große NSA-Basen 
umgeben ganz Asien und bedecken viele ver¬ 
streute Inseln im Stillen Ozean. Geschwader 
von Spionageflugzeugen patroullieren auf 
Rechnung der NSA längs der Peripherie der 
Sowjetunion, voll mit elektronischem Lausch¬ 
gerät. Spionagesatelltien senden ununterbro¬ 
chen ihre elektronische Ernte an die NSA- 
Anlagen auf der ganzen Welt. 


Funktionsweise 

sigint kann auf verschiedene Weisen be¬ 
schrieben werden. Jene, die mit sigint arbei¬ 
ten, teilen es ein in comint (Communications 
intelligence) und elint (electronic intelligence ). 
comint wird benutzt zum Ablauschen von 
Kommunikationsverbindungen anderer Län¬ 
der. Unkodierte Mitteilungen werden einfach 
auf Band gespeichert und analysiert, während 
codierte Signale getestet und übersetzt wer¬ 
den. NSA hat eine enorme Datenkapazität 
um Codes anderer Länder zu dechiffrieren. 
Die Organisation setzt weiterhin darauf Soft¬ 
ware und das andere avancierte Datengerät zu 


entwickeln. Selbst in den Fällen, wo man die 
Dechiffrierung eines Code aufgibt, kann es 
sich dennoch auszahlen, die unverständlichen 
Transmissionen abzuhören. Es können viele 
Informationen aus bekannten Signalen geholt 
werden, Positionsbestimmungen von Sender 
und Empfänger, Umfang des Verkehrs und 
evtl. Variationen des Umfangs. Ein bevorste¬ 
hender sowjetischer Raketenversuch z.B. 
kann vorausbestimmt werden, wenn der Ra¬ 
dioverkehr zum und vom Abschußkomplex 
zunimmt. Diese Form der Regritierung heißt 
Trafikanalyse. 

Mit elint werden Messungen aller Arten elek¬ 
tronischer Transmissionen, egal welchen In¬ 
halts, bezeichnet. Diese Aktivität umfasst das 
Abhören von telemetrischer Kommunikation 
zwischen ausländischen Satelliten und Rake¬ 
ten und den entsprechenden Anlagen auf der 
Erde. Sie zielt speziell darauf ab ausländische 
Radartransmissionen zu messen, um damit 
mögliche Bombenziele festzulegen. Diese Ty¬ 
pe elint wird vom amerikanischen Spionage¬ 
flugzeug RC 135 ausgeführt, von dem die So¬ 
wjets behaupten, daß sie es mit dem koreani¬ 
schen Passagierflugzeug verwechselten. 
Durch das Messen sowjetischer Radaraktivi¬ 
tät kann die USA das sowjetische Luftvertei¬ 
digungssystem ermitteln, so daß es im Krieg 
für die B-52 Bomber und cruise missiles leich¬ 
ter wird, durchzudringen. Die USA kajin regi¬ 
strieren, welche Radarfrequenzen benutzt 
werden und mit Hilfe dieser Information spe¬ 
zielle Gegenzüge entwickeln. Durch das Er¬ 
mitteln von landgestützten und fliegenden 
Radars als Navigationshilfsmittel und Luft- 
zur-Erde-Verkehr bei sowjetischen Manö¬ 
vern kann die USA herausfinden, welcher 
Luftverteidigungstaktik die Sowjetunion 
folgt. 


Durch das Überwachen, welche Radaraktivi¬ 
tät und andere Formen von Kommunikation 
zwischen Flugzeugen und Schiffen vorgeht, 
kann man ihre Aufgaben identifizieren. Die 
Spionagetrawler und S/gmf-Installationen in 
verschiedenen Warschauer Pakt Staaten en¬ 
gagieren sich ihrerseits in der genau gleichen 
Form von Aktivitäten. 

Eine andere Art der Verwendung von elint ist 
das Benutzen von Radar zur Überwachung 
sowjetischer Raketenversuche und zur Er¬ 
mittlung sowjetischer Satellitenbahnen (dies 
ist der erste Schritt im rasch expandierenden 
amerikanischen Antisatellitenprogramm 
ASAT). Fliegende Radars mit der speziellen 
Aufgabe, einen Flugangriff zu entdecken, 
werden hauptsächlich dazu genutzt, große 
Gebiete des Warschauer Pakts zu überwachen 
- und speziell zur Identifikation von Schiffen 
oder Flugzeugtypen, die an Manövern und an¬ 
deren militärischen Aktivitäten teilnehmen. 
Ein großer Tel dieser Benutzungsweise von 
elint wird von Radars ausgeführt, die zu den 
Allierten der USAgehören. So entdeckte das 
NADGE-Radar (vgl.SF-5) auf Bornholm den 
Backfire-Mittelstreckenbomber, der zur Luft¬ 
unterstützung in einer taktischen Flottenü¬ 
bung in der Ostsee 1981 eingesetzt war. Der 
gefährliche Aspekt dieser Form von Nach¬ 
richtentätigkeit ist die offensive Kapazität die¬ 
ser langreichenden Radars, womit sie „als 
elektronische Fernrohre“ funktionieren, die 
mit hoher Präzision Angriffsflugzeuge gegen 
ein Ziel steuern können, das weit im „feindli¬ 
chen“ Territorium liegt. So können z.B. die 
NADGE-Radars in Nordnorwegen im 
Kriegsfall amerikanische Bomber gegen jeden 
Kommandobunker, Landungsbahn etc. steu¬ 
ern, die im Basenkomplex von Murmansk 
liegt. Die Sowjetunion könnte aus einleuch- 












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Vom Telex, das durch elektronische Wege 
gestohlen wird, kann die NSA z.B. die Passa- 
gieriiste ablesen, welche im Voraus für allen 
kommerziellen Luftverkehr verschickt wird. 
So weiß die NSA, wer wo auf welchem Weg 
ist, bevor ein Flugzeug landet. Von anderen 
Telex und Telegrammen kann die NSA 
brauchbare Informationen von ausländischen 
Gesellschaften aufschnappen, die den Inter¬ 
essen anderer amerikanischer Gesellschaften 
dienen können und die NSA kann rasch Infor¬ 
mationen über Fehlschläge in der Wirtschaft 
herausfinden, über neue Minalienfunde, über 
Marktprobleme, Preisänderungen und neue 
Produkte in anderen Ländern u.v.m. Dies 
sind nur einige Beispiele dafür, wie die USA 
in Friedenszeiten Nutzen aus ihrem Sigintneiz 
ziehen. Es ist kaum Übertreibung festzustel¬ 
len, daß die USA die Welt nicht deshalb in 
diesem hohen Grad kontrollieren, weil sie mit 
der Atomvernichtung bzw. mit ihren Marines 
drohen, sondern weil sie so gut wie über alles 
in der Welt Bescheid wissen, woraus sie Nut¬ 
zen ziehen können. 

In Kriegszeiten wird das Sigintneiz benutzt 
werden, um Zieldaten für alle Waffen zu pro¬ 
duzieren, die zur Verfügung stehen. Das 
„elektronische Schlachfeld“ im Vietnamkrieg 
machte es auf der Basis von Sigin tönten mög¬ 
lich , Angriffe aus der Luft auf Einzelindiviuen 
zu richten - doch das „elektronische Schlach- 
feld“ des Vietnamkriegs war ziemlich primitiv 
im Vergleich zu den Möglichkeiten, die heute 
existieren. In einem zukünftigen Krieg könn¬ 
ten strategische Bombenziele in der gesamten 
Sowjetunion und Schiffe auf den Meeren ent¬ 
deckt, identifiziert, bewertet und positionsbe¬ 
stimmt werden. Im Moment ist jedoch das 
Einsammeln von Sigintönten wichtiger; Da¬ 
ten, die in einem 3. Weltkrieg gebraucht wer¬ 
den, werden auch in diesem Augenblick ein¬ 
gesammelt. Mit Hilfe einer Reihe von speziell 
beschützten Kommunikationssystemen wer¬ 


tenden geographischen Gründen niemals ei¬ 
nen solchen Vorteil erreichen. Sie hat ganz 
einfach keine Alliierten, deren strategische 
Lage es zuließe, die USA mit dergleichen Ge¬ 
nauigkeit zu überwachen und zu observieren. 


pie Sowjetunion muß sich damit zufrieden ge¬ 
ben, ihre Aktivitäten in diesem Punkt gegen 
die Alliierten der USA in Europa zu richten. 

Sigint ist sehr wichtig für die Fähigkeit der 
i A Kriege zu führen und garantiert in Frie- 
j-enszeiten Möglichkeiten, andere Länder zu 
°ntrolliercn. Mit Hilfe des Netzes von Sigin( 
Aktivitäten wissen die USA tatsächlich, wo je- 
°s sowjetische Kriegs-oder Handclschiff sich 
^findet, auf welchem Weg diese sind, wohin 
* ,c buit Plan gehen und was sic geladen haben 
(°der jedenfalls was in den Frachtpapieren 
^pht). Das amerikanische Sigint schafft die 
°nmssctzungen zur größt möglichen politi- 
Sc lcn Ausnutzung von Ereignissen wie dem 
s °wjetischen Abschuß des koreanischen Pas- 


Si, gierfhigzcugcs.(...) 

üoeh die Spionage der NSA richtet sich 
pGit nur gegen den Osten. Im Westen haben 
,e ÜSA Zugangzu enormen Mengen von Tc- 
pfon-und Telekabeln, die direkt vom Tcle- 
pnnetz, von Satelliten und Untcrwasserka- 
pdn abgezapft werden. Die britische Post 
P’hrt tausende von Telefonkabeln durch die 
SA-Station bei Menwith Hill, wo 800 Analy- 
! ker - mit Abhörtelefonen versehen - kilo- 


,n <dervvci.se magnetische Datenbänder durch 
Rollen. 



Das Radarüberwachungsflugzeug E-3A mit dem typischen Radaraujbau 







den sie zurück nach Fort Meade geschickt, wo 
sie analysiert, zusammengestellt und bewertet 
werden, um sie danach den militärischen und 
politischen Machthabern zu überlassen. 
NARS war eines der ersten solcher Systeme 

( ..o 

Die Tropostation auf Somfeiii in einem der 
kleinsten Mitgliedsländer der NATO ist ein 
sehr kleines aber nicht unbedeutendes Glied 
in dem komplexen Netz, das NSA ausmacht. 
Die Plazierung auf den Färöer ist günstig. Lä¬ 
gen sie nicht dort, wo sie liegen, nämlich auf 
einer Klippe draussen im Meer, ist es kaum 
wahrscheinlich, daß die Tropotechnologie die 
Rolle für den Nachrichtendienst der USA für 
Europa und im Nordatlantik hätte spielen 
können, wie sie es nun mehr als 20 Jahre lang 
getan hat. 

Die NSA-Station wurde von amerikanischen 
Technikern in Zusammenarbeit mit dem Bau¬ 
dienst der Verteidigung gleichzeitig mit dem 
Gebäude der NATO-Radarstation und der 
Flugstation Thorshavn auf Sornfelli gebaut, 
unweit von Thorshavn-Stadt in nördlicher 
Richtung, 

Das war 1959-62. Es ist kaum ein Zufall, daß 
die zwei Installationen die Bergspitze teilen. 
Die gemeinsame Adresse hat schon mehr als 
20 Jahre verheimlicht, daß es sichum mehr als 
eine Anlage handelt. Verstärkt wird diese 
Fehlinterpretation dadurch, daß die 2 Statio¬ 
nen offiziell der gleichen Kommadantur un¬ 
terstehen, ~ dem adminstrativen Hauptquar¬ 
tier bei Mjörkadal. 

Doch während die Radarstation dänisch ist, 
zur NATO gehört und operativ ein Teil des 


britischen Luftverteidigungsdistrikts ist, ist 
die NARS-Station amerikanisch, bemannt 
mit amerikanischen Technikern und direkt 
der amerikanischen Luftwaffe unterstellt. 
Das Kommando des Chefs von Mjörkadal 
über die NARS-Station ist lediglich formell 
und berührt nur die Kontakte zwischen 
NARS und der färoerschen Gesellschaft - 
Kontakte, die eigentlich gar nicht existieren. 

Ironischerweise ist die NARS-Anlage das 
erste, was ein Besucher bemerken würde, 
wenn er sich Sornfelli nähert. Die 4 großen 
Tafelantennen sind auf Kilometer hinaus 
sichtbar auch dann noch, wenn die Radarkup¬ 
peln von Nebelbänken verschluckt sind. Die 
Anlage wird von 5 oder 6 zivilen Technikern 
der amerikanischen Elektrofirma ITT be¬ 
treut, welche in Konkurrenz zu FSI und RCA 
NARS eine Reihe anderer hochtechnologi¬ 
scher Kommunikationssysteme für die 
US Airforce auf Kontraktbasis betreibt. ITT 
verlor neulich einen Kontrakt über 78 Mio 
Dollars an FSI (FELEC Services Inc., die in 
vielen Jahren die amerikanischen Anlagen auf 
Grönland betrieben haben) zur Betreibung 
der DEW-Kette und NARS, was bedeuten 
kann, daß das Personal in naher Zukunft ganz 
oder teilweise ausgewechselt wird. Es muß be¬ 
merkt werden, daß die Bemannung durch zi¬ 
viles Personal keinerlei militärische Bedeu¬ 
tung hat, weder was die Funktion noch was 
den Status der Anlage betrifft. 

Soweit es »Forsvar« (kritisches dänisches 
Militärmagazin) bekannt ist, hat noch nie¬ 
mand darum ersucht, die NARS-Anlage zu 
besuchen. Das liegt vermutlich daran, daß 


niemand über die Existenz reflektiert hat. Als 
wir selbst anriefen, die Nummer steht im Tele¬ 
fonbuch, um unseren Besuch anzumelden, er¬ 
klärte eine Stimme mit spanischem Akzent 
auf amerikanisch, daß wir erst den dänischen 
Kommandanten in Mjörkadal um Erlaubnis 
fragen müßten. Das machten wir und erhiel¬ 
ten ein Nein. 

NARS ist die einzige ausländische militäri¬ 
sche Anlage, errichtet auf dänischem Territo¬ 
rium, - im Unterschied zu den Basen auf 
Grönland - ohne offenen Vertrag, parlamen¬ 
tarische Kontrolle oder offizielle Anerken¬ 
nung; - eine Praxis, die auch für andere Län¬ 
der zutreffen dürfte. 

* Eine detaillierte Beschreibung der Tropokommu- 
nikation und ihrer militärischen Bedeutung ist zu 
finden in: Björn Rörholt: Tropos färische scatter- 
kommunikation , in: Militsert Tidskrift Nr.6, 1966; 
in: Frank A. Günther: Tropospheric Scatter Com¬ 
munications - past, present and future, in: IEEE 
Spectrum, Sept. 1966, und Lt.Col. William 
R.Gregg: Troposcatter and Radio Relay, in: NA- 
TOs Fifteen Nations Säecial Issue Nr.2,1980 

* James Bamford: The Puzzle Palace. A Report on 
NSA, Americas Most Secret Agency, Boston 1982. 
In einer englischen Ausgabe ist ein Kapitel zusätz¬ 
lich über die Zusammenarbeit der NSA mit ihrem 
britischen Gegenstück GCHQ eingefügt. 

Der Text erschien zuerst in »Forsvar«, bewirkte er¬ 
regte Reaktionen im dänischen Parlament und auf 
den Färöern - außer der Zeitschrift »INFORMA¬ 
TION« gingen die Medien mit keinem Wort auf die 
Enthüllungen ein; auch nicht als das dänische Au¬ 
ßenministerium in groben Zügen den Sachverhalt 
bestätigte. 

* Forsvar, März 1984, Nr. 13-14; übersetzt von Jür¬ 
gen Wierzoch, Oslo, 6.4.1984 











3t 

4 



TIMILITARISMUS 

von Arno Klönne 


Mas» 



Daß cs in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig eine Friedensbewegung gibt, die 
bei Massen von Menschen Zuspruch findet, gerade auch bei jungen Leuten und bei den 
(traditionell gesprochen:) bürgerlichen Bildungsschichten, in deren Trägerschaft der 
Protestantismus eine wichtige Rolle spielt, — dieses Phänomen stößt im westlichen Aus¬ 
land vielfach auf Verwunderung, mit der sich einiges Unbehagen verbindet. Angelsäch¬ 
sische, niederländische, skandinavische und französische Beobachter, die alles andere 
a ' s Militaristen sind, trauen mitunter der westdeutschen Friedensbewegung nicht so 
recht über den Weg. Eine solche Skepsis kommt nicht von ungefähr; ihren tiefsten 
Grund hat sie wohl in historischen Erfahrungen mit der Entwicklung von Militarismus 
Un d Antimilitarismus in Deutschland. 

Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik heute existiert, nimmt man allesinallem, 
weitgehend ohne Geschichtsbewußtsein, was selbst wiederum historische Bedingungen 
bat. Die Vergegenwärtigung der besonderen Geschichte des Antimilitarismus in 
Deutschland ist aber nicht ohne aktuellen Nutzen; sie kann der Friedensbewegung wo¬ 
möglich dazu verhelfen, mit sich selbst und mit ausländischen Reaktionen besser umzu¬ 
gehen. 


und internationalistisch gestimmt, geleitet durch die Utopie einer friedlichen 
Weltzivilisation. 

Für beide Richtungen gilt auch, daß sie in Ländern wie England und Frankreich, in den 
kleineren west- und nordeuropäischen Staaten und auch in den USA vor dem Ersten 
Weltkrieg (wie auch nach 1918) fast durchweg in scharfe Konflikte mit der herrschenden 
Militärpolitik ihrer Staaten gerieten, daß auch dort die antimilitaristischen und pazifi¬ 
stischen Bewegungen in der Minderheit blieben und Verfolgungen ausgesetzt waren; nur 
in wenigen Situationen und Fällen konnten sie auf die faktische Staatspolitik Einfluß 
nehmen. Aber immerhin — sie waren Teil der politischen Kultur und Öffentlichkeit die¬ 
ser Länder, mitunter sogar wirksame Gegenmacht in der eigenen Gesellschaft; in kei¬ 
nem der genannten Länder waren Pazifisten und Antimilitaristen innerlich »ausgebür¬ 
gert«, zu »vaterlandslosen Gesellen« deklariert. 

Anders im Deutschen Reich. Der 1871 im Resultat eines militärischen Sieges über I 
Frankreich errichtete, auf fremdem Boden proklamierte deutsche Nationalstaat war der 
eigenen Definition gemäß ein Gebilde, das auf »Blut und Eisen« gründete. Der 
preußisch-deutsche Machtstaat hing nicht nur faktisch imperialistischer Politik an (was 
damals viele andere Staaten auch taten), sondern machte Militär- und Kriegsgesinnung 
zur verpflichtenden Gesellschaftsdoktrin. Der Mensch begann hier erst beim Mitglied 
des Kriegervereins, und der gebildete Mensch erst beim Reserveoffizier. Der Zivilist galt i 
nichts. 

■ | 

Hier liegt ein Wesensmerkmal des »deutschen Sonderweges«, und hier liegt auch die 
Grundbedingung dafür, daß die Geschichte des Antimilitarismus in Deutschland anders 
verlief als in Westeuropa oder in den USA. 

Das ohnehin schwachentwickelte Bürgertum in Deutschland hatte sich von der Nieder¬ 
lage bei den revolutionären Versuchen 1848/49 nie wieder erholen können. Die deutsche 
Einheit war 1871 von oben her, auf dem »preußischen Weg« zustandegebracht worden; 
demokratische Traditionen wurden systematisch verdrängt und unterdrückt. Der deut¬ 
sche Liberalismus verengte sich aufs Geschäftsinteresse, wurde zum »National-.’ 
Liberalismus« und unterwarf sich in seiner großen Mehrheit soldatisch-kriegerischen ! 
Leitbildern. Von der Universitätskanzel bis zum Volksschulbuch wurde das »deutsche ! 
Wesen« gepredigt, das sich als »heroische Kultur« begriff, in Antithese gesetzt zur 1 
»westlichen Zivilisation«, zum »angelsächsischen Händlertum« oder zur »französi- ! 
sehen Dekadenz«. Die Hoffnung auf eine Welt des Friedens wurde von der deutschen 1 
Wissenschaft zur »Widernatürlichkeit« erklärt. j 

Es ist bis heute nicht hinreichend dokumentiert und bewußt gemacht, mit welcher Kon- j 
sequenz und mit welch langfristigen ideologischen Folgen sich diese Kasernierung des i 
deutschen Geistes- und Gemülslebens nach 1871 vollzog. j 

Der deutsche Protestantismus enthielt hiergegen, aufgrund der besonderen Reforma- - 
tionsg'eschichte in deutschen Landen, kein Widerspruchspotential, im Gegenteil, im Zei¬ 
chen der Verbindung von Thron und Altar bot er ein massives Fundament für den Mili- j 
tärstaat, lieferte dessen kriegstheologische Rechtfertigung. j 

Im deutschen Katholizismus waren zunächst erhebliche Vorbehalte gegen den | 
preußisch-deutschen Militärstaat vorhanden. Katholiken galten damals vielfach als »na- j 
tional unzuverlässig«, als »ultramontan« orientierte »vaterlandslose Gesellen«. Nach- 1 
dem sich aber die Kirche mit dem Deutschen Reich arrangiert hatte, schlug der katholi- I 
sehe Selbsterhaltungswille weithin um in einen Nachholbedarf an national-militärischer j 
Zuverlässigkeit; die Mehrheit des deutschen Katholizismus wurde »verpreußt«, d.h. 
staatsloyal. Immerhin blieben starke Minderheiten kritisch und gaben den Boden ab* 
auf dem sich später sowohl eine republikanische und auf internationale Verständigung 
hinarbeitende Richtung in der Zentrumspartei, als auch antimilitaristische Gruppierun- i 
gen im Weimarer Katholizismus entwickeln konnten, die an immer noch populär- I 
katholische, antipreußische Traditionen anknüpfen konnten. Gerade der »gebildete« 1 
Katholizismus, die meisten katholischen Theologen und kirchlichen Repräsentanten wa- I 
ren freilich einem militärmachtstaatlichen Denken verfallen. 

So erklärt es sich, daß die im Wilhelminischen Reich entstehenden bürgerlichen oder ! 
christlichen pazifistischen Gruppen in einer hoffnungslosen Außenseiterstellung verhar- j 
ren mußten. Die 1892 gegründete, von Bertha von Suttners Buch »Die Waffen nieder!« j 
angeregte »Deutsche Friedens-Gesellschaft« hatte keine Chance, in die politische Kultur J 
des deutschen Bürgertums einzudringen. Zu Recht hat Franz Carl Endres festgestellt, ! 
daß vor 1914 in keinem anderen Lande Europas die Friedensfreunde so verspottet und ! 
geschmäht wurden wie in Deutschland. Als der renommierte Historiker Ludwig Quidde I 
den Militarismus kritisierte und der Deutschen Friedens-Gesellschaft beitrat, verlor er, j 
der bürgerliche Liberale und Patriot, seine berufliche Existenz und wurde gesellschaft- | 
lieh geächtet. In anderen europäischen Ländern mochte der Pazifist als politischer Geg- \ 


Antimilitaristischc oder pazifistische, auf die Verhinderung der Hochrüstung, auf Äch¬ 
tung des Krieges, auf internationale Verständigung, auf ein neues Friedens-»Weltrecht«, 
äuf inncrgesellschaftliche Entmachtung der Militärs und der Rüstungsprofiteure abzie- 
knde Gruppen und Bewegungen entwickelten sich in Europa und in den USA schon 
längst vor der Jahrhundertwende, zeitlich parallel und sachlich fundamentaloppositio- 
ncil zum Aufkommen des modernen Imperialismus, seiner Massenarmeen und seiner 

Waffentcchnologic. 

Antimilitarismus und Pazifismus (wobei letzterer damals nicht in jedem Falle als abso- 
!ut e Ablehnung militärischer Handlungen verstanden wurde) in den Jahrzehnten vor 
1900 hatten im wesentlichen zwei Herkünfte: Einerseits bürgerlich-liberale oder 
bürgerlich-christliche Bestrebungen, die von den Ideen eines praktischen Humanismus, 
einer vernünftig denkenden (und frei handelnden) Weltziviiisation oder von den gegen 
staatlichen Machtanmaßungen gerichteten Ansätzen eines reformatorischen Christen¬ 
tums geprägt waren; andererseits Strömungen in der aufkommenden Arbeiterbewegung, 
sich aus dem Protestverhalten der geschundenen Unterschichten heraus gegen die 
°brigkeitsstaatlichen Militärapparate wandten. Beide Richtungen waren anti-autoritär 





ner angenommen werden — in Deutschland aber galt der Pazifist als »gemeinschafts- Die entschieden antimilitaristische Richtung in der deutschen Arbeiterbewegung, für 
fremd«, bestenfalls als armer Irrer, in der Regel jedoch als »Volksschädling«. die schon vor 1914 der Name von Karl Liebknecht stand, war demgegenüber immer zu¬ 

gleich anti-preußisch. Karl Liebknecht war (anders als es die kommunistische Ge¬ 
ll Schichtsschreibung heute meist haben will) kein »Marxist«, kein Anhänger der Idee von 

»historischen Naturgesetzen«, und eben deshalb war er es, der die Anklage gegen die 
Und die deutsche Arbeiterbewegung? Sie wurde in den Jahrzehnten vor 1914 zur zahlen- Kriegstreiber glaubwürdig, konsequent und wirkungsvoll vertreten konnte, 
mäßig starken Opposition gegen den preußisch-deutschen Feudalstaat; sie wurde zur be- Als während des Ersten Weltkrieges die offizielle Politik der deutschen Arbeiterpartei 
storganisierten Kraft der sozialdemokratisch-sozialistischen und gewerkschaftlichen Be- (zur großen Enttäuschung vieler Sozialisten in anderen Ländern) sich loyal der Militär- 
wegung im internationalen Maßstab. Staatlichkeit unterwarf, wirkten dabei unterschiedliche Orientierungen mit, die sich kei- 



Die deutsche Arbeiterbewegung trat für die internationale Solidarität, gegen den Milita¬ 
rismus auf, sie übernahm die aufklärerisch-zivilisatorischen Positionen, die das deut¬ 
sche Bürgertum beiseitegeschoben hatte. Wenn es in Deutschland vor 1914 eine Veranke¬ 
rung antimilitaristischer Bestrebungen in den Massen gab, dann hier; und die Arbeiter¬ 
organisationen in anderen Ländern setzten große Hoffnungen in die friedenspolitische 
Rolle der deutschen Sozialdemokratie. 

Aber auch in der deutschen Arbeiterbewegung war die Protesthaltung gegenüber dem 
nationalen Militärstaat nicht ungebrochen, und insofern war das Einschwenken der so¬ 
zialdemokratischen Mehrheit in Deutschland auf die Kriegsloyalität im Jahre 1914 kein 
unerklärliches Ereignis. 

Schon in den Gründerjahren der deutschen Sozialdemokratie konkurrierten staatssozia¬ 
listische Bewunderer des Preußentums mit liberalsozialistischen Kritikern Preußens; in 
die ideologische Überlieferung der deutschen Arbeiterpartei ging die eine wie die andere 
Strömung ein. Im Laufe der Jahre fand sich auch die deutsche Sozialdemokratie mit 
der Bismarckschen Lösung der »deutschen Frage« ab, entgegen den Warnungen eines 
Wilhelm Liebknecht. Bei aller erklärten Gegnerschaft zum preußisch-deutschen Obrig¬ 
keitsstaat blieb die deutsche Arbeiterbewegung von der darin herrschenden Militärgesin¬ 
nung nicht unberührt, was Erich Mühsam mit dem Begriff des Bismarxismus beschrie¬ 
ben hat. Zum Pazifismus hielt die deutsche Sozialdemokratie vor 1914 kaum irgendei¬ 
nen Kontakt; er galt ihr eher als eine bürgerliche Gefühlsduselei. Hierin unterschied sich 
die deutsche Arbeiterbewegung sehr eindeutig von den Arbeiterorganisationen und so¬ 
zialistischen Parteien in vielen anderen Ländern; dort existierten viele Querverbindun¬ 
gen und Mischungen von Arbeiterbewegung und Pazifismus. 

Die deutsche Sozialdemokratie war kaum beeinflußt von dem anarchistisch¬ 
syndikalistischen Abscheu gegenüber der Militärmaschinerie oder dem ethisch¬ 
humanitären Friedensutopismus, wie sie in den romanischen oder angelsächsischen Ar¬ 
beiterorganisationen damals weit verbreitet waren. Gut bekommen ist diese Distanz der 
deutschen Arbeiterbewegung durchaus nicht. Ihre antimilitaristischen Ansätze waren 
oft lahmgelegt durch eine »wissenschaftlich-sozialistische« Geschichtsgläubigkeit, die 
im praktischen politischen Leben Passivität nach sich zog, mitunter auch nicht viel 
mehr war als ein Alibi für die Anpassung an den preußisch-deutschen Machtstaat. 
Marx und der »Marxismus« der deutschen Sozialdemokratie waren daran keineswegs 
unschuldig. Der Gedanke der »Naturgesetzlichkeit«' des weltgeschichtlichen Ablaufs 
konnte es so erscheinen lassen, als sei jede Aktivität gegen den Krieg und gegen den Mi¬ 
litarismus vor dem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohnehin ein müßiges 
Unternehmen. Und hatten Marx und Engels nicht zeitweise die Auffassung vertreten, 
der Aufstieg Preußen-Deutschlands sei ein »objektiver« historischer Fortschritt, günstig 
auch für die Arbeiterbewegung? Wenn man diesem Gedanken folgte, dann lag die Be¬ 
wunderung für das militärstaatliche Modell nicht fern... 


neswegs entlang der Scheidelinie von »marxistisch« hier, »revisionistisch« dort ident in¬ 
zieren lassen. Zur »Burgfriedenspolitik« nach innen, und das hieß: zur Kriegspolitik 
nach außen bekannten sich biedere sozialdemokratische Pragmatiker, oft Gewerk¬ 
schaftsführer, die im Grunde immer schon deutschnational gedacht hatten und nun 
froh waren, ihre patriotische Zuverlässigkeit unter Beweis stellen zu können (zumal diese 
die staatliche Anerkennung der Arbeiter-»Mitbestimmung« endlich mit sich zu bringen 
schien). Zur Kriegspolitik bekannten sich aber auch sozialdemokratische Intellektuelle, 
bis dahin oft »Marxisten«, die in der deutschen Kriegsverwaltungswirtschaft schon den 
Umschlag in die »sozialistische Planwirtschaft« zu sehen meinten und im Sieg Deutsch¬ 
lands den Erfolg der »höheren Stufe« der staatlichen Entwicklung erhofften, was auch 
der Arbeiterschaft »objektive Vorteile« erbringen sollte. Auch in anderen am Krieg be¬ 
teiligten Ländern paßten sich damals erhebliche Teile der Arbeiterorganisationen natio¬ 
nalistischen Stimmungen ein; aber nur in Deutschland griff in der Arbeiterbewegung 
der Gedanke des »Kriegssozialismus« um sich, die Vorstellung also, der perfekte Mili¬ 
tärstaat sei die beste Vorbereitung für die klassenlose Gesellschaft. 

Die Opposition in der deutschen Arbeiterbewegung hingegen, die dann ihre parteimäßi¬ 
ge Form in der USPD fand, sammelte die Gegner des Militarismus, ganz gleich, ob sie 
»Marxisten« oder »Revisionisten«, »Revolutionäre« oder »Reformisten« waren. Gerade 
in der Industriearbeilerschaft breitete sich eine Antikriegsbewegung aus, die weitgehend 
spontane Ursprünge hatte; sie richtete sich nicht nur gegen die Politik der Kriegsverlän¬ 
gerung und die sozialen Folgen derselben (»Frieden und Brot!«), sondern zunehmend 
gegen den deutschen aggressiven Machtstaat überhaupt und gegen die ihn tragenden ge¬ 
sellschaftlichen Eliten. Auch im deutschen Bürgertum regte sich etwas; der »Bund Neu¬ 
es Vaterland« (der später zur »Deutschen Liga für Menschenrechte« wurde) und der 
deutsche Zweig der »Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit« hielten dem 
deutschen Imperialismus ein anderes, an Völkerrecht und Völkerverständigung orien¬ 
tiertes politisches Konzept entgegen. Die in Westdeutschland und Südwestdeutschland 
nie ganz vergessenen Traditionen eines freiheitlichen Bürgersinns belebten sich wieder; 
die antipreußischen Strömungen im Volkskatholizismus wagten sich wieder hervor. 

Der Zusammenbruch des deutschen Obrigkeitsstaates im November 1918 war sicherlich 
zum Teil die Konsequenz der militärischen Niederlage, zum anderen Teil aber war er die¬ 
ser breitgelagerten, vielschichtigen Volksopposition gegen den preußisch-deutschen 
Militär- und Machtslaat zu verdanken, — eine ganz andere historische Situation, als wir 
sie 1945 beim Zusammenbruch des deutschen Faschismus vorfinden, der machtpolitisch 
allein dem Zugriff von außen zuzuschreiben ist. 



Gewiß war es 1918 nicht so, daß Chauvinismus und Militarismus in Deutschland keine 
nennenswerte Gefolgschaft mehr gehabt hätten. Aber die Gegenpositionen hatten nun 
wirklich Massen hinter sich; freiheitliche und friedliche Politikauffassungen schienen 
hierzulande endlich eine Chance zu erhalten. Aus der alltäglichen Erfahrung der Greuel 
des modernen Krieges entwickelte sich eine weitgreifende Bewegung mit dem erklärten 
Ziel: »Nie wieder Krieg, nie wieder Militarismus!« Daraus hätte etwas werden können. 
Warum dann doch nichts daraus wurde, — diese Frage wird heute immer noch (und bis 
in liberale oder linke Geschichtsdarstellungen hinein) mit dem Hinweis auf die negati' 













ven Folgen des Versailler Friedensvertrags und die daraus entspringenden materiellen 
Notzustände beantwortet. Darin steckt jedoch nur ein Moment des historischen Sach¬ 
verhalts, eine Viertel Wahrheit sozusagen, und indem diese die anderen Momente ver¬ 
drängt, wird sie zur ganzen Lüge, die darauf aus ist, die deutschen politischen Verant¬ 
wortlichkeiten zu verschleiern. 

Die Wahrheit ist, daß in der Weimarer Republik der Militarismus bereits wieder »von 
Staatswegen« rehabilitiert, der Antimilitarismus von den öffentlichen Gewalten (und 
nicht nur von den rechtsradikalen Gruppierungen) verfolgt wurde, als die mit der Welt¬ 
wirtschaftskrise einsetzende Notlage noch gar nicht eingetreten war, sich nicht einmal 
ansagte. 

• 

Schon bald nach dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Kaiserreiches setzten die 
wiederauftauchenden oder neu sich formierenden nationalistischen Verbände und 
Gruppen sowie die mit ihnen kooperierenden alten gesellschaftlichen Machteliten in der 
hohen Bürokratie, im Großbesitz, in der Justiz und im Militär ihre ganzen materiellen 
und ideologischen Energien in den Versuch, dem Antimilitarismus faktisch und bewußt- 
scinsmäßig den Boden zu entziehen. Zwei politische Operationen vorallem dienten die¬ 
sem Ziel: Erstens wurde legal und illegal den militärischen Verbänden die Position eines 
»Staates im Staate« zugeschanzt, d.h. in einer Art Arbeitsteilung zwischen Reichswehr 
und Freikorps wurde das Militär der Entscheidungsmacht der neuen Demokratie entzo¬ 
gen; zweitens wurde mit riesigem Propagandaaufwand die Version vom »Versailler 
Schanddiktat« unter die Leute gebracht und Deutschland von jeder Kriegsschuld freige¬ 
sprochen. Diese Unschulds- und Unterdrückungsagitation, die ihrer inneren Logik nach 
Antimilitaristen und Pazifisten als Kollaborateure von »Feindmächten« erscheinen ließ, 
die nichts weiter als die »Versklavung Deutschlands« im Sinne hätten, trug wesentlich 
2 um Resscntimentnationalismus und schließlich zur Ausbreitung des Faschismus bei. 

Die Mchrheitssozialdemokraten, die 1918-1920 eine politische Schlüsselrolle innehatten, 
waren beim Erfolg dieser Operationen behilflich. Ihnen vorzuwerfen, wie es die kom¬ 
munistische Geschichtsschreibung heute noch tut, daß sie nach der Novemberrevolution 
nicht den Sozialismus in Deutschland »eingeführt« hätten, ist historisch unsinnig. Die 
Fehler der Mehrheitssozialdemokratie lagen in einem anderen Bereich: Sie versäumten 
Cs > die Militärkaste zu entmachten und sie waren nicht fähig, die Kriegsursachen offen- 
zulegcn, den ideologischen Bruch mit der Doktrin des borussischen Militärstaates zu 
vollziehen. Die Gelegenheit dazu wäre 1918/19 noch günstig gewesen. Die Schrecken des 
Krieges waren noch nicht zum »Fronterlebnis« mystifiziert, der Wahnwitz und schlie߬ 
lich das klägliche Zusammenbrechen der deutschen Militäradministration und ihrer 
Kriegszielpolitik waren noch dingfest zu machen. 

Daß an den Fehlentscheidungen der SPD der kommunistische Putschismus, vor dem 
Rosa Luxemburg zu ihren Lebzeiten noch gewarnt hatte, Mitschuld trug, ist nicht zu ver¬ 
sessen. Die USPD, in der eine historisch angemessene Konzeption zur Umwälzung der 
gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland in Richtung auf Friedensfahigkeit den 
breitesten Boden hatte, geriet zwischen die Räder der parteipolitischen Entwicklung und 
verlor ihre eigenständige Position; ein großer Teil ihrer Anhänger ging zur KPD, ein an¬ 
derer Teil zurück zur SPD, ohne daß sie hier oder dort die politischen Positionen hätten 
bestimmen können. 

Der Antimilitarismus, der als politische Bewegung Anfang der Zwanziget Jahre in 
Deutschland noch Hunderttausende von Menschen zu Demonstrationen »auf die Beine 
brachte«, hatte im Feld der Parteien schon bald keine Einflußmöglichkeiten mehr. In 
der SPD war er oft nur geduldet, immer wieder an den Rand gedrängt (was später auch 




zur Abspaltung der SAP beitrug); in der KPD galt er als »bürgerliche« Abweichung 
vom Konzept der »Bolschewisierung« Deutschlands. Dieser Teil der politischen Ge- : 
schichte der Weimarer Republik ist bis heute in der sozialdemokratischen wie in der 
kommunistischen Hausgeschichtsschreibung weitgehend verdrängt. SED und DKP ver- ! 
schweigen, daß die KPD in ihren nationalbolschewistischen Zeiten mit den Völkisch- i 
Nationalen und dann den Nationalsozialisten darin wetteiferte, das »Schanddiktat von j 
Versailles« als ein Mittel der »Versklavung Deutschlands«, als den Urgrund aller »natio- j 
nalen und sozialen Not« anzuprangern, daß sie gegen den Völkerbund hetzte und vor ! 
den Pazifisten warnte. Die »nationale Befreiung« war der Hauptprogrammpunkt der I 
KPD in den dreißiger Jahren. Daß die KPD dennoch Gegner des Faschismus war, bleibt j 
dabei unbestritten; aber zu fragen ist, in welchem Umfange die nationalistische Propa- ; 

ganda der Kommunisten dazu beitrug, den Antimilitarismus zu schwächen und Arbeiter j 

ideologisch wehrlos zu machen gegenüber den »nationalrevolutionären« Argumenten j 

der NSDAP. 

Die SPD wiederum ließ es zu, daß in der von ihr mitgetragenen Republik der konse- ! 

quente Antimilitarismus und Pazifismus noch rigider der offiziellen Unterdrückung an- ; 

heimfielen, als dies zu Zeiten des WilheJminismus der Fall gewesen war. Hier lag zweifei- j 

los die dunkelste politische Seite des Weimarer Staates, längst vor der Herausbildung 
der faschistischen Massenbewegung. Dabei geht es nicht nur um die »Fememorde«, die 
ja nicht nur Erzberger und Rathenau trafen, sondern Hunderte von aktiven Pazifisten; 
diese Terrorakte wurden von den Justizorganen, wenn überhaupt, dann nur höchst 
nachlässig geahndet. Noch bezeichnender ist, daß Ankläger des fortlebenden Militaris¬ 
mus, der illegalen Militärverbände, der »Schwarzen Reichswehr« —, daß sogar Vertreter 
der These, das Deutsche Reich sei nicht schuldlos am Ersten Weltkrieg, von Staatswegen 
verurteilt, daß ihre Zeitungen verboten, daß ihre Publikationen beschlagnahmt wurden. 

Mit Hilfe der Repräsentanten der SPD wurde die Legende von der historischen Un¬ 
schuld Deutschlands und des deutschen Militärs zum staatlichen Gebot, wurde die Tar¬ 
nung der illegalen Rüstung in der Weimarer Republik zum ungeschriebenen, aber ober¬ 
sten Gesetz erhoben, hinter dem jede Rechtsstaatlichkeit zurückzustehen hatte. Dies al¬ 
les im Zeichen der »nationalen Ehre«, die nicht »befleckt« werden dürfe. Viele Wort- 










12 



führer des Antimilitarismus wurden schon zu Zeiten der Weimarer Republik ins Exil 
verjagt, so etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, der christlich-konservative Ethiker und 
Pädagoge Friedrich Wilhelm Foerster, der sich nicht zum Schweigen über die Untaten 
des preußisch-deutschen Militarismus verurteilen lassen wollte. 

Der ideologische Ausschluß der Pazifisten aus der »Volksgemeinschaft«, die justizielle 
Verfolgung der durchaus rechtsstaatlichen Aktivitäten konsequenter Antimilitaristen — 
das waren Charakteristika der politischen Realverfassung der Weimarer »Demokratie«, 
ganzundgar undenkbar in irgendeinem anderen westlichen parlamentarischen System. 
Daß die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung in Deutschland dennoch bis 1933 
nicht zerschlagen werden konnte, ist festzuhalten. Diese Bewegung war politisch weitge¬ 
fächert, sie reichte von konservativ-föderalistisch und antipreußisch geprägten, auf in¬ 
ternationale Versöhnung hinarbeitenden Katholiken (für die die »Allgemeine Rund¬ 
schau« des Georg Moenius den publizistischen Sammelpunkt bildete) über die traditio¬ 
nellen bürgerlich-liberalen Friedensgruppen (die sich unter anderem an der in der 
Schweiz erscheinenden »Friedenswartc« orientierten) bis zu den Antimilitaristen aus de^ 
j Arbeiterbewegung (deren Argumente vor allem in der Zeitung »Das Andere Deutsch- 
! land« publiziert wurden). Zeitweise hatte diese Friedensbewegung in den Jugendbünden 
| erheblichen Einfluß (repräsentiert etwa durch die Zeitschrift »Junge Menschen«), der 
i sich vor allem in werktätigen Schichten der katholischen Jugendbewegung bis 1933 hal¬ 
ten konnte (Zeitschrift: »Vom frohen Leben«); auch der »Friedensbund Deutscher Ka- 
| tholiken«, der mit der »Rhein-Mainischen Volkszeitung« eng zusammenhing, hatte er¬ 


hebliche Bedeutung. Schwieriger war das Terrain für die Friedensbewegung im damali¬ 
gen deutschen Protestantismus; hier waren nur zahlenmäßig kleine Kreise der »Religiö¬ 
sen Sozialisten« für pazifistische Argumente ansprechbar. Auch einige regionale Tages¬ 
zeitungen (so der Dortmunder »Generalanzeiger«) waren offen für Beiträge aus der 
Friedensbewegung. Aus den unteren Organisationsgliederungen der SPD wie der KPD 
waren vielfach trotz aller Bemühungen der Parteileitungen die Leitbilder eines Antimili¬ 
tarismus, der sich nicht in »nationale Loyalität« oder in »nationale Befreiung« urnbic- 
gen lassen wollte, unverdrängbar. 


Erst der deutsche Faschismus vermochte die antimilitaristische-pazifistische Bewegung 
zu zerschlagen. Sie galt ihm als der ideologische Staatsfeind Nr. L Nicht von ungefähr 
waren es die pazifistisch-antimilitaristischen Autoren, deren Werke 1933 als erste der 
Bücherverbrennung unterlagen. 

Dem faschistischen Zugriff ist es weitgehend gelungen, nicht nur die pazifistisch¬ 
antimilitaristischen Organisationen und Publikationen selbst, sondern auch die Erinne¬ 
rung an sie auszulöschen. Zwischen 1933 und 1945 wurden nicht nur Menschen ins Exil 
getrieben, in die Zuchthäuser und Lager verbannt oder umgebracht; es wurden auch 
Traditionen vernichtet. Die Erbschaft des Faschismus und die politischen Bedingungen 
nach 1945 ließen in der Nachkriegszeit eine Rekonstruktion der antimilitaristisch¬ 
pazifistischen Bewegung nicht zu. 

In der DDR wurde die Erinnerung an die deutsche Friedensbewegung vor 1933 durch 
parteikommunistische Lesarten der Geschichte verstellt. In der Bundesrepublik fristeten 
die teilweise wiedergegründeten Friedensorganisationen und Friedenspublikationen ein 
kümmerliches Außenseiterdasein, stets bedrängt vom Verdacht, Parteigänger der Kom¬ 
munisten zu sein. Manche Pazifisten, die das Dritte Reich halten überleben können, ver¬ 
wirrten sich in den Fronten des Kalten Krieges und den mit ihm einhergehenden Mani¬ 
pulationen. 

Die Tradition des deutschen Antimilitarismus konnte sich einigen Raum erhalten in den 
sozialistischen Jugend verbänden der 50’er und 60’er Jahre; der bürgerliche oder christli- 
C 6 azi ,smus war we Hgehend verdrängt und vergessen. Die Geschichtswissenschaft in 
er un esrepublik war bis in die 70’er Jahre hinein so »deutschnational« beherrscht, 
a i r das Thema »Pazifismus/Amimilitarismus« als unappetitlich vorkam. Erst seit 
ein,gen Jahren ist hier ein stärkeres Interesse zu verzeichnen, 
ür le Friedensbewegung in der Bundesrepublik heute könnte die Vergegenwärtigung 
^ t, eSC 1C ^ tC ^ ^ >a2 ^’ smus un d Antimilitarismus in Deutschland, auch der Ge- 
sc ic te der staatlichen und.gesellschaftlichen Repression pazifistischer und antiinilita- 
nsüsc er estrebungen, ein wichtiges Stück Klärung der eigenen Positionen bedeuten. 

Lileruturhinweise: 

Ko, ReV0 J UU ? n? Fri 'denss lra « gif n der deutschen Sozialdemokratie; Bonn 1980. 

Konrad Brei.enborn Der Fnedensbund Deutscher Katholiken; Berlin (Ost) 1981. 

Rehabilitie°una U Brcn?erhav»n lOflTTr 0 Friedenslieben — Lebensteichen. Pazifismus zwischen Verächtlichmachung und 
He^mu DoL, “h Z h haVe "'f 2 < dl '-chtigste Sammlung von Beiden zum Thema!). 

Ka nioU und iwr« 2 n ^ l Deutsc,,laBd " ~ Auswahl; Königstein 1981. 

Ll l Lidl ^T ^ ‘ SmUS in d " Wdmarer Paderborn 1981. 

Fmnkfur?“???! herauSBegcben von Hans-Ulrich Wehlcr): Caligula - Schriften über Militarismus und Pazifismus: 


Vorgänge 1983, Heft 4/5 






Kirchenaustritte 


Seit Mitte der sechziger Jahre sind die Kir- 
chenaustritte zu einem ernsten finanziellen 
Problem für die beiden christlichen Großkir- 
c hen geworden. Das innerkirchlichc Recht 
der evangelischen und der katholischen Kir¬ 
che erkennt nämlich den Kirchenaustritt nicht 
ids Beendigung der Mitgliedschaft an. Itn 
»Evangelischen Staatslexikon« heißt cs dazu 
11 -a.: »Danach einigen Bekenntnissen - insbe¬ 
sondere dem römisch-katholischen - ein Aus¬ 
tritt aus der Kirche nicht möglich ist , haben die 
Künder durch Gesetze den Austritt geregelt; 
freilich beschränkt sich dieser Austritt auf die 
Weltlichen Rechtsfolgen wie Steuerzahlung 
ctc ’ ( Ke geistlichen Folgen (Versagung der Sa¬ 
kramente) zu regeln, liegt außerhalb der Auf¬ 
gaben des Staates ... Die Kirchengliedschaft en- 
( l<’t mit dem Tod, dem Verlassen des Kirchen- 
Gebietes, dem Übertritt zu einer anderen Glau¬ 
bensgemeinschaft, durch Ausschluß im Wege 
der Kirchenzucht . Der Kirchenaustritt bedeu¬ 
tet demgegenüber die vor einer staatlichen Be¬ 
hörde abgegebene Erklärung keine kirchlichen 
Rechte und Pflichten mehr wahrnehmen zu 
wollen. Obwohl die Kirchengliedschaft staats¬ 
kirchenrechtlich zu den eigenen, von der Kir- 
ehe selbst zu regelnden Angelegenheiten ge¬ 
bärt, muß doch der Staat zur Wahrung des 
Grundrechts der Glaubens- und Gewissens¬ 
freiheit (Art.4 I Grundgesetz) die Möglichkeit 
eines Kirchenaustritts gewährleisten. Art. 4 
(’G und in seinem Gefolge die staatliche (lan- 
d es red i fliehe) K i rchenaustrittsgesetzgebung 
begrenzen damit als „für alle geltendes Gesetz** 
die kirchliche Eigenständigkeit. Eine solche 
Garantie ist schon deshalb erfoderlich, weil die 
katholische Kirche ein Austrittsrecht rundher¬ 
aus verneint und auch nach evangelischem 
Verständnis ein ,, S i cl i sei bs t ab sei meiden“ vom 
Keibe Christi kraft des „character indelebilis “ 
( ler laufe nicht möglich ist. Der Kirchenau- 
s tritt hat daher keinerlei rechtlich-konstitutive 
Bedeutung für die Zugehörigkeit zur geistli¬ 
ehen Kirche.« 

Von 1965 bis 1980 haben rund 2,8 Millionen 
Menschen ihren Kirchenaustritt vollzogen. 
Ein diese Zahl richtig werten zu können, muß 
heuchlet werden, daß Kirchenaustritte auf- 
8 ri, nd der zu überwindenden hohen emotio- 
nalen Hemmschwelle nicht mit Austritten aus 
anderen Vereinigungen oder Organisationen 
v erglichcn werden können. Hinzu kommt, 
daß bisher nur 3 von 100, die den Kirchcnau- 
slI 'itt schon einmal ernsthaft erwogen haben, 
dann auch tatsächlich ausgetreten sind. Nach 
kirchlichen Schätzungen signalisieren zwi- 
Sc hen 20 und 30 % des für die kommenden 20 
Jahre wesentlichen und vor allem steuerlich 
wichtigen Mitglicdschaftsbcstandes der bei¬ 
den großen Kirchen, daß ihre Mitgliedschaft 
n >eht mehr selbstverständlich ist, d.h. in Frage 
gestellt ist. Versländlichcrwcisc wird eine öf¬ 
fentliche Behandlung dieser interessanten 
Entwicklung von den Kirchen möglichst ver¬ 
mieden. Unverständlich bleibt dagegen, war- 
l, m diese Frage nicht von anderen gcsell- 
Sc haitlichen Gruppierungen aufgegriffen 
' v *rd. Hs müßte doch interessieren, welche 
Motive zu diesem Exodus geführt haben und 
führen. Zum Anderen: Wer sind diese Mcn- 


1/0/7 Peter Bernhardi 

sehen und wohin gehen sie? Sind sic eine an¬ 
sprechbare Gruppe für kultur- und gesell¬ 
schaftspolitisch fortschrittliche Kräfte? 

Nach Auswertung der bescheidenen Litera¬ 
tur zu diesem Problemkomplex ergibt sich, 
daß die große Mehrzahl der Austretenden 
zwischen 20 und 40 Jahren alt ist und eine 
überdurchschittliche (Aus)-Bildung besitzt 
(wobei die Frauen bis heute in erheblich ge¬ 
ringerem Maße den Kirchenaustritt vollzie¬ 
hen). 



Zur Frage des Bildungsstandes ein Beispiel: 
Setzt man die Austritte von Akademikern aus 
der evangelischen Kirche ins Verhältnis zum 
gesamten evangelischen Bevölkerungsteil, so 
kommt man zu einem Ergebnis von etwa 5:1. 
Zu den Schichten, auf die die Kirchen noch 
fest bauen können, gehören neben den Haus¬ 
frauen, Landwirten und Rentnern auch die 
Arbeiter. 

Hinsichtlich der Motive, die zum Kir¬ 
chenaustritt führen sieht es wie folgt aus: An 
erster Stelle steht die Rückständigkeit der 
Kirchen (Ehe, Schwangerschaftsunterbre¬ 


chung, Diskriminierung der Sexualität, Schei¬ 
dung, Sterbehilfe etc.). Es folgen die Kritik 
am Verhalten der Kirchen im sozialen und po¬ 
litischen Bereich, der Autoritätsanspruch und 
die Weltfrcmdheit sowie der Dogmatismus, 
der Reichtum und die Kirchensteuer. Die Kir¬ 
chensteuer ist allerdings mit Vorsicht als Aus¬ 
trittsmotiv zu interpretieren, da sic in der Re¬ 
gel als Endpunkt eines langen Überlegungs¬ 
und Entfremdungsprozesses die wirklichen 
Motive verdeckt. — Von den Kirchen wurde 
und wird das materielle Austrittsmotiv »Kir¬ 
chensteuer« gegenüber den anderen bereits 
genannten Motiven natürlich gern hervorge¬ 
hoben. 

Die Kritik gerade der jüngeren Menschen 
wächst ständig. Das muß jedoch nicht zwangs¬ 
läufig zum Kirchenaustritt führen, es ist 
durchaus möglich, daß die Kritik zu verstärk¬ 
tem Engagement in den Kirchen - gegen de¬ 
ren Establishment - führt. Also hier zunächst 
eher eine »Wende« als ein Bruch angestrebt 
wird. 

Es sollte zu Denken geben, daß dem Kir¬ 
chenaustritt heute nur selten ein Engagement 
in anderen gesellschaftlichen Vereinigungen 
folgt. Die überalterten und oft etwas schlep¬ 
pend agierenden freigeistigen, freireligiösen 
und freidenkerischen Organisationen haben 
sich hier bisher eine Chance der Neubclcbung 
entgehen lassen. Die verbürgerlichte und bü¬ 
rokratische SPD (von heute) mit ihren vielen 
Unterorganisationen hat in Anbetracht ihres 
»Wandels« und des wahltaktischcn Bühlens 
um die Gunst der Amtskirchen kein nennens¬ 
wertes Interesse an freien Geistern. 

Ein wertvolles Potential an kritisch denken¬ 
den Menschen bleibt somit organisatorisch 
weitgehend ungenutzt. 

Trotz bemerkenswerter Entwicklungen an 
der Kirchenbasis (Friedensinitiativen, Anti- 
Atombcwcgung, Unterstützung von Frei¬ 
heitsbewegungen in der 3. Welt), darf nicht 
übersehen werden, daß die Amtskirchen und 
ihre Funktionäre ein wesentliches Hemmnis 
der gesellschaftlichen Entwicklung sind. Da¬ 
bei baut ihre weit überproportionale Macht auf 
nur zwei wesentliche Pfeiler: 

1. Dem Einzug der unfreiwilligen Mitglicds- 
beiträge (fälschlich Kirchensteuer genannt) 
durch den Staat und 

2. Die Anerkennung der Kindertaufe als Mit- 
gliedschaftserklärung. 

Hier müßte darauf gedrungen werden, daß 
ein kirchencigenes Beitragssystem die jetzige 
»Regelung« ersetzt. Eine privatrechtlich ver¬ 
bindliche Mitgliedschaft in einer Religionsge¬ 
meinschaft müßte Religionsmündigkeit vor- 
aussetzen. Die volle Religionsmündigkcit tritt 
bei uns mit 14 Jahren ein - darum können Ju¬ 
gendliche ja auch nach Vollendung des 14. Le¬ 
bensjahres selbständig aus der Kirche austre¬ 
ten. (Nebenbemerkung: Die Kindertaufe 
kommt - worüber viele Eltern sicher nicht 
nachgedacht haben - einer Zwangschristiani¬ 
sierung gleich, das Neue Testament kennt die 
Säuglings-und Kindertaufe nicht.) 

An den Pfeilern »Kirchensteuer« und »Kin¬ 
dertaufe = Mitgliedschaft« sollten auch die 
anarchistischen Freunde rütteln helfen-denn 
die Reduzierung der Kirchen auf ihre wirkli¬ 
che Größe bedeutet u.a. Schwächung der 
Macht der Herrschenden in der Bundesrepu¬ 
blik. 











' - 


von der Berliner Gruppe »LA VA 


Nach alledem soll man mir nicht von der Arbeit sprechen 
ich meine vom moralischen Wert der Arbeit. Ich bin ge 



















Arbeit, Entropie, Apokalypse 

»Die Produktivkräfte und gesellschaftlicheen 
Beziehungen, - beides verschiedene Seiten der 
Entwicklung des gesellschaftlichen Individu¬ 
ums - erscheinen dem Kapital nur als Mittel, 
und sind für es nur Mittel, um von seiner bor¬ 
nierten Grundlage aus zu produzieren. Infact 
aber sind sie die materiellen Bedingungen, um 
sie in die Luft zu sprengen.« 



K. M. Grundrisse 


*15 

Die kapitalistischen Krisen rühren von der 
Verweigerung der Arbeit her. Auf die hefti- j 
gen Kämpfe Anfang der 70er Jahre antworte- | 
te das^Kapital mit der »Energiekrise«, mit I 
neuen Arbeitsanalysen, neuen Strategien zur j 
Überwindung von Widerständen. 

(Die Physik hat in diesem Zusammenhang 
keinen isolierten Inhalt, sondern sie liefert be¬ 
stimmte Analysen der Arbeit und neue Pläne 
für ihre Organisation. Der Begriff Arbeit in 
der Thermodynamik und die Arbeit des Kapi¬ 
tals sind nicht zufällig das gleiche Wort.) 

Wie steht es nun mit der Energiekrise und 
ihren Apokalypsen? Der Ausdruck Energie¬ 
krise ist irreführend. Energie erhält sich und 
ist mengenmäßig unerschöpflich. Es kann kei¬ 
nen Mangel an Energie geben. Die wahre Ur¬ 
sache für die Krise des Kapitals im letzten 
Jahrhundert und heute ist die ARBEIT, oder i 
genauer, der Kampf dagegen. Der richtige I 
Name ist also besser Arbeits/Energie-Krise. 
Denn das Problem des Kapitals ist nicht die 
Menge der Arbeit an sich, sondern das Ver¬ 
hältnis dieser Arbeit zu der dafür eingesetzten 
Energie (oder Arbeitskraft). Das Kapital ist 
nicht einfach das Produkt der Arbeit. Das Ka- ! 
pital ist der Prozeß der Arbeitserzeugung, j 
d.h. die Bedingung für die Umwandlung von ! 
Energie in Arbeit. j 

Energie an sich hat etwas Ruheloses, etwas j 
unvorhersehbar-mikroskopisch Trügerisches, 
Antagonistisches, Gleichgültiges, aber auch ! 
Produktives gegenüber der Arbeit, die das i 
Kapital so verzweifelt braucht. j 

Obwohl der ewige Kreislauf der kapitalisti- j 
sehen Realität in der Umwandlung von Ener- j 
gien in Arbeit besteht, ist es sein Problem, daß j 
der im Verhältnis Arbeit/Energie ausgedrück- ' 
te Zusammenhang zerbricht, wenn nicht be- i 
stimmte quantitative Schwellenwerte ereicht 
werden. Wenn die ENTROPIE, die Energie, 
die nicht mehr in Arbeit umgewandelt werden j 
kann, wenn die Arbeitsscheuen der Arbeiter- ' 
klasse ansteigen, dann droht die Apokalypse. j 

Die Apokalypse ist kein Zufall; wann im- j 
mer das jeweilige Ausbeutungsmodell unhalt¬ 
bar wird, befällt das Kapital ein Anfall von I 
Todessehnsucht oder Weltuntergangsstim- ! 
mung. Jede Periode der kapitalistischen Ent- | 
Wicklung hat ihre Apokalypse gehabt. (Ge- I 
meint sind damit jene funktionalen Apokalyp- j 
sen, die jede wichtige Wende in der kapitali- j 
stischen Entwicklung und Ideologie markie¬ 
ren.) ! 

Für das Kapital ist die Natur als solche ine- ! 
xistent. Die Natur ist nur eine Ware. Es gibt I 
kein Erdöl, kein Erdgas oder auch nur klein- j 
ste Energieteilchen, wenn sie nicht Waren- j 
form annehmen. Ihre Warenrealität ist ent- j 
scheidend; sogar wenn man von der Erde oder j 
dem Sonnensystem spricht, kann man nicht j 
von einer außer-kapitalistischen Realität re- j 
den. Das Energieproblem ist ausschließlich I 
ein Problem des Kapitals und nicht eines der 
»NATUR« oder von »MENSCH UND NA¬ 
TUR«. Unser Problem besteht darin, zu be- 
greifen, daß die Schwierigkeiten des Kapitals 
bei der Planung und Akkumulation (An¬ 
sammlung von Reichtum) von seinem Kampf 
gegen die Arbeitsverweigerung herrühren - 
von der vieldimensionalen Subversion der or¬ 
dentlichen Umwandlung von Energie in Ar¬ 
beit. 

Unsere Schwierigkeit besteht darin, in der 
»Natur« nicht unseren Haushalt zu sehen, 
nicht auf die »natürliche« Gegenständlichkeit 









Für eine Gesellschaft 
OHNE KNÄSTE 
-Texte aus Italien- 

''Die italienischen Genossen stehen mit¬ 
ten in der Aufarbeitung ihrer Geschichte, 
sind noch arn Anfang beim Versuch, aus 
der umfassenden Defensive heraus neue 
Gedanken zu entwickeln. Jetzt ist (kr Mo¬ 
ment, wo jeder, der meint, was zu sagen zu 
fmben auf irgend einem Feld (kr sozialen 
Revolution, das Wort , den Klang , das Bild 
haben und sich bemerkbar machen still” 
aus Karlsruher Stadlzeitung 
144 Seilen ■ 12 DM 

Carl Harp * Liebe und Hass 
Ein Knasttagebuch aus 
Amerikkka 

Worein paar Wochen sagte der Chef von 
San Quentin angesichts der iiberquellen- 
den US-Knäsle in TIMK: "DieZuchthäu¬ 
ser sind schlafende Ungeheuer. Sie sind 
Zeitbomben." Wenn sie hochgehen, dann 
wird sich zeigen, ob die Gefangenen einen 
kollektiven Kampf führen können. Und 
wenn, dann waren Gefangene wie Carl 
Harp ihre bewußten oder historischen 
Vorbilder.” 

ßrackwcde Trakt, 30.3.84 Klaus 

Viehman n 

116 Seiten ■ 10 DM 

Roger Knobelspieß 
QHS - der langsame Tod 

”Wie blind muß man sein , um an den Tag 
zu glauben, wenn jeder Tag die Replik auf 
den vorherigen ist? Für die noch »Leben¬ 
den* bleibt der äußerste Wille eines aus der 
tiefsten Verzweiflung geschöpften 
Schreies. Und der Traum eines aus dem 
Bauch der Kerker dieser Welt aufsteigen¬ 
den Geschreis , um ihn zu zwingen ein Blick 
auf sein Bewußtsein zu werfen ... oderauf 
das , icas ihm bei all (lern Überfluß an 
Reden über die Menschenrechte bleibt. Die 
Kraft der ununterdrückbaren Freiheit ken¬ 
nen, durch die der Schrei ein Esperanto 
werden muß." 

Auszug aus dem letzten Kapitel, 
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-cL 

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unseres Körpers oder der uns umgebenden 
Stoffe hereinzufallen und damit innerhalb der 
Kapitalplanung zu denken, sondern unsere 
Fremdheit gegenüber dieser »Natur« als Sub¬ 
version zu verstehen, zu fühlen und auszuspie¬ 
len. Die Realität des Kapitals erscheint als 
Natur und obwohl es nicht unsere Natur ist, ist 
sie doch überwältigend real. Mit unserer Ent¬ 
zifferung müssen wir also durch das Getöse 
der Apokalypse hindurch in den Erdölkaver¬ 
nen , im Zischen des Erdgases in den unterirdi¬ 
schen Abgründen etwas Bekannteres heraus¬ 
hören: den Klassenkampf, unsere Abstrak¬ 
tion. 

Wie kam nun das Verhältnis Arbeit/Energie 
ins Wanken? 

Da die Energiekrise 1973 begann, muß man 
logischerweise den Zeitabschnitt davor be¬ 
trachten. Was geschah damals mit der Arbeit/ 
Energie? ...Eine kapitalistische Katastrophe 
in der Warenproduktion und in der Repro¬ 
duktion der Arbeitskraft. Die alten Filme: die 
Studentenunruhen, die Ghettokrawalle, SDS 
und Weatherpersons, eine mit Drogen vollge¬ 
pumpten US-Army in Vietnam, die wilden 
Streiks in West Virginia, die Welfare Sit-Ins, 
den Stonewall-Krawall der Schwulen, Attika. 
Wenn wir zum Beispiel die beiden Jahrzehnte 
zwischen 1947 und 1967 anschauen, sehen wir, 
daß in diesem Zeitabschnitt die Löhne und 
Profite die Erfüllung des American Dream 
ausdrückten: der Klassenkampf kann vermie¬ 
den werden, Löhne und Profite können zu¬ 
sammen wachsen, vielleicht nicht im gleichen 
Grad, aber auf einem langzeitlichen Glcichgc- 
wichtswachstumspfad. Die Keynes’schc Stra¬ 
tegie - pfallohnerhöhungen mit dem Produkti¬ 
vitätszuwachs zu kombinieren - schien erfolg¬ 
reich zu sein. Die Periode 1967-1972 brachte 
dann aber den großen Schock: zum ersten Mal 
gab es eine längere Periode mit Profitrück¬ 
gang. Diese Periode markierte das Ende des 
»sozialen Friedensabkommens«, das mit den 
Kriegsveteranen, die aus Europa und dem Pa¬ 
zifik zurückkehrten, ausgehandelt worden 
war. Es war jedoch nicht etwa eine Periode 
der »Lohnexpolsion« (wie sie für die BRD, 
Italien oder Frankreich charakteristisch war). 
Sie brachte lediglich eine mathematische Um¬ 
kehrung und bedeutete die Rückkehr zum 
Nullsummenspiel der früheren Lohnverhand¬ 
lungen, das von den Spieltheoretikern des Ka¬ 
pitals während dem 2. Weltkrieg und unmit¬ 
telbar danach überwunden zu sein schien. 

Die Funktion des Staates als Wahrer der 
Durchschnittsprofitrate bedingt, das der Staat 
die Reproduktion der Arbeiterklasse über¬ 
wacht und für dazu ausreichende Einkommen 
sorgt. 

»Krieg» und »Verteidigung« sind ein we¬ 
sentlicher, wenn auch oft übersehener Teil 
der Reproduktion der Arbeitskraft; sie kön¬ 
nen den Tod von Millionen von Arbeitern dik¬ 
tieren. Die Reproduktion der Arbeitskraft 
darf nicht reduziert werden auf die Reproduk¬ 
tion »menschlicher Körper« oder »Wesen«. 
Umgekehrt können die »Wohlfahrts«-ausga- 
ben des Staates auch Verteidigungsausgaben 


Ein neuer Krieg kam zur Weißglut auf den 
Straßen der USA und erforderte sofortige 
Aufmerksamkeit. Daher der überstürzte Zu¬ 
wachs an »Wohlfahrtsausgaben«, d.h. von 
Transferzahlungen, um mit den Frauen, 
Schwarzen, Jugendlichen zurechtzukommen, 
die immer mehr die Art und Weise angriffen 
in der sie reproduziert wurden. Der ganze 
Prozeß (ob man ihn nun Kriejfoder Wohlfahrt 
nennt), die Bevölkerung den allgemeinen 
Lohn-, Profit-und Produktivitätsverhältnis¬ 
sen sowei den Mikro-Verhältnissen von Lie¬ 
be, Arebitsplatz, Disziplin und ruhigem 
S terben anzupassen, war in die Krise gera¬ 
ten. 


r~ni i 34b iii=ni 

I=iU 1 iii = i U 11121 w 



r=ni l 34,|i| =ni 

l=i U 111=1 U 111=1 u 


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1 '=111 IIIS8 
1 = 111 111 = 9 


Steuern und Ängstlichkeit: 

Der Staat investierte in die Reproduktion 
der Arbeitskraft und vertrieb damit das De¬ 
pressionstrauma (und seine potentiell revolu¬ 
tionären Folgen). Die höhere Besteuerung 
der Unternehmerprofite war der Preis, den 
das Kapital dafür zu zahlen hatte. Aber jeder 
Schritt, den das Kapital unternimmt um sich 
sicherer zu fühlen, führt zu einer Profiteinbu¬ 
ße. 

Die Periode 1967-1972 machte es klar, daß die 
Kosten für das Si cherheitsgefühl bis zu ei¬ 
nem Punkt Zunahmen, bei dem die Therapie 
den Patienten ruinierte. 

Zudem schwand das Vertrauen in die Wirk¬ 
samkeit der Staats-Therapie, als sie nicht 
mehr auf nur traditionelle Fließbandarbeiter, 
d.h. die Veteranen von Flint, Guam und 
McCarthy, angewendet werden sollte, son¬ 
dern auf völlig neue Arbeitertypen. Was woll¬ 
ten denn diese Blckpowerlanghaarhaschrau- 

cherverrücktenhausfrauenlesben eigentlich? 

Von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre 
verschärfte sich das Steuern/Ängstlichkcits- 
Syndrom. Das Verhältnis zwischen Staat und 
Einzelkapital, wie es von Keynes definiert 
worden war, geriet in die Krise. Das Kapital 
war in seinem eigenen Käfig gefangen und 
versuchte im Oktober 1973 auszubrechen. 
Der Wiederaufschwung der Profitrate hing 
davon ab, ob das Kapital wieder die Initiative 
erobern, ob es seine kränkesten Teile weg¬ 
schneiden und ob es vor allem seine alten Re¬ 
geln durchbrechen konnte. 













35a 


ISO 


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125 


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35 b 


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1 = 111 111 = 9 


Keyns’sche Krise: 

Die Keynesianer erkannten, daß kein Ar¬ 
beiter an einem hocharbeitsintensiven Flie߬ 
band arbeiten kann und zur Arbeit zurück¬ 
kehren kann ohne einen ähnlichen, hochar¬ 
beitsintensiven Reproduktionsprozeß. Das 
Fließband ist besonders anfällig für individu¬ 
elle Schwankungen des Arbeitsrhytmus’: und 
dieser Rhytmus muß sowohl bei - als auch 
nach der Arbeit aufrechterhalten werden. Re¬ 
gelmäßige Mahlzeiten, regelmäßiges Ficken, 
regelmäßiges Scheißen sind wesentlich für die 
Steuerung der Arbeitskraft und des Kapitals 
in einem Preßwerk. In der Keyns’schen Glei¬ 
chung wird so die Hausfrau zur notwendigen 
Ergänzung des Fließbandarbeiters. Das dyna¬ 
mische Gleichgewicht von Heim und Flie߬ 
band erforderte eine eakte Verbindung der 
Variablen Lohn, Fabrikarbeit und Hausar¬ 
beit. In der Zeit zwischen den späten 60er und 
Mitte der 70er Jahre begann diese Verbin¬ 
dung aufzubrechen. Scheidungen z.B. nah¬ 
men parallel mit den Löhnen zu, was eine 
neue Spannung zwischen den Polen der Keyn- 
schen Krise bloßlcgte, aber »sicher nichts, 
das zur Auslösung einer neuen Krise reichen 
würde.« Es waren BOOM-Jahre, aber nicht 
für das Kapital. 

42b| n=rj 
m=i u 
iii =2 m 



42a 


ISO 


1 = 2 


111 = ' 
II! 5 
III = 


42e I 


II! 


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1 = 111 in 


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42 f 


iso 


2 = 111 
= 111 


| = 2 
| = 3 
|E4 
1 = 5 
|| = 6 

ll= 7 
|| = 8 


= lll ins 9 


Nicht nur zwang die Unruhe in den Fabriken, 
Haushalten und auf den Straßen das Kapital, 
mehr für die Fabrikarbeit zu zahlen, es mußte 
auch über den Staat immer mehr direkt für je¬ 
ne Reproduktionsarbeit bezahlen, die früher 
Indirekt über den Fabrikarbeiterlohn des 


Mannes finanziert worden war. Frauen und 
Jugendliche leisteten nicht mehr »natürlicher¬ 
weise«, was sie früher unter der Aufsicht efes 
Ehemannes und Familienvaters geleistet hat¬ 
ten. Obwohl also in jener Periode von der Ar¬ 
beiterklasse ein enormes Maß an zusätzlicher 
Energie erzeugt wurde, erwies sich diese 
Energie als besonders widerstandsfähig gegen 
ihre Umwandlung in Arbeit. Es gab einen 
scharfen Abfall im Arbeits/Energie-Verhält¬ 
nis, der sich als Profitkrise durchschlug und 
die Grundsätze des Keynesianismus unter¬ 
grub. 

Die Reaktion des Kapitals: 

Eine Verschiebung der Zusammensetzung 
der Investitionen. (Für viele unsichtbar - es 
erscheint Kapitalisten und Arbeitern als Inve¬ 
stitionsrückgang) 

Was jedoch alle sehen konnten war der 
Sprung der relativen wie der absoluten Preise 
der Energie-Produkte. Mit der Inflation wur¬ 
de das Arbeitereinkommen direkt angegrif¬ 
fen, weil sie den realen »Durchschnittslohn« 
verminderte. Durch die ganze Nachkriegszeit 
bis 1973 waren die Preissteigerungen in den 
Industrien und im Energiesektor etwa gleich. 
Stieg der Industriepreisindex um 100%, so der 
Energiepreisindex um mehr als 200 /o . Paral¬ 
lel zu den Preisenweränderten sich auch die 
relativen »Umsätze« und »Profite« der zwei 
Sektoren. 


dezentralsiert. Indem es den Energiesektor 
entwickelt kann das Kapital eine Art magneti¬ 
sches Kommando ausüben und Mehrwert aus 
jeder Pore gesellschaftlichen Gewebes her¬ 
ausziehen; jedes Restaurant, jede Wohnung, 
jede Werkstätte muß für Energiekosten be- I 
zahlen. 


48, || 

II 

SO 

50 II 

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137 3 

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1=111 

1=8 ill! 

H9 : liilgo 




Diese Zahlen sind die Hieroglyphen der Ant¬ 
wort des Kapitals auf die Kämpfe der späten 
60er und frühen 70er Jahre. Sie bedeuten das 
Ende der Fließband-Auto-Heim-Politökono- 
mie, das Ende der Blue-Collar-Fließbandar- 

beiter/Hausfrau-Verbindung, das Ende der 

empfindlichen Maschine der Keynes’schen 
Gesellschaft. Indem es dem Energiesektor 
den Vorrang einräumt, kann das Kapital eine 
enorme Anzahl von Arbeitern kommandie¬ 
ren , denn dieses Kommando findet abseits des 
eigentlichen Schauplatzes der Ausbeutung 
statt. 

Es fühlt sich beinahe geisterhaft an und unter¬ 
läuft alle Ansammlungen von Klassenmacht 
in den Fabriken, Bergwerken und auf den 
Straßen. Denn diese Reorganisation zentrali¬ 
siert den Akkumulationsprozeß während sie 
gleichzeitig den Ausbeutungsprozeß enorm 


Das Bild der Arbeiters selbst scheint sich 
angesichts dieser Neuzusammensetzung des 
Kapitals aufzulösen. Der bullige Fließbandar¬ 
beiter im blauen Overall verblaßt in der Ölkri¬ 
se, löst sich auf in die Dienstleistungsarbeite¬ 
rin und in den abstrakten Computerprogram¬ 
mierer. Die große Konzentration von Fabri¬ 
karbeiten, die sich als so explosiv erwiesen 
hat, wird zerstreut. 

Und es fühlt sich alles so verschieden an! Dein 
Lohn steigt, doch verdunstet, bevor du ihn 
ausgeben kannst. Du stellst den Chef zur Re¬ 
de, doch der schreit, daß er »Rechnungen zu 
bezahlen habe« - und was noch tiefer geht: du 
siehst deine Ausbeutung überhaupt nicht 
mehr. Am Fließband war es deutlich zu sehen, 
wie das Leben dahinschwand - die Kristallisa¬ 
tion diener Arbeitskraft in Ware, die Materia¬ 
lisierung deiner Entfremdung. Aber in den 
Dienstleistungsbetrieben scheint die Mehrar¬ 
beit inexistent zu sein, ja »unproduktiv«, nur 
eine bezahlte Form der Hausarbeit, wie etwa 
das Reinigen von Uringefäßen, das massieren 
von Joggermuskeln, das Zubereiten von Rüh¬ 
reiern. 

Im Energie-Informationssektor wirst du 
hingegen von einer riesigen Masse fixen Kapi¬ 
tals aufgeschluckt, und es fühlt sich an als ob 
du überhaupt nicht ausgebeutet würdest: Du 
überwachst nur Maschinen, fühlst Dich sogar 
privilegiert, als Teil des Gehirns - des Sy¬ 
stems. 











ie 


Eine auf Autos aufgebaute »Gesellschaft« ist 
nicht wie eine auf Computern, McDonalds 
und AKWs aufgebaute, wobei »Gesellschaft« 
den ganzen Reproduktionsprozeß meint. 

Die neue Lebensweise, die durch die Vorherr¬ 
schaft des Energie-Informationssektors dik¬ 
tiert wird, und auch die Kämpfe dagegen, 
zeichnen sich heute erst ab. 

Wie erklärt sich die anscheinende Freiheit der 
Kapitalisten beim Festsetzen der Erdölpreise, 
unabhängig von der Arbeit, die in die Produk¬ 
tion von Erdöl geht (d.h. unabhängig von sei¬ 
nem neuen Wert?)? Das Auseinanderklaffen 
von Preisen und Werten ist nichts Neues. Im 
Gegenteil, es war immer ein wesentlicher 
Aspekt der kapitalistischen Herrschaft. Wer¬ 
te (materialisierte Arbeitszeit) müssen in 
Preise umgewandelt werden, und diese Um¬ 
wandlung war nie 1:1. Das Wesen der Um¬ 
wandlung von Werten in Preise besteht darin, 
daß das Kapital zwar den Mehrwert lokal ge¬ 
winnt, es aber nicht zuläßt, daß jene, die diese 
Gewinnung vornehmen, auch den Mehrwert 
kommandieren und ausgeben. Diese Um¬ 
wandlung ist real, doch sie erzeugt Illusionen 
-sowohl in den Gehirnen der Kapitalisten wie 
der Arbeiter. 

Das Kapital erscheint als kleine Maschinen, 
Rohstoffpakete, kleine Arbeitszwischenfälle; 
- alle verbunden durch ihre kleinen Agenten, 
die reklamieren, sich entschuldigen, sich ge¬ 
genseitig hcrumhetzen. Jeder individuelle Ka¬ 
pitalist sorgt sich um »mein« Geld, jeder ein¬ 
zelne Arbeiter flucht über »meinen« Job, je¬ 
der Gewerkschaftsbürokrat jammert über 
»meine« Industrie. Tränen fließen überall, 
über anscheinend verschiedene Dinge, so daß 
im Haus des Kapitalismus ein ewiges Rühr¬ 
stück läuft. Aber das »mir-gehört« ist eine, 
wenn auch wesentliche Illusion. Das Kapital 
ist gesellschaftlich, abstrakt, ebenso wie die 
Arbeit. 

Es belohnt die Kapitalisten nicht dafür, daß 
sie ausbeuten und noch weniger die Arbeiter 
dafür, daß sie ausgebeutet werden. Es »gibt« 
keine Gerechtigkeit für niemanden außer für 
es selbst. 

Die Umwandlung der Werte in Preise wird be¬ 
stimmt durch die instinktive Forderung des 
Kapitals »nach seiner ihm zustehenden Aner¬ 
kennung«. Der Körper des Kapitals hat viele 
verschiedene Glieder, Organe, Arterien und 
Venen, Nervenstränge, Sensoren und Prozes¬ 
soren, -jeder mit seiner organischen Zusam¬ 
mensetzung, mit seinen eigenen Versorgungs¬ 
bedürfnissen. Wieviel Mehrwert in ein be¬ 
stimmtes Organ des Kapitals geht, wird be¬ 
stimmt durch seine organische Zusammenset¬ 
zung: durch die Mischung von toter und le¬ 
bendiger Arbeit, die dort besteht. 

Nehmen wir als Beispiel: Atomkraftwerk, 
Automobilfabrik und Hamburgerbar. Jedes 
eine Maschine mit verschiedenen Bedürfnis¬ 
sen und verschiedenen Produkten. 

Ein typischer AKW-Arbeiter arbeitet mit 
einer Ausrüstung im Wert von etwa 300.000 
Dollars. Ein typischer Automobilarbeiter ver¬ 
bindet sich mit Maschinen im Wert von 30.000 
Dollars und der Restaurant-Bar-Arbeiter be¬ 
nützt Produktionsmittel im Wert von 3000 
Dollars. Doch die Löhne des AKW und Auto¬ 
mobilarbeiters sind etwa doppelt so hoch wie 
der Lohn des Restaurant-Bar-Arbeiters. 



Für den Automobilarbeiter ist es völlig klar, 
daß eine Beschleunigung des Bandes den 
Ausstoß an Autos und damit den Profit er¬ 
höht. Es scheint also hier ein l:l-Verhältnis 
zwischen höheren Investitionen in der Ma¬ 
schinerie, der Produktivität und der Arbeits- 
intensivität zu herrschen. Das ist der Bereich 
des relativen Mehrwerts. 

Im niedrigen Sektor hingegen wird die Länge 
des Arbeitstages entscheidend. Dies ist der 
Bereich des absoluten Mehrwerts, wo Arbeit 
dadurch erzeugt wird, daß die Energie 
möglichst lange am Arbeitsplatz gehalten 
wird. Das Problem dabei ist, daß der Arbeiter 
den Mehrwert nicht sehen kann. Das Ham¬ 
burgerrestaurant kann seine Arbeiter mit 
Mehrwert fast umbringen und trotzdem den 
Eindruck erwecken »kein Geld zu machen«. 
Schließlich der hohe Sektor. Dort werden 
enorme Profite gemacht, aber nicht aus den 
Arbeitern, die an sich die AKWs betreiben. 


Sie können ihren Lohn auf dem Weg vom 
Parkplatz zum Kontrollraum verdienen und 
die Menge an »Mehrwert«, die in den folgen¬ 
den acht Stunden von ihnen produziert wird, 
ist absolut geringfügig, und doch relativ 
enorm! Woher also hier die Profite? 

Über den Unterschied zwischen Werten 
und Preisen wird Mehrwert in die Atomindu¬ 
strie überführt. Dem gesellschaftlichen Ge¬ 
samtkapital entspricht eine Durchschnittspro¬ 
fitrate, während die Einzelkapitalien gemäß 
den in jedem Organ investierten Kapital un¬ 
terschiedlich mit Profiten versorgt werden. 
Jedes Organ enthält einen verschieden hohen 
Anteil an konstantem Kapital. Jene Organe 
mit hoher Kapitalinvestition pro Arbeiter be¬ 
nötigen einen überdurchschnittlichen Anteil 
an Mehrwert als Ertrag, jene mit einer durch¬ 
schnittlichen Investition pro Arbeiter einen 
durchschnittlichen Gewinn, während jene mit 
einem niedrigen Kapitalanteil sich mit einem 
niedrigen Ertrag zufrieden geben müssen. 

»Gleiches Maß und gleiches Gewicht« ent¬ 
gegnet das gesellschaftliche Kapital seinen 
jammernden Hiobs in den Restaurants, Sweat 
Shops und Bauunternehmen. »Ich erkenne 
nur mich selbst«, »ich bin ich« dröhnt das kapi¬ 
tal aus seinem Sturmwind und fegt die kleinen 
Unternehmer samt ihrer Sorgen hinweg. Die¬ 
se Ertragsgerechtigkeit wird über die Preise 
durchgesetzt. Die Warenpreise aus den hohen 
Industrien sind immer höher als die Werte. 
Die hohen Industrien saugen den am Grund 
des Systems produzierten Mehrwert über die 
Preisstruktur auf. Die Trennung von Preis 
und Wert macht es klar, daß Gewinnung von 
Mehrwert und Kommando über Mehrwert 
zwei getrennte Sachen sind. 

Der Chef von Alices Restaurant kann sich 
zwar beklagen, aber er muß trotzdem seine 
Strom- und Heizungskosten bezahlen. Wie 
Hiob respektiert der Kleinunternehmer die 
höhere Macht. Er kann sich ihr nicht entzie¬ 
hen, muß ihr Tribut leisten, auch wenn sie 
noch so ungerecht erscheint. 

Vielfalt der Arbeit: Anti-Entropie als Infor¬ 
mation 

In der Energiekrise trifft die Dienstlei¬ 
stungsarbeiterin als ihre Ergänzung den Com¬ 
puter-Programmierer und den Ingenieur. 
Denn während durch den Energiepreisanstieg 
die archaischsten Ausbeutungsformen wieder 
zum Leben erweckt werden, findet am entge¬ 
gengesetzten Pol eine Intensivierung der In¬ 
strumentarien von Information und Kontrolle 
statt. Warum der Aufstieg der Computer-In¬ 
dustrie am Höhepunkt der Energiekrise? 
Schließlich bedeutet die bloße Tatsache der 
Investition im hohen Sektor nicht, daß sie sich 
lohnen, denn der hohe Sektor ist sehr emp¬ 
findlich gegenüber Breakdowns, ja Katastro¬ 
phen. 

So setzt die Energiekrise eine höhere Be¬ 
wertung für Information, Kontrolle und Kom¬ 
munikation (Transfer) durch. Die enorme 
Dezentralisierung der Beschäftigung in der 
Dienstleistungsindustrie erfordert neue Me¬ 
thoden des Transfers von Mehrwert von ei¬ 
nem Ende des Systems zum anderen. Die Ver¬ 
treibung der Fabrikmassenarbeiter führt zur 
Roboterisierung. Schließlich erfordert die 
Konzentration des Produktivkapitals in kom¬ 
plexen Maschinen und Anlagen eine Verstär¬ 
kung der Selbstdisziplin und der Mechanis¬ 
men zur Konservation des Kapitals. 








Um die Reproduktion der Produktion zu si¬ 
chern genügt es indessen nicht, nur den Arbei¬ 
ter zu reproduzieren. Auch das Kapital muß 
bewahrt werden. Das konstante Kapital ist ein 
wesentlicher Bestandteil des Produktionspro¬ 
zesses, der gegen die angreifenden Energien 
der Arbeiter verteidigt werden muß. 

Der Mikro-Kapitalist ist so besorgt um sein 
fixes Kapital, weil er mit der ständigen Dro¬ 
hung lebt, daß der Arbeiter »unintelligent« 
oder »schlampig« arbeitet und vor allem Ma¬ 
terial verschwendet. Ein Blick genügt, um 
dieses Problem 1 als Überlebcnsfrage zu ver¬ 
stehen, vor allem, wenn das konstante Kapital 
einen kritisch hohen Grad an Konzentration 
erreicht hat. Die Investitionen in konstantes 
Kapital können dann die Ursache einer 
schnellen Disakkumulation werden, wenn der 
Wcrtverlust nicht eingeschränkt werden 
kann. 

1 Arbeit ist nicht nur Verausgabung von Ener¬ 
gie, die reproduziert werden muß - diese Ver¬ 
ausgabung muß auch kontrolliert werden, da¬ 
mit die Arbeitsmengc, die notwendig ist zur 
Wiederherstellung des Anfangszustandes 
nicht übermäßig wird. 

Das setzt der Energiepreisstrategie eine präzi¬ 
se Grenze: wenn die aus dem niedrigen Sektor 
in den hohen Sektor überführte Arbeit so 
konzentriert und verletzlich wird, daß sie 
durch kleinste Anstöße jederzeit entwertet 
werden kann, dann fällt die ganze Strategie 
wieder in sich zusammen. Daher wird der 
Schutz des konstanten Kapitals zur vorrangi¬ 
gen Aufgabe der Informations/Computerin¬ 
dustrie. 

(Ein gutes Beispiel für die Dialektik von Kapi¬ 
talkonzentration und Entwertungsrisiko war 
das Fiasko in der Atomindustrie - Three Mile 
Island. Weil sic in den ersten Monaten einige 
Millionen Dollars Extraprofite machen woll¬ 
ten, stand Met Edison nach einem Beinahe 
Mclt Down - hervorgerufen durch den Befehl 
der Manager, höhere Kapazitäten zu fahren, 
Überstunden der A rbeiter, - einer Situation ge¬ 
genüber in der sie eine Milliarde Dollars flüssig 
machen mußten, um wieder in den Anfangszu¬ 
stand zurückzukommen. TMI zeigt auch, daß 
die Energiekrisenoffensive gegen den Klassen¬ 
kampf weit davon entfernt ist stabil zu sein.) 



Der Unfall wird die zentrale Kategorie der 
politischen Ökonomie der Energiekrise. Aber 
was ist eigentlich ein Unfall? 

Unfälle sind Arbeitssituationen, bei welchen 
die Arbeitsmenge zur Wiederherstellung der 
Ausgangsstellung (des Arbeitsprozesses) au¬ 
ßergewöhnlich groß wird. Unfälle erinnern 
immer wieder an die Sterblichkeit des Ar¬ 
beitsprozesses. Es gibt einen tiefen Zusam¬ 
menhang zwischen Unfällen, Information, 
Zeit und Arbeit. Die Produktionsmittel schaf¬ 
fen keinen neuen Wert; bestenfalls wird ihr 
Wert in das Produkt übertragen, dort be¬ 
wahrt. Maschinen nützten sich bloß ab, oder 
übertragen ihre Energie in die neu produzier¬ 
te Form. 

Es gibt keine Maschinen-Maschinen, die 
Wert aus dem Nichts heraus erzeugen, keine 
perpetuum mobiles; der in den Maschinen 
verkörperte Wert nützt sich allmählich ab, in¬ 
dem er in neuen »Gebrauchswert verwandelt 
wird, indem der alte Tauschwert wieder er¬ 
scheint.« Alle Apparate der kapitalistischen 
Magier enden als Leichen, - nicht einmal der 
genialste Gedanke kann der Statur des Kapi¬ 
tals einen Millimeter hinzufügen. Die Compu- 
terisierung eines Produktionsprozesses 
schafft keinen neuen Wert: es ist dadurch le¬ 
diglich möglich, den variablen Anteil zu ver¬ 
kleinern und zugleich eine zu schnelle Er¬ 
schöpfung des konstanten Kapitals zu verhin¬ 
dern. Sie ist eine Mechanisierung der »klein¬ 
kapitalistischen« Mentalität. 

Es wird eine enorme Menge an Arbeit auf¬ 
gewendet um abzusichern, daß der Wert der 
Produktionsmittel langsam, effizient und 
sorgsam in die Produkte übertragen wird. 
Nicht nur muß ein eigentliches Geiseldrama 
täglich abgewendet werden (denn es wirkt im¬ 
mer das Beispiel von Danzig); die zahllosen 
kleinen Revolten, die durch den Arbeitspro¬ 
zeß pulsieren und das konstante Kapital über 
»das Normale hinaus« abnützen, müssen 
ebenfalls dauernd verhütet werden. 

Das Kapital träumt von einem perpetuum mo¬ 
bile, von der Arbeit aus Energie ohne Verlu¬ 
ste. Aber die Zeit ist asymetrisch, die Zukunft 
wird nicht wie die Vergangenheit sein. Der 


me als Krebs , die schnelle als Kugel). 

Das ist das letzte Elemant der Profitkrise und 
die letzte Ursache für die Gegenoffensive mit 
der Energiekrise. Da die Arbeiterklasse es in 
den 60er und 70er Jahren zunehmend abge¬ 
lehnt hat, die Müllhalde für die kapitalisti¬ 
schen Abfälle zu sein, erfolgte auch hier ein 
gegenläufiger Anstoß. Die Energiepreiserhö¬ 
hungen zwangen die »Weigerung« Abfälle 
aufzunehmen sofort in die Defensive, denn 
die hohen Energiekosten rechtfertigten die 
Notwendigkeit der Entropiekontrolle und der 
Beseitigung konzentrierter Entropieablage¬ 
rungen aus dem Produktionsprozeß. 

Wir haben mit dem Weltuntergang, der 
Apokalypse begonnen. Die Apokalypse wird 
zum Spiegelbild der Kämpfe gegen das Kapi¬ 
tal, wenn diese kritische Ausmaße annehmen. 
An der Wurzel all der Bomben, Raketen, 
AKWs, ist der Kampf gegen die kapitalisti¬ 
sche Akkumulation (in Ost und West, das 
spielt schon lange keine Rolle mehr), gegen 
ein Leben, das von Arbeit und Ausbeutung 
beherrscht wird. Dieser kampf ist die Quelle 
der gegenwärtigen apokalyptischen Gerüch¬ 
te, - und dieser Kampf kann sie auch been¬ 
den. 

Ansatzpunkte sind: 

^Verweigerung von Produktivitätsabkom¬ 
men am Fließband 

^Zersetzung der Familie und des Reproduk¬ 
tionsapparats, der die Arbeiter in den Repro¬ 
duktionsprozess eingliedert 
'Ä'Weigerung, die Aufnahme der Kapitalab¬ 
fälle im bio-sozialen Prozeß der Reproduk¬ 
tion zu übernehmen, z.B. als Kampf gegen 
die Gefängnisse oder Atommülldepots 
All diese u.a. Formen verursachen direkt 
die Profitkrise und die darauf folgende Ener¬ 
giekrise, die die Profitabilität wiederherstel¬ 
len sollte. Diese Kämpfe bleiben, mag auch 
der Angriff des Kapitals gegen sie noch so 
apokalyptisch „orchestriert“ sein. We die pol¬ 
nischen Arbeiter gezeigt haben, besteht der 
einzige Weg, gegen die Raketen wirksam an¬ 
zugehen, darin, mehr und saftigere Würste zu 
fordern: »Nur wer streikt ißt Fleisch« 

[Um unverständliche Fremdwörter leicht ge¬ 
kürzt bzw. entschärfter Text. 


Widerspruch des Kapitals besteht darin, daß 
gerade diejenigen, die die Pannen verursa¬ 
chen, die Energie besitzen, die es benötigt. 

Nur wir sind in dauernder Bewegung: ewig 
energetisch, schlau, gehorsam, frech, feige, 
unzuverlässig, rebellisch, aber immer in Be¬ 
wegung. Und diese Bewegung ist die einzige ■HBfl 
Quelle der Arbeit, der Entwicklung, desflBBH 
Mehrwerts - ob das unsere Arbeit ist oder 
nicht. Die Zeit ist asymetrisch, weil wir asy- Yf j 'vN-S'C 
metrisch sind. 

jpllff jal 

Gefängnisse gehören genauso zum Produk- 
tionsprozeß wie das Gas, das den Motor an- WDBL| 
treibt, wie die Krankenschwester, die einen 
wieder indie Fabrik entläßt, wie der Print- 
Out, der einen über die Panne aufklärt. Denn 
gäbe es keine Abfallgruben für Arbeitskraft 
und konstantes Kapital - keine Möglichkeit jllp F W 
die entropischen Epidemie einzudämmen - so 
würde das System ins Stocken kommen. Na- [HMlS 
türlich denkt das Kapital nicht daran, keinen 
Abfall mehr zu erzeugen. Es will ihn nur kon- 
trollieren, an isolierten, widerstandsfreien EEjH 
Orten, bei wehrlosen oder unsichtbaren Be- 
völkerungen ablagern: ländliche Gegenden, 

Ozeane, Entwicklungsländer kommen dafür 
in Frage. Daher kommt mit der „Energiekri- 
se“ auch die Todesstrafe zurück. (Die langsa- 


i fl JE 



WssESi 






Auf zu neuen Ufern? 


von Horst Blume 


In diesen Monaten bahnt sich mit der Aus¬ 
einandersetzung um die 35-Stunden-Woche 
eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aus¬ 
einandersetzungen dieses Jahres an. Nach¬ 
dem nun seit über 60 Jahren die tägliche Ar¬ 
beitszeit und seit fast 30 Jahren die wöchentli¬ 
che unverändert geblieben ist, fordern große 
Teile der Gewerkschaften die Abschaffung 
der 40-Stunden-Woche. Die Wirtschafts-und 
I Strukturkrisen und die durch technologische 
Entwicklung begünstigte Rationalisierung hat 
zu 2,3 Mio Arbeitslosen geführt. Es ist durch- 
! aus realistisch, daß sich diese Zahl in 10 Jah- 
j ren verdoppeln könnte. 

. In den vergangenen Jahrzehnten orientier¬ 
te sich die Gewerkschaftspolitik im Wesentli- 
' chen auf das Erreichen von Lohnerhöhungen 
j und auf die Pflege der Sozialpartnerschaft 
J zwischen Gewerkschaften und Unterneh- 
j mern. Bei Fortsetzung dieser Politik würden 
die Gewerkschaften durch die ständig steigen¬ 
de Massenarbeitslosigkeit einen großen Teil 
ihrer Mitglieder und ihres Einflusses verlie¬ 
ren. Aus diesem Grund ist ein größerer Teil 
der Gewerkschaften bereit, die Sozialpartner¬ 
schaft mit der Forderung nach der 35-Stun- 
den-Woche aufzukündigen. 

Die Schaffung neuer Arbeitsplätze als Haupt- 
j argument der Gewerkschaftler für die 35- 
j Stunden-Woche ist nicht weiter verwunder- 
! lieh für denjenigen, der angesichts der Krise 
die Angst vieler Menschen vor der Arbeitslo¬ 
sigkeit ernst nimmt. Da nach der Wende in 
Bonn mit der neoliberalen Strategie des So¬ 
zialabbaus, der Individualisierung und der 
Zerrüttung gewachsener Strukturen versucht 
wird, den Widerstand gegen das Abwälzen 
der Krise auf die abhängig Beschäftigten zu 
partikularisieren und zu brechen, geht es den 
Gewerkschaften auch darum, eine für sie be¬ 
drohliche Verschiebung des gesellschaftlichen 
Kräfteverhältnisses abzuwenden. 


Neben diesem Aspekt hat die Auseinander¬ 
setzung um die 35-Stunden-Woche auch neue 
und weitergehende Fragestellungen aufge¬ 
worfen. Und zwar auch in einer Gewerk¬ 
schaftsbewegung, die bisher streng und unbe¬ 
weglich einer durch und durch traditionellen 
Politik nachgegangen ist. Es kommt jetzt dar¬ 
auf an, die Gelegenheit zu nutzen und die Dis¬ 
kussion auf folgende Bereiche auszuweiten, 
zu vertiefen und in konkrete Politik umzuset¬ 
zen: 

- Infragestellung der sozialpartnerschaftli¬ 
chen Unterordnung der Gewerkschaft in der 
Krise 

- Bündnisse mit Arbeitslosen 

- Kontrolle und Veränderung der Arbeitsbe¬ 
dingungen und Arbeitsorganisation 



innerbetrieblicher Kampf gegen Umwelt¬ 
zerstörung 

— Rüstungskonversion 
Der Kampf um die 35-Stunden-Woche ist 
allerdings nicht für alle Gewerkschaften An¬ 
laß für eine längst fällige Neubesinnung. Be¬ 
sonders die IG Chemie und IG Bergbau & 
Energie lehnen sich offen an Modelle der 
Bundesregierung an, die eine Vorruhestands¬ 
regelung und flexible Arbeitszeitverteilung 
als Gegengewicht zur Forderung nach der 35- 
Stunden-Woche bevorzugen. Ein solches öf¬ 
fentlichkeitswirksames Konzept »pauschal 
abzulehnen fällt der IGM deshalb schwer , weil 
es genügend betriebliche und tarifliche Beispie¬ 
le in Vergangenheit und Gegenwart gibt, in de¬ 
nen Betriebsräte und Gewerkschaft solchen 
Modellen zugestimmt haben« schreibt der 
»ARBEITERKAMPF« in seiner Ausgabe 
vom 12.3.84. Den Arbeitern wäre mit einer 
flexiblen Arbeitsverteilung keinesfalls gehol¬ 
fen, denn »wenn das Kapitalinteresse eine opti¬ 
mal flexibel in den Produktionsablauf einge¬ 
paßte Arbeitszeit anstrebt und die Arbeitskraft 
$ l ^ re an sozialen Bedürfnissen orientierten 

i Selbst best immu ngs wünsche verwirklichen 

n will, dann haben beide Seiten nicht nur Ver- 

| schiedenes, sondern schlicht Entgegengesetztes 

€ im Sinn: die Organisation der Zeit stärker als 

i bisher am jeweils eigenen Interesse auszurich- 

4 te/i.«(LINKS, Nr. 169, S.9) 

J von rechten Gewerkschaften ins Spiel 

i gebrachte Lebensarbeitszeitverkürzung wird 

« zwar von vielen älteren Arbeitnehmern posi- 

4 tiv eingeschätzt, ist aber im Grunde nur eine 

j Reaktion auf unmenschliche Arbeitsbedin- 

i 8 un gen, bewirkt eine Verjüngung der Belcg- 

« schaft und unterläuft tarifvertragliche Kündi- 

4 gungs-und Bestandsschutzregeln für ältere 

J Arbeitnehmer. Hierdurch wird eine weitere 

< Steigerung der Arbeitsinitiative ermöglicht 

und die Arbeitssituation für Ältere letztend- 


! 








21 



lieh noch mehr verschlechtert. Gerade die 35- 
Stunden-Woche könnte das Übel an der Wur¬ 
zel packen (d.h.ansatzweisc) und den Ver¬ 
schleiß der Gesundheit bremsen. 

Die Wahrscheinlichkeit der Leistungsintensi¬ 
vierung bei Einführung der 35-Stunden-Wo- 
che ist bei näherem Hinsehen nicht so groß, 
wie cs oftmals befürchtet wird. Zum einen ha¬ 
ben die Unternehmen seit Jahren die innerbe¬ 
trieblichen Möglichkeiten zur Leistungsstei¬ 
gerung weitgehend ausgeschöpft. Zum ande¬ 
ren würde ohne 35-Stunden-Woche der ar¬ 
beitsmarktbedingte Druck auf die von Entlas¬ 
sung bedrohten Arbeitnehmer viel durchgrei¬ 
fendere Wirkungen haben. 

Ein Erfolg für die 35-Stunden-Woche als ein 
Schritt hin zu einer Umverteilung der Arbeit, 
deren Kosten das Kapital zu tragen hat, ist nur 
wahrscheinlich, wenn cs zu verstärktem Ein¬ 
greifen von Gruppen außerhalb des DGB’s 
kommt, damit der enge Rahmen der halbher¬ 
zig begonnenen 35-Stunden-Woche-Kampag- 
nc gesprengt wird. Die Berliner Zeitung »An¬ 
schläge« versucht zwar mit ihrem Artikel über 
die »Zukunft der Arbeit« das Thema aufzu¬ 
greifen, aber das bedenkenlose Spielen mit 
der Not der von Arbeitslosigkeit Betroffenen 


grenzt für mich an Zynismus. Hier wird flott 
ins Blaue philosophiert und eine Zukunftsvi¬ 
sion serviert, über die wir uns womöglich 
auchnoch freuen sollen: 

»Aus diesem Konglomerat von massenhaft aus 
dem Produktionsprozeß Herausgeschleuder¬ 
ten, von Außenseitern, Marginalisierten und 
Jobbern wird sich das neue Subjekt der Ausein¬ 
andersetzung möglicherweise herauskristalli¬ 
sieren, das sich vor allem an dieAußebung des 
Mangels machen muß . Lag die Stärke des Sub¬ 
jekts früher inseiner Homogenität, wie alle 
klassischen Auseinandersetzungen gezeigt ha¬ 
ben, so wird diese zukünftig in seiner Hetero¬ 
genitätliegen.« x 

An einem solchen Denkansatz ärgert mich der ' 
kaum verschleierte ungestüme Erwartungs¬ 
drang nach Zuständen, die das Herz eines je¬ 
den neoliberalen Ausbeuters höher schlagen 
lassen. Solche Zeilen können nur von Leuten 
geschrieben werden, die teilnahms-und ver¬ 
antwortungslos den Problemen der abhängig 
Beschäftigten gegenüberstehen und die die 
verheerende Wirkung massenhafter Desoli- 
darisierung falsch einschätzen. 


»Ein Zauberkünstler aber, der aus Dauerar¬ 
beitslosigkeit, aus der tiefgreifenden und noch 
zunehmenden Spaltung der Gesellschaft das 
Material einer revolutionären Umwälzung ma¬ 
chen will, der ist eine komische Fgur (...) Nein 
- wenn denn eine grundlegende Umgestaltung 
dieser Gesellschaft möglich ist, dann nicht an 






22 


den Entscheidungs-und Machtzentren , an den 
Produktionsstätten vorbei und ohne daß Unge¬ 
horsam und Widerstand in diesen Zentren zu¬ 
standekämen, und das heißt eben auch bei den 
Arbeitern.« (Horst-Dieter Zahn, LINKS, 
Nr.165, S. 15) 

Um den cmanzipatorischen Gehalt des 
Kampfes für die 35-Stunden-Woche in seinem 
größeren Umfang zu erkennen, ist es hilf¬ 
reich, auf den Artikel von Oskar Negt »Ein 
politischer Kampf um das Brechen von Herr¬ 
schaftspositionen« 1 einzugehen. 

Von der Entwicklung ausgehend, daß bei 
wachsender Kapitalproduktivität das Maß an 
gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit ge¬ 
ringer wird, erweitert sich nach Negts Mei¬ 
nung dewr mögliche Zeitanfeii für das 
»Menschsein«. Es geht bei dem Kampf für die 
35-Stunden-Woche um die Durchsetzung der 
»Zeitautonomie«. Die alten unternehmeri¬ 
schen Verfügungsrechte über die Zeit der ab¬ 
hängig Beschäftigten müssen zurückgedrängt 
werden. Die früheren Arbeitszeitverkürzun¬ 
gen hatten verstärkte Betätigungsmöglichkei¬ 
ten zur Folge, die sich auf den gesamten Le¬ 
benszusammenhang bezogen: Ausbau von 
Selbsthilfeeinrichtungen (Genossenschaf¬ 
ten), Betätigung in Sportvereinen und Buch¬ 
clubs, Eigenarbeit etc. Die durch eine Umge¬ 
wichtung von Arbeitszeit und Freizeit möglich 
werdende »Emazipations- und Orientierungs¬ 
zeit« kann durch die kapitalistische Kultur- 
und Bewußtseinsindustrie instrumentalisiert 
werden und stellt an die Gewerkschaften die 
Anforderung, Teile der freiwerdenden Zeit 
mitzugestalten; denn nichts bleibt in dieser 
Gesellschaft unbesetzt. Die jetzt stattfinden¬ 
de sozialstrukturelle Verschiebung der für 
den Lebenszusammenhang der Menschen 
wichtigen Konfliktbereiche auf außerbetrieb¬ 
liche Orte der Erfahrung, auf Wohnen, Ver¬ 
kehrsverhältnisse, Stadtteilprobleme, ökolo¬ 
gische Lebensbedingungen, wird die Gewerk¬ 
schaften zwingen, ihre hauptsächlich auf den 
Betrieb fixierte Tätigkeit zu überdenken. Ge¬ 
rade in einer Zeit der kulturellen Wendever¬ 
suche, in der bisher aufgebaute Errungen¬ 
schaften rückgängig gemacht werden sollen, 
ist eine stärkere Kooperation zwischen ge¬ 
werkschaftlicher Bildungsarbeit und autono¬ 
men Kulturinitiativen sinnvoll. 

■Aus den bisher gesäten folgert Negt die Not¬ 
wendigkeit einer Erweiterung der Organisa¬ 
tionsprinzipien der Gewerkschaften. Be¬ 
triebsarbeit und Arbeit im Stadtteil - und 


Wohngebiet soll gleichberechtigt wahrge¬ 
nommen werden. Diese Erweiterung des poli¬ 
tischen Mandats der Gewerkschaften trifft 
sich mit dem anarchosyndikalistischen An¬ 
satz, der die Arbeitsteilung zwischen Gewerk¬ 
schaft und (Arbeiter-)Partei ablehnt. Stadt¬ 
teile als Basisorte eines zweiten, immer wich¬ 
tiger werdenden Organisationszentrums bie¬ 
ten für außergewerkschaftliche sozialistische 
und anarchistische Gruppen stärkere Einwir¬ 
kungsmöglichkeiten als bisher. In den Gro߬ 
städten ist es nach »Revier« (3/84) schon zu 
Gründungen von Stadtteilgruppen zur Unter¬ 
stützung der 35-Stunden-Woche gekommen. 
Sie dürfen allerdings nicht wie gehabt zum al¬ 
leinigen Tummelplatz für die brav im Schlepp¬ 
tau der offiziellen Politik des DGB’s befindli¬ 
chen Jusos und DKP’lern herunterkommen, 
sondern müssen tatsächlich Bürgerinitiativ¬ 
charakter haben, wenn eine weitergehende 
emanzipatorische Perspektive mit ihnen ver¬ 
bunden sein soll. 

Hierzu gehört auch, daß die sich solcherma¬ 
ßen herausschälenden Organisationskerne in 
der Lage sind, eigenständige Handlungskon¬ 
zepte und Strategien notffalls auch gegen die 
offizielle DGB-Politik zu entwickeln, die sich 
sicherlich mit faulen Kompromissen zufrieden 
geben wird. Die einsetzenden Spannungen 
mit Teilen des DGB könnten kreativ genutzt 
und gegen seine hierarchische Struktur ge¬ 
wendet werden, wenn die unabhängigen 
Gruppen ihre programmatischen Aussagen 
an den unmittelbaren Erfahrungen der Arbei¬ 
tenden orientieren, aber utopische Vorstel¬ 
lungen von einem besseren Leben nicht ver¬ 
stecken, sondern als zusätzliche Antriebsfe¬ 
der nutzen. 

Praktisches Verhalten und nicht den besser- 
wisserischen Zuschauer spielen wird uns wei¬ 
terbringen. D.h., den Kampf für die 35-Stun¬ 
den-Woche durch eine breite, soziale Bewe¬ 
gung untermauern, neue Gedanken und bis¬ 
her wenig praktizierte Organisationsformen 
beisteuern, eine politische Gegenkultur auf¬ 
bauen, damit noch außerhalb stehende eine 
Vorstellung davon bekommen, daß unser 
Kampf für eine herrschaftslose Gesellschaft 
auch für die ein lohnendes Ziel sein könnte. 

! Das Referat von Oskar Negt ist als Sonder¬ 
druck des »Express« gegen Voreinsendung 
von 1,50DM in Briefmarken erhältlich: Ex¬ 
press, PF 591,6050 Offenbach-4. 





Freie Arbeiter-Union ( FAU Berlin) 


Anarcho-Syndikalisten zur 35-Stunden-Wo- 
che 

Die FAU-Gruppe Berlin (Cranachstr.7, 1000 
Berlin 41) hat ein dreiseitiges Flugblatt zum 
aktuellen Thema 35-Stunden-Woche veröf- 
fenlicht, das von allen Interessierten (z.B. 
zum l.Mai) angefordert werden kann. 

Wir zitieren die Forderungen der FAU Ber¬ 
lin: 

1) . Durchsetzung der 35-Stunden-Woche bei 
vollem Lohnausgleich in einem Schub 

2) . Langfristiger Widerstand gegen Rationali¬ 
sierung und Unternehmerwillkür (kontrol¬ 
lierte und wilde Streiks) 

3) . Verbreiterung des Widerstandes in der Ba¬ 
sis gegen zunehmenden Arbeitsstress (lang¬ 
sam arbeiten, Refa-Leute behindern, Verwei¬ 
gerung von Überstunden) 














■ ' 




- 






4) . Festnageln des DGB auf vollen Lohnaus¬ 
gleich und Senkung der Arbeitszeit auf (zu¬ 
nächst) 35 Stunden in einem Schritt 

5 ) - Aufräumen mit dem Märchen, die Lohn¬ 
kosten seien Ursache der Krise 

6) - Schaffung oder Beteiligung an Betriebs¬ 
gruppen zur Entwicklung von permanentem 

Widerstand 

?)• Fortsetzung des Kampfes über die 35- 
Stunden-Woche hinaus für Selbstverwaltung 
In Produktion und Konsumption. 

Es sei klargestellt: Die 35-Stundcn-Woche 
wird die Arbeitslosigkeit nicht beseitigen, 
ebensowenig die kapitalistischen Bedingun¬ 
gen, unter denen wir arbeiten. Sie kann eine 
quantitative und qualitative Verbesserung un¬ 
serer augenblicklichen Situation bedeuten. 
Für sich allein genommen ist sie noch nicht als 
Schritt auf eine menschenwürdigere Zukunft 


zu werten, weil sie nur die Bedingungen unse¬ 
rer Abhängigkeit verbessert. 

Seit Jahren ist aus der fortschrittlichen 
Wirtschaftswissenschaft bekannt, daß zur 
Aufrechterhaltung gesellschaftlich notwendi¬ 
ger Produktion 20 Stunden Arbeit pro Woche 
ausreichen. Allerdings bei gerechter Vertei¬ 
lung der anfallenden Arbeit. Und bei Auflö¬ 
sung unproduktiver Produktionsbereiche - al¬ 
len voran der Rüstungsbetriebe. Dies sind Be¬ 
dingungen, an denen Staat und Kapital kei¬ 
nerlei Interesse haben können, die mithin 
nicht mit ihnen sondern nur gegen sie durch¬ 
setzbar sind. Darüber hinaus sind es Bedin¬ 
gungen, die nur bei organisierter gesellschaft¬ 
licher Selbstverwaltung Wirklichkeit werden 
können. Darunter ist die Auflösung der Aus¬ 
beutung des Menschen durch den Menschen, 
Organisation von Produktion und Konsump¬ 


tion durch Produzenten und Konsumenten 
entsprechend ihren Bedürfnissen, Beseiti¬ 
gung der Herrschaft des Menschen über den 
Menschen zu verstehen. Dies ist eine machba¬ 
re Utopie, in der Rationalisierung einen ganz 
anderen Charakter hat als in diesem System. 
Neue, arbeitssparende Technologien können 
auf ihren Sinn hinterfragt werden, ihr Einsatz 
abhängig gemacht werden vom Nutzen für die 
Betroffenen. Wissenschaft unter Kontrolle ei¬ 
ner organisierten Basis wird gezwungen sein 
für und nicht gegen den Menschen zu arbei : 
ten. Ökologische Notwendigkeiten können 
realisiert werden. Das Verhältnis der Dritten 
und Vierten Welt zur Ersten stellt sich grund¬ 
sätzlich anders dar. Diese Utopie wird nicht 
durch unser Träumen wahr, sondern durch 
unser Eingreifen in die realen Kämpfe heute. 



























ha 



Dieses Europa muß weg! 

von Wolfgang Haug 




[ 


i 


! 



Zusätzlich zum Boykott der Europawahlen 
rufen wir auch zum Boykott des Korrdinie- 
rungsausschußes der Friedensbewegung bzw. 
der GRÜNEN auf- oder anders ausgedrückt: 
welcher Wahltrick bringt die alternativen 
Wähler, die einem Zentraleuropa kritisch ge¬ 
genüberstehen dürften, doch für die wahlfi¬ 
xierten GRÜNEN an die Urnen? 

Eine parallele Stimmabgabe für den Frieden - 
verkleidet als wichtiger emanzipatorischer 
Akt, als Protest gegen das Establisment - 
dürfte für eine gesteigerte Wahlbeteiligung an 
Europa wirksamer sein, als es sich selbst 
CDU/CSU/SPD/FDP ausklügeln könnten. 
Die GRÜNEN sind schon weit gediehen in ih¬ 
rer Einpassung in den Parlamentarismus - 
und Teile ihrer Basis scheinen es noch nicht 
einmal zu bemerken. 

Anarchisten sind zwar im allgemeinen ge¬ 
gen bürgerliche Wahlen, aber gegen Europa? 
Bakunin sah die einzige Chance gegen den 
Nationalismus und Militarismus schließlich in 
einem europäischen »Völkerverbund« vieler 
dezentralisierter »Verwaltungs«-gebiete. 
Und die deutschen Nachkriegsanarchisten 
setzten wie viele andere fortschrittliche Men¬ 
schen ihre Hoffnung auf eine übernationale, 
völkerverständigende europäische Zukunft. 
Der Stalinismus tat ein übriges, um diese 
Hoffnung zu stärken: 

»...Plünderungen, Enteignungen, Demon¬ 
tagen, Vergewaltigungen, nicht nur von Frau¬ 


en, von ganzen Völkern, Menschenjagden und 
Menschenverschleppungen und Sklavenarbeit, 
eine Weltstadt mit zweieinhalb Millionen Ein¬ 


wohnern ohne Kartoffeln, ohne Brot, ohne 
Licht... Flucht, Emigration, Fensterstürze (ge¬ 
meint ist der tschechische Außenminister Ma - 
saryk,Anm.der Red.), Verewigung der Kon¬ 
zentrationslager. .. Es ist nicht nötig, Einzelhei¬ 
ten aufzuzählen. Das Wesen der Sache gilt es 
zu erkennen. Schlagen Sie an jedem beliebigen 
Tag die Zeitung auf, und Sie können sich da¬ 
von überzeugen, daß Prinzipien, die im letzten 
Kriege mit Panzerarmeen und Bombenge¬ 
schwadern bekämpft wurden, noch immer vor¬ 
handen und durchaus virulent sind. Die Völker 


■ — r r —* —— ^vutfi iYiituuf töirius nocn sin 
sie befreit von einer bedrückenden Staatsbün 
kratie, noch sind sie frei von einengenden Pol 
zeimethoden... als Gegengewicht: den entert 
ten Menschen wieder einsetzen in seinem Wer 
en europäischen Menschen einsetzen in sein 
Kechte, ihn befreien von den vielfältigen Foi 
men machiavellistischer Gewalten, ob sie sic 
in der Wirtschaft, in der Kirche, im Staat man, 
festieren. Nicht Objekt wirtschaftlicher Aus 
y,Tj\. 8 , eisti S er Bevormundung, leibliche 
Unterdrückung, sondern Subjekt sei de 

dIZ r lC u te : SOU fÜr dk Din * e ’ sondern * 

nicht lun H ° Sein ’ under ™ll seinen Wet 
fanLfvmZ ^ Staat ^ollmacht emp 
fangen die blindes und gewissensloses Gehör 

chen fordert, sondern sein Gewissen und di, 


mit ihm geborenen Rechte und Freiheiten sol¬ 
len die Maße sein, mit denen gemessen wird. 
Europa ohne den in das Seine eingesetzten eu¬ 
ropäischen Menschen wäre nichts als ein leeres 
Gefäß« 

Theodor Plievier 
(Rede im Mai 1949 
vor Studenten in Zürich; 

ein Bekenntnis zu einem geeinten Europa) 

Im Nachkriegseuropa und speziell im Nach¬ 
kriegsdeutschland wirkte eine sehr starke 
Tendenz für ein geeintes Europa; die »natio¬ 
nale Idee« hatte gründlich ausgespielt und 
nichts schien näher zu liegen als die überkom¬ 
menen Nationalstaaten in andere Körper¬ 
schaften überzuführen. Diese Erfahrungen 
und Wünsche der Menschen fanden allerdings 
kaum einen Niederschlag in der sich an den 
2.Weltkrieg anschließenden politischen Tei¬ 
lung der Welt, in deren Verlauf Europa zuerst 
zum Anhängsel, heute zum Mitgestalter west¬ 
licher Großmachtpolitik wurde. Dieses Euro¬ 
pa hat nichts wünschenswertes mehr an sich 
und das einzig greifbare Bonbon für die Be¬ 
völkerung - nämlich das Wegfallen der Gren¬ 
zen - ist bei aller politisch-wirtschaftlichen 
Zusammenarbeit bis heute nicht realisiert - 
dafür aber die saure Pflicht europäische Preise 
zu bezahlen! Dafür die Tendenz den zentrali¬ 
sierten Regierungen den Einzelstaaten eine 
zentraleuropäische REGIERUNG in Form 
der »Gipfel« überzustülpen, die weder von 
den Völkern legitimiert, noch in dieser Form 
gewünscht ist. Das »Europaparlament« be¬ 
deutet nicht viel mehr als die äußerliche Staf¬ 
fage, die scheinbare demokratische Rechtfer¬ 
tigung. 

Unverhohlene Freude kommt auf, betrach¬ 
tet man Kohl’s und Genschers lange Gesich¬ 
ter, wenn mal wieder ein solcher »Gipfel« an 
den Finanzen gescheitert ist - und selbst De¬ 
sinteressierte merken, um was es in diesem 
Europa ausschließlich geht: um Geld und 
Macht. Man möchte die Spanier und Portu¬ 
giesen vor Europa bewahren - bewahren vor 
den Zusammenbruch ihrer Infrastruktur und 
Kultur. Die EG-Agrarpolitik z.B. hat in den 
letzten Jahrzehnten zu dem größten »Bauern¬ 
legen« in der BRD und Europa geführt. In der 
BRD sank der Anteil der Bauern an der Be¬ 
völkerung auf 7%, d.h. in anderen Zahlen: 3 
Millionen Arbeitsplätze in der Landwirt¬ 
schaft, - also ein Großteil der Kleinbauern 
wurde - über die EG-Subventions-und Preis¬ 
politik wegindustrialisiert. Wer die spanische 
und portugiesische Landwirtschaft kennt, 
weiß, was den dort beschäftigten Landarbei¬ 
tern, (die z.B. in Andalusien bereits heute zur 
Hälfte arbeitslos sind) und den »unrentablen« 
Kleinbauern droht. 

Die zuletzt gefaßten Brüsseler Beschlüße 
werden diesen Konzentrationsprozeß weiter 
beschleunigen. Die Milchproduktion soll von 
105 Mio Tonnen auf 97,8 Mio Tonnen pro 
Jahr gesenkt werden; d.h. überschüssige 
Milch wird den bauern nicht mehr abgekauft 
(bzw. zu so niedrigen Preisen, daß sie von 
selbst abbauen) - weitere spezialisierte Be¬ 
triebe, vornehmlich die kleineren, werden 
diesen Einkommensverlust nicht verkraften 
können und schließen müssen. 

Nimmt man eine Überproduktion einmal an 
und akzeptiert (?) ebenso, daß eine europäi¬ 
sche Überproduktion nicht verstärkt anderen 
Mangelländern der Welt zu Gute kommen 






kann, weil anscheinend Ankauf, Lagerung 
und Export derzeit 2/3 der EG-Gelder auf- 
brauchen - so wäre anstelle der EG-zentralen 
Lösung eine Lösung auf unteren Ebenen, 
nämlich z.B. die Einschränkung der Produk¬ 
tion der Milchfabriken bei weitem besser ge¬ 
wesen, als die prozentual gleiche Umlegung 
auf jeden Betrieb. Doch selbst wenn grüne 
Buropapolitiker behaupten würden, sich für 
solche alternativen Modelle im Europaparla¬ 
ment einsetzen zu wollen, läge darin keine 
Rechtfertigung, denn sie wissen so gut wie 
wir, daß solche Beschlüße nur »dezentral« - 
nämlich auf Länderebene - gefaßt werden 
können. Die GRÜNEN wissen auch, daß an¬ 
deren Gebieten Europas (z.B. Irland in der 
Milchwirtschaft; bis vor kurzem Grönland bei 
der Fischerei) selbst solche chirurgischen Ein¬ 
griffe nichts nützen würden; daß ihre Anbin¬ 


dung an den kapitalistischen Moloch Europa 
das entscheidende Problem ist, und daß es da¬ 
zu nur eine Alternative gibt: Raus aus der EG. 

Und dieser Forderung stehen die GRܬ 
NEN, steht der Koordinationsausschuß der 
Friedensbewegung im Weg, wenn sie trotz ih¬ 
rer auch vorhandenen Bedenken für das Sy¬ 
stem Europa zur Wahl antreten bzw. dazu 
aufrufen diese Wahl durch eine parallele 
Volksbefragung gegen die Stationierung auf¬ 
zuwerten. Gerade ihr Verzicht hätte einer 
Diskussion übner den Unsinn der EG in ihrer 
heutigen Form Raum verschaffen können; es 
wäre im Fall der GRÜNEN der Verzicht einer 
momentan erfolgreichen Wahlpartei gewesen 
und es hätte die grünen Mitglieder auf das 
gern zitierte außerparlamentarische Stand¬ 
bein verwiesen. Ihre Teilnahme deckt diesen 
Widerstand gegen ein Europa, das sich an¬ 


schickt 3. Weltmacht zu werden, zu. Die grüne 
Basis schläft und duldet die Verquickung ver¬ 
schiedener politischer Ziele; man kann ihr zu¬ 
gute halten, daß sie.ohne Elan in den Europa¬ 
wahlkampf zieht - aber sie hat sich kaum Ge¬ 
danken um den Sinn und Zweck dieses Euro¬ 
pa gemacht, - sie hatnicht erkannt, daß sie 
Prinzipien zum politischen Überleben ver- 
hilft, die nicht nur anarchistischer sondern 
auch grüner Politik direkt zuwiderlaufen. 

Die BRG als größte Wirtschaftsmaeht der Er¬ 
de 

Mit Spanien und Portugal steuert die EG 
auf eine Bevölkerung von ca. 450 Mio Ein¬ 
wohner zu - das sind 450 Mio Verbraucher; ei¬ 
ne Zahl, die den Binnenmarkt der USA weit 
hintersichläßt. Die »zum Zahlen verdammte« 
BRD sahnt dabei den größten Teil der Ein¬ 
nahmen ab. Ihr Exportüberschuß von ca. 50 
Milliarden DM por Jahr verteilt sich annä¬ 
hernd gleichstark auf die Bilanz mit der 
»Rest«-EG und anderen Ländern. Ein solcher 
Uberschuß führt zwangsläufig zur Vormachts- 
tellung der BRD in Europa. Die BRD inve¬ 
stiert jährlich ca. 5 Milliarden DM mehr im 
europäischen »Ausland« als all diese Länder 
zusammen in der BRD. Diese Wirtschafts¬ 
überlegenheit führte dazu, daß die Währung 
der EG von der ECU auf DM umgestellt wur¬ 
de. 

Die Umsetzung der Wirtschaftsmacht in Poli¬ 
tik 

In der BRD sind die Bundesregierung und 
die Bundesbank die wirtschafts-politischen 
Entscheidungsträger. Dabei ist die deutsche 
Bundesbank seit dem Bundesbankgesetz 
(1957) von Weisungen der Bundesregierung 
unabhängig! Besonders die Bundesbank be- 











26 





schließt über Zinssätze, Diskontsätze und In¬ 
vestitionen. Natürlich bedeuten Investitionen 
Kontrolle ; Kontrolle über Arbeitsplätze z.B. 
Exportüberschüße führen zu nichts anderem, 
als zum Kreditgeber bzw. Zinseintreiberdas¬ 
ein - und die BRD steht in der Welt hinter den 
USA an zweiter Stelle bei dieser »verantwor¬ 
tungsvollen« Tätigkeit. Vergleicht man die 
Tätigkeit des Internationalen Währungsfonds 
(IWF) (in dem die BRD natürlich auch einen 
gewichtigen Einfluß hat) bzw. die Art wie dort 
die politische Kontrolle mit der Kreditverga¬ 
be verbunden wird (z.B. Brasilien), so wird 
die Einflußmöglichkeit der BRD in Europa 
begreifbar. Daß sie dies nutzt, erkennt man 
z.B. am Reformprogramm Mitterands, der 
die Aufwertung der DM 1982 mit einem 
»wendeüblichen Stabilitätsprogramm« erkau¬ 
fen mußte - und nun dafür von 35 000 zu ent¬ 
lassenden Lothringer Stahlarbeitern die Stra¬ 
ßenkämpfe bekommt, die seinem »Sozialis¬ 
mus« gut anstehen. Dabei paßt ins Bild, daß 
er versucht selbst Kohl als »Retter Europas« 


auszustechen, - ob’s die deutsche Industrie 
ihm dankt? 

Sie rechnet vermutlich mit solcherlei »Rei¬ 
bungsverlusten« wie es demolierte Finanzäm¬ 
ter darstellen und kann mit Wohlwollen regi¬ 
strieren, daß die Zusammenarbeit auf dem 
Gebiet der »inneren Sicherheit« schon am 
Weitestesten fortgeschritten ist. Bedenklicher 
als solche Zusammenarbeit in der Terroris¬ 
musbekämpfung etc. ist jedoch die Initiative 
der BRD, das Vetorecht der einzelnen Mit¬ 
gliedsländer abschaffen zu wollen. Um »rei¬ 
bungslosere« Beschlüße zu ermöglichen ver¬ 
sucht die BRD “die genau weiß, daß gegen ih¬ 
re Geld-und Industriestärke nichts durchzu¬ 
setzen ist - kleineren Ländern ihre formale 
politische Gleichberechtigung zu nehmen. 

Das »grüne Europa der Regionen« 
Angesichts dieser Entwicklungen, zu dem 
der ins Gespräch gebrachte größere Anteil 
Europas an der »Verteidigungsbereitschaft« 
der NATO wie das Tüpfelchen auf dem i paßt, 


befinden sich die GRÜNEN theoretisch in ei¬ 
ner verzwickten Lage. Denn aufgrund von 
Wahlkampfgeldern, einer Wahlkampffixiert- 
heit, von persönlichen Karrierewünschen u.ä- 
. Gründen mehr, kandidieren sie für genau 
dieses Europa. Auch läßt sich ihre Forderung 
nach einem „Europa der Regionen“ für jeden 
einsichtig am besten und - in ausgesuchten 
Worten - im Zentralparlament von Straßburg 
vortragen. Die bürgerliche Herkunft der 
GRÜNEN wird offenkundig; trotz der 
klammheimlichen Freude über den erfolgrei¬ 
chen Rückzug Grönlands aus der EG -erstellt 
man aus Angst vor dem Abseitsstehen ? und 
aus Phantasielosigkeit für andere Verhaltens- 
weisen und deren politische Ausnutzung ein 
Wahlprogramm für die EG. 

Antje Vollmers Traum von den »Mutterlän- 
, dern Europas« ist als dünner Rechtfertigungs- 
t versuch (getarnt mit feministischem Mäntel- 
/ chen) für eine anti-ökologische, anti-dezen- 
trale Politik aufzufassen. Ginge es den GRܬ 
NEN ernsthaft um ein Europa der Regionen, 
j dann würden sie die Foprderung einzelner 
Regionen (z.B. Baskenland) - »Raus aus Eu¬ 
ropa« - übernehmen und dafür sorgen, daß 
gerade in der BRD eine bisher unterentwik- 
kelte Diskussion darüber in Gang käme. Da 
sie es nicht tun, liegt der Verdacht nahe, daß 
sie politische Prozente bereits höher stellen, 
als politische Inhalte; daß sie sich vielleicht 
nicht getrauen die wichtigen Machtgrundla¬ 
gen des deutschen Staates öffentlich anzugrei¬ 
fen. Ihre Beteiligung lädt ihnen eine Mittäter¬ 
schaft an den Folgen der BRG auf, denn nur 
sie vermögen im Moment das kritische Poten¬ 
tial von Menschen in der BRD an ein solches 
Europa anzubinden - bzw. zumindest die Ge¬ 
fährlichkeit der Entwicklungen durch gefälli¬ 
ge Friedenssäuseleien zu verschleiern. 

Wenn es die Friedensbewegung nötig hat - 
gemäß gängiger DKP-Rhetorik vom »quali¬ 
tativen Sprung vorwärts« - nach dem Krefel- 
der Appell und der Debatte um die ‘atomwaf¬ 
fenfreien Häuser, Straßen und Städte’, nun ei¬ 
ne »Volksbefragung« ausgerechnet an die Eu¬ 
ropawahlen anzulehnen, ist es mit ihrer Stär¬ 
ke nicht mehr weit her. Ihre Volksbefragung, 
mit der sie ja ursprünglich dem gewählten 
Bundestag dessen Recht auf den Stationic- 
rungsbeschluß abstreiten wollte, benötigt für 
alle sichtbar die Mobilisierung der Bürger 
durch eine Wahl. Offener kannman nicht 
mehr sagen, daß man selbst nicht an eine 
Mehrheit in der Bevölkerung gegen die Sta¬ 
tionierung glaubt. Wenn man diese Volksbe¬ 
fragung politisch nicht als Plebiszit durchset¬ 
zen kann und sie deshalb selbstorganisiert 
durchführt, sollte man dies zumindest unab¬ 
hängig von staatlichen Wahlen tun, soll ein 
mögliches Veto nicht von vornherein in sei¬ 
nem Wert geschmälert sein. 

Doch ein solches Veto ist überhaupt nicht 
zu erwarten. Von der »Mehrheit der Bevölke¬ 
rung« wird keine Rede sein können; die etab¬ 
lierten Politiker wie die GRÜNEN werden 
froh sein müssen, wenn zwischen 60-70% der 
Bevölkerung zu dieser Wahl gehen. Die 
Volksbefrager werden höchstens mit 10% der 
Wählerstimmen rechnen können - immer vor¬ 
ausgesetzt, es gelingt ihnen vor allen Wahllo¬ 
kalen mit Ständen präsent zu sein. Ein Wahn¬ 
sinnsaufwand für ein Ergebnis, das zwischen 
4-6 Mio Stimmen bringt und somit nur symbo¬ 
lisch appellativen Charakter haben kann. Der 








mm 





»qualitative« Sprung wird also eine Bauchlan¬ 
dung werden, und die Friedensbewegung wird 
hinterher dastehen wie die »Parteien nach der 
Wahl« um mit rhetorischen Windungen einen 
Erfolg aus der aufwendigen Aktion zu ma¬ 
chen. Im Endeffekt läuft es auf eine Stärkung 
der Bundesregierung hinaus - einmal wird die 
Schwäche der Friedensbewegung offenbar 
zum anderen weiß die Regierung längst um 
diese 4-6 Mio Stimmen und kann ein »amtli¬ 
ches Ergebnis« auf dieser Basis als Bestäti¬ 
gung ihres »Mehrheitswillens« darstellen. Je¬ 
des Umfrageinstitut hat deshalb schon heute 
mehr für die Verunsicherung der Bundesre¬ 
gierung getan, als die Friedensbewegung dies 
am 17. Juni tun wird. 

Es stellt sich also die Frage, wer diese 
»Volksbefragung« zu diesem TZeitpunkt und 
in dieser Form initiiert hat und wem sie dient? 

Geht man von ihrem voraussichtlichen Er¬ 
gebnis aus (der indirekten Bestätigung Euro¬ 
pas, der indirekten Festigung des Parlamenta¬ 
rismus und der indirkekten Unterstützung der 
Regierungspolitik), so sind die Nutznießen- 
den sicher nicht in den Reihen der Raketen¬ 
gegner zu suchen. Dieser politische Leerlauf 
in der Friedensbewegung deutet nach aller Er¬ 
fahrung auf das Politikverständnis der Sozial¬ 
demokraten hin. Ihren Anhängern im Korrdi- 
nierungsausschuß der Friedensbewegung 
dürfte es zuzuschreiben sein, daß es bei so 
halbherzigen Symbolen wie Unterschriftenli¬ 
sten bleibt ; sie sind dafür verantwortlich zu 
machen, daß der Konsens in der Friedensbe¬ 
wegung gleichbedeutend wurde mit der politi¬ 
schen Lähmung. Daß schöne Worte den spon¬ 
tanen systemsprengenden Charakter längst 
erstickt haben. Ihnen geht es um die Rückge¬ 
winnung der oppositionellen Führungsrolle - 
eine Bauchlandung der oppositionellen Frie- 
dens bewegung wäre für sie nicht das schlimm¬ 
ste, böte sich doch mit der SPD wieder mal ei¬ 
ne Partei, in der... 

Und die GRÜNEN machen dieses Spiel mit; 
aus Furcht diese Friedensbewegung dem Pro¬ 
zentegegner zu überlassen, geben sie lieber 
die eigentlichen politischen Ziele preis. Aus 
einer Sammlungsbewegung -aller BI’s, aus 
Vertretern verschiedener sozialer Bewegun¬ 
gen ist endgültig Partei geworden. Die Logik 
der Wahlkampfkostenrückerstattung zwingt 
stärker zur Teilnahme an diesen Wahlen als 
die politische Überzeugung dagegenspricht. 
Die GRÜNEN sopllten sich abgewöhnen von 
den etablierten Parteien, von ihren zwei 
Standbeinen etc. zu sprechen. Sie sollten ihre 
Vielfalt innerhalb der Partei nicht mehr für 
die adäquate Wiederspiegelung der Bewe¬ 
gung halten, wollen sie nicht einer Selbsttäu¬ 
schung erliegen. Und wir sollten endlich auf¬ 
hören soziale Bewegungen immer wieder von 
Parteien wie der SPD, DKP und nun auch den 
GRÜNEN vereinnahmen zu lassen. Wenn 
dies auch im Fall der beiden erstgenannten 
Parteien meistens erkannt wird, besteht den 
GRÜNEN gegenüber noch immer ein zu ho¬ 
hes Maß an Vertrauen. Wir müssen jedoch 
wissen, daß sie keine soziale Bewegung sind - 
auch wenn sie es von sich selbst gerne glau¬ 
ben. 









Als die Gründungserklärung der »ökoliber¬ 
tären GRÜNEN« in der TAZ dokumentiert 
wurde, waren wir von der Selbstbezeichnung 
dieser Gruppe unangenehm überrascht, weil 
zu ihr gerade Personen gehören, die sich in¬ 
nerhalb der GRÜNEN für eine stärker parla¬ 
mentsorientierte und reformistische Politik 
einsetzen. Im folgenden Text geht es uns dar¬ 
um, an Hand der Gründungserklärung auf¬ 
zuzeigen, warum wir als Libertäre einerseits 
einige Überlegungen als in die richtige Rich¬ 
tung weisend anerkennen, warum aber ande¬ 
rerseits dieser Ansatz durch seine - mit allen 
Konsequenzen vollzogene - Anerkennung 
der staatlichen Ordnungsprinzipien bereits im 
Keim zunichte gemacht wird und so seinen 
selbstgestellten Ansprüchen direkt zuwider¬ 
läuft. Für uns wurde bei der Diskussion der 
»ökolibertären« Thesen deutlich, daß wir die¬ 
se unter keinen Umständen als wirklich liber¬ 
täre akzeptieren können. 

Gleich zu Beginn der Gründungserklärung 
üben die Ökolibertären eine grundsätzliche 
Kritik an den marxistisch beeinflußten Sozia¬ 
listen, die in ihrer Zielperspektive lediglich 
den politischen Umbau der Gesellschaft vor- 
sehen und andere mögliche Strukturelemente 
ignorieren. Bezugspunkte für eine radikale 
Gesellschaftsveränderung können nicht nur 
die Gewerkschaften und Arbeiterparteien 
sein, wenn von der industriellen Wachstums¬ 


gesellschaft Abschied genommen werden soll. 
Die Ökolibertären übersehen bei dieser rich¬ 
tigen Kritik allerdings, daß eine verstärkt sich 
entwickelnde Selbsthilfe zur Voraussetzung 
hat, daß die Menschen über die dazu notwen¬ 
digen Mittel auch selber verfügen müssen. Bei 
ihrer zutreffenden Feststellung, daß Men¬ 
schen nicht das Recht haben, die Welt einfach 
als zu verplanenden Rohstoff auszunutzen, 
unterschlagen die Ökolibertären die Ursache 
für die bisherige Entwicklung. Die Kapitalan¬ 
eignung und -anhäufung in den Händen weni¬ 
ger hat dazu geführt, daß umstandslos alles 
Machbare auch gemacht wurde, wenn es nur 
einem verstärkten Warenausstoß diente und 
damit größeren Gewinn versprach. Die Öko¬ 
libertären täten besser daran, die von ihnen 
genannten Mißstände nicht in dem lediglich 
beschreibenden Wort »Industrialismus« aus¬ 
zudrücken, sondern den Kapitalismus als Ur¬ 
sache beim Namen zu nennen. Auch das von 
ihnen mit viel Argwohn bedachte »sozialisti¬ 
sche Projekt« - mit dem sie die Ostblockstaa¬ 
ten meinen - stellt nichts anderes dar als vom 
Staat ausgehenden Kapitalismus und sollte 
auch so und nicht anders bezeichnet werden. 

Die in der Gründungserklärung geforderte 
Abkehr von Staat und Machbarkeitswahn legt 
die Wurzeln frei, aus dem ein neues Politik¬ 
verständnis entspringen kann. Eine wirkliche 
und nicht nur an der politischen Oberfläche 
steckenbleibende Veränderung des Lebens ist 


nur durch Freiwilligkeit möglich. Indem die 
Ökolibertären ihre Vorstellungen von Frei¬ 
willigkeit und Dialog auf die ganz andere Ebe¬ 
ne des Verhaltens gegenüber den Wachstum¬ 
sparteien heben, erhalten diese Begriffe eine 
andere Bedeutung: Sie werden dazu benutzt, 
um die von den Ökolibertären gewollten 
Kompromisse mit den Herrschenden zu legiti¬ 
mieren. Ein solches Verständnis von Dialog 
geht von falschen Voraussetzungen aus, denn 
gleichberechtigte Partner gibt es bei diesem 
Geschäft ebenso wenig, wie bei dem angebli¬ 
chen Dialog des Staates mit der Jugend. Den 
Abschied vom Machbarkeitswahn gerade von 
den »Machern« erhandeln zu wollen ist ein 
Unding, weil gerade er die Grundlage für die 
Kapitalisten ist, ihre Ausbeutung ins Extrem 
zu treiben. Eine Änderung der Verhältnisse 
ist nut möglich, wenn den Machern die Macht 
genommen wird - eine Notwendigkeit, die 
von den Ökolibertären geleugnet wird. 

Als einen positiven Impuls der Ökolibertä¬ 
ren sehen wir ihre Kritik an der Versorgungs¬ 
mentalität und die mit ihr erfolgte Bloßstel¬ 
lung des tradierten Politikverständnisses von 
Sozialdemokraten und marxistischen Soziali¬ 
sten. Es geht nicht darum, daß in einer Gesell¬ 
schaft möglichst viele Leistungen und Waren 
zur Verteilung bereitgestellt werden. Es geht 
auch nicht nur um die Bedingungen, unter de¬ 
nen Menschen Güter produzieren. Es geht 
vielmehr darum, daß die Produktionsweise so 









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beschaffen sein muß, daß sie die natürlichen 
Lebensgrundlagen der Menschen nicht an¬ 
greift. Die sozialdemokratisch/sozialistische 
Konzeption leistet einer Zerstörung der Um¬ 
welt noch dadurch Vorschub, daß sie einen 
überfüllten Warenkorb als Ausgleich für ent¬ 
fremdete Arbeit fordert und so diesen Men¬ 
schen den Blick für die notwendige radikale 
Umgestaltung des Wirtschaftslebens verstellt. 
Ersteinmal in dieser Einbahnstraße gelandet, 
werden sich die solchermaßen Versorgten al¬ 
lein aus Angst vor Arbeitslosigkeit an die aus¬ 
gelatschten Wachstumspfade halten und den 
Emanzipationsbestrebungen der sozialen Be¬ 
wegungen wird so immer wieder die Spitze ge¬ 
brochen. 

Der Kapitalismus hat früher einmal beste¬ 
hende Gemeinschaften, in denen gegenseitige 
Hilfe praktiziert wurde zerstört, ohne an ihre 
Stelle sclbstbestimmte und das Selbstwertge¬ 
fühl der Menschen erhaltende Systeme zu set¬ 
zen. Stattdessen wurden neue Abhängigkei¬ 
ten durch Lohnarbeit geschaffen. Die Ar¬ 
beitskraft des Menschen muß reproduziert 
werden, sic muß abgesichert werden für ihre 
spätere Verwertung. Deswegen hängt die 
heute praktizierte Sozialpolitik mit der Auf¬ 
rechterhaltung des Kapitalismus zusammen, 
ln dem Maße, wie sich Menschen diesem Ver- 
sorgtscin widersetzen und selbstversorgende 
soziale Strukturen aufbauen, werden sie weni¬ 
ger erpressbar und unabhängig von der Wach¬ 


stumsgesellschaft. Die Erkenntnis, daß sich 
Versorgungs- und Wachstumspolitik gegen¬ 
seitig bedingen, darf allerdings nicht - wie bei 
den Ökolibertären - dazu führen, daß die so¬ 
ziale Frage als ein Problem zweiter Ordnung 
bagatellisiert wird. Mit dem Abbau des Staa¬ 
tes muß der nicht minder schwierige Aufbau 
von anderen Strukturen verbunden sein, da 
sich reale Probleme des Lebensunterhaltes 
keinesfalls im Nichts auflösen. 

Dort, wo die Selbsthilfe nicht greift und sozia¬ 
le Not herrscht, muß natürlich erreicht wer¬ 
den, daß diese durch ein Mindesteinkommen 
beseitigt wird. Mit den Neoliberalen Hayek 
und Friedmann, die nur den Sozialstaat ab¬ 
bauen wollen und der sozialen Not gegenüber 
gleichgültig bleiben, haben unsere Ansichten 
also nichts zu tun. Wir setzen vielmehr die Ge¬ 
sellschaft gegen den Staat und zielen so auf ei¬ 
ne Wiederaneigung der verschütteten Fähig¬ 
keiten, die Versorgung in kleinen dezentralen 
Gemeinschaften selbständig in eigene Hände 
zu nehmen. Die stärkere Betonung der Selbs¬ 
thilfe bei den Ökolibertären sehen wir als 
durchaus positiven Impuls, der entscheidende 
Schwachpunkt dieser Konzeption ist aller¬ 
dings, daß sie völlig offen läßt, welche ande¬ 
ren Formen sozialer Sicherheiten als die so¬ 
zialstaatlichen sie zur Behebung »verbliebe¬ 
ner Härten« den Menschen anzubieten hat. 

Die Ökolibertären halten die Verbindung 
von Ökologie und Sozialismus für gefährlich 


(obwohl sie bei ihrer Namensgebung gerade 
dies getan haben) .'Während sie mit ihrer Vor¬ 
liebe für den Begriff »Wende« nicht vor einer 
Übernahme von CDU-Vokabeln zurück¬ 
schrecken, haben sie für »den« Sozialismus 
kein gutes Wort mehr übrig. Sie sehen in ihm 
nur »erziehungsdiktatorischen Jacobinismus« 
und bei einer solch selektiven Wahrnehmung 
wundert es nicht, wenn sie glauben, ihn ein¬ 
fach beiseite schieben zu können. Dement¬ 
sprechend halten sie sich für die Einzigsten, 
die jemals für Dezentralisierung, Entstaatli¬ 
chung und Eigenhilfe eingetreten sind. Solche 
Postulate, die die Ökolibertären für sich in 
Anspruch nehmen, sind jedoch keine grund¬ 
sätzlich neue Politk wie sie in ihrer selbstgefäl¬ 
ligen Überschätzung Glauben machen wol¬ 
len, sondern seit über 150 Jahren Grundlage 
Sozialrevolutionären und anarchistischen 
Handelns. Seit der Gründung der 1.Interna¬ 
tionale gab es in der Arbeiterbewegung mit 
der antiautoritären bakunistischen Richtung 
und der marxistischen Richtung zwei grund¬ 
verschiedene Strömungen. Die mexikani¬ 
schen Revolutionäre, die Anarchisten und So¬ 
zialrevolutionäre in der Russischen Revolu¬ 
tion, die Anarchosyndikalisten im Spanischen 
Bürgerkrieg waren von ihren Grundsätzen 
her libertär-sozialistisch. 

Die penetranten Anfeindungen in der Grün¬ 
dungserklärung der Ökolibertären gegen alle, 
die sich Sozialisten nennen, liegen wohl mehr 







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im persönlich-politischen Werdegang einiger 
Unterzeichner begründet und stellen eine 
ebenfalls psychologisch erklärbare Abrech¬ 
nung mit ihrer eigenen parteikommunisti¬ 
schen Vergangenheit dar. Während früher 
z.B. die Frauenfrage auch von ihnen als Ne¬ 
ben Widerspruch behandelt wurde, gerät ihnen 
heute die Frage nach der privaten Verfü¬ 
gungsgewalt über die Produktionsmittel zu ei¬ 
nem »Problem zweiter Ordnung«. Solange die 
von den Ökolibertären bevorzugte Selbsthilfe 
nicht in Widerspruch zum Privateigentum ge¬ 
setzt wird, sind sie eifrige Verteidiger eines 
mittelständischen Kapitalismus. Eine wirklich 
libertäre Pcrsektive hat dagegen als Ziel die 
Überführung der Produktionsmittel in die 
Selbstverwaltung der Produzierenden - hier¬ 
von ist in der Gründungserklärung nirgends 
die Rede; es würde ja auch im direkten Wider¬ 
spruch zu ihren Anbiederungsversuchen an 
den privilegierten Mittelstand stehen. Ihre 
Toleranz lassen sie nur dem ach so verletzli¬ 
chen Bürgertumzukommen. Hinter ihrer Ab¬ 
neigung, die Systemfrage zu stellen, verbirgt 
sich eine auf Bürgerzuspruch ausgerichtete 
Konfliktscheue, die kein Wagnis mehr ein¬ 
geht, weil es ihnen um parlamentarischen 
Machterwerb geht. Die Vorstellung der Öko¬ 
libertären, es könnten gesellschaftliche Alter¬ 
nativen aufgebaut werden, ohne daß sich zu 
einem bestimmten Zeitpunkt die Systemfrage 
stellt, ist unrealistisch. Beschränken sich auto¬ 
nome selbstverwaltete Strukturen nicht mehr 
auf ein Ghetto, so tritt ein Machtverlust der 
staatlichen Institutionen ein, den sie nicht so 
ohne weiteres hinnehmen werden. Dann 
spätestens wird es zum Konflikt kommen, 
dem wir nicht ausweichen können, wenn un¬ 
sere Ideen einmal gesellschaftliche Realität 
werden sollen. In einer solchen Gesellschaft 
werden Bürger auch keine »Bürger« mit ih¬ 
rem heutigen Selbstverständnis mehr bleiben 
können, sondern dazulernen müssen, daß es 
eine Vielfalt von Lebensäußerungen gibt, die 
es zu respektieren gilt. Die von den Ökoliber¬ 
tären konstatierte »scharfrichterliche Arro¬ 
ganz« gegen den Bürger halten wir für Augen¬ 
wischerei angesichts der Tatsache, daß viele 
Grüne Bastian, Kelly und eine Menge anderer 
gerade wegen ihrer Bürgerlichkeit in höhere 
Positionen gewählt haben. Toleranz für den 
Bürger wendet sich hierdurch gegen die Viel¬ 
falt, drängt als Außenseiter marginalisierte 
ab, anstatt dringend notwendige gegenseitige 
Lernprozesse zu fördern. 

Politik in befreiender Absicht kann nach 
Ansicht der Ökolibertären nur im »Nahfeld 
des Menschen« stattfinden. Sie sagen aber 
nicht, wie denn eine Politik im Nahfeld prak¬ 
tisch werden soll. Wenn sie im gleichen Atem¬ 
zug den »Ungeist des Versammlungswesens« 
verdammen, folgt daraus, daß ihre Hinweise 
auf das nahfeld des Menschen nur eine werbe¬ 
wirksame Redensart sind und sie sich lieber 
auf die Parlamentsarbeit konzentrieren wol¬ 
len. Regelrecht doppelzüngig ist die Argu¬ 
mentation der Ökolibertären, wenn sie an die 
inzwischen weitverbreitete Ablehnung der 
mit Formalien überfrachteten Parteitage der 
GRÜNEN anknüpfen, urn so die ihrer Mei¬ 
nung »excessiv ausgeübte Demokratie« inner- 
verbandlich zu beschränken und uns als Alter¬ 
native dazu eine verstärkte Orientierung auf 
das »frei gewählte« Parlament präsentieren. 
Sie bringen den Mittelstand und den Bürger 
nicht zufällig als eigentliche Basis der GRܬ 



NEN ins Spiel (was noch nicht bewiesen ist). 
Das Ziel der Ökolibertären ist es, sich parallel 
zur »schweigenden Mehrheit« der etablierten 
Parteien eine anonyme Masse zu schaffen auf 
die sie sich jederzeit berufen können und die 
dann nach bewährtem Muster nur noch die 
Staffage dafür abgeben kann, was über ihre 
Köpfe hinweg sogenannte Volksvertreter be¬ 
schließen. Im Gegensatz zu diesem entmündi¬ 
genden anti-emanzipatorischen Ansatz sehen 
wir die Basisdemokratie als eine mögliche 
Vorform der erstrebten Selbstverwaltung in 
einer anarchistischen Gesellschaft. 

In ihr werden sich möglichst viele Menschen 
in Aufgabenbereiche einarbeiten, in denen 
bisher Vertreter und Fachleute die Herrschaft 
an sich gerissen haben. 

Den von ihnen beanspruchten »demokrati¬ 
schen Weg« setzen die Ökolibertären in der 
Gründungserklärung gegen »Revolution, 
Bürgerkrieg, putschende Avantgarden«. Die 
Pariser Kommune kann jedoch nicht nach der 
Guillotine, der spanische Bürgerkrieg nicht 
nach Stalins langem Arm und die russische 
Revolution nicht nach den Gulags beurteilt 
werden. D.h. ein bestimmter Ausdruck einer 
auf Befreiung ausgerichteten Massenbewe¬ 
gung kann nicht deshalb abqualifiziert wer¬ 
den, weil sich nach Jahren gesellschaftlicher 
Auseinandersetzungen eine neue Herr¬ 
schaftsform gegen die ursprüngliche Basis hat 
durchsetzen können. Der Querverweis auf 
angeblich undemokratische Revolutionsfor¬ 
men soll nichts anderes bewirken, als ihren ei¬ 
genen opportunistischen Beteiligungswillen 
an einem System zu rechtfertigen, das durch 
die Verpflichtung auf die freiheitlich-demo¬ 
kratische Grundordnung das bestehende De¬ 
mokratieverständnis genau definiert und ein 
anderes nicht zuläßt. Es kann doch nicht im 


Ernst die Aufgabe von Libertären sein, die in 
einem solchermaßen festgeschriebenen Rah¬ 
men sich bewegenden Parlamente zu Orten 
des Dialogs und einer wirklichen Auseinan¬ 
dersetzung machen zu wollen. Unser Ziel ist 
cs vielmehr, die sich von unten entwickelnden 
Strukturen einer Selbstverwaltungsgesell¬ 
schaft zu fördern und zu stabilisieren. Die 
Aussagen der Ökolibertären zum Parlamen¬ 
tarismus deuten daraufhin, daß sie einen Zu¬ 
stand herbeiwünschen, in dem GRÜNE brav 
neben dem CDU-Nachbar auf der Abgeord¬ 
netenbank sitzen und so augenfällig demon¬ 
strieren, wo in letzter Konsequenz ihr tatsäch¬ 
liches Nah-und Betätigungsfeld liegen wird. 
Wenn auch die Ökolibertären in ihrer Grün¬ 
dungserklärung für sich in Anspruch nehmen, 
Sachwalter des von den GRÜNEN vernach¬ 
lässigten Bürgertums zu sein, so spricht ihre 
Abgewandtheit von den realen Auseinander¬ 
setzungen und ihre grundsätzliche Orientie¬ 
rung auf Kompromisse eine deutlichere Spra¬ 
che: Bürgerinitiativen stehen sie genauso 
mweit fern, wie alle anderen Parteien auch. 
Die von ihnen vorgeschlagene und teilweise 
schon bei den GRÜNEN praktizierte Politik 
bewirkt Stück für Stück die Aufgabe wichtiger 
Inhalte der Basisbewegungen und schwächt 
damit ihre erreichten Positionen. Durch die 
schleichende Anpassung an das vom Staat an¬ 
gebotene Betätigungsfeld werden die in ver¬ 
gangenen Konflikten gemachten Erfahrungen 
und Lernschritte der Basisbewegungen wie¬ 
der zurückgenommen und auch das Teilziel 
auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien, 
selbstverwalteten Gesellschaft bleibt auf der 
Strecke. 


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Jede Erziehung ist staatserhaltend! 

von Ekkehard von Braunmühl 




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Eine Entgegnung auf Uli Klemms Artikel aus 
SF1/84 

Weil ich - als alter Antipädagoge und 
Staatsfeind - der Meinung bin, daß Uli 
Klemm auf den Seiten 20-23 in den 
SCHWARZEN FADEN 1/84 einen ziemlich 
dicken Knoten gemacht hat, folge ich gerne 
der Aufforderung der Redaktion und setze 
mich an mein Schwert, um zu zeigen, daß es 
eine »Libertäre Pädagogik« nicht geben kann. 
Anarchisten, als erklärte Gegner jeder Herr¬ 
schaft und Bevormundung, nehmen ihre eige¬ 
nen Ideen nicht ernst, solange sie den »Erzie¬ 
hung« genannten Altersklassenkampf fortset¬ 
zen (mit welchen Waffen auch immer) und 
jungen Menschen die Freiheit vorenthalten, 
die sie für ältere reklamieren. Aus meiner 
Sicht ist das Erziehungssystem das stärkste 
Bollwerk des Staates gegen die Freiheit und 
degradieren sich auch ansonsten klarsichtige 
Menschen zu Helfershelfern des Staates, 
wenn sie nach alternativen Erzichungsformen 
suchen, anstatt Kindern zur Anerkennung ih¬ 
rer Freiheit zu verhelfen. 

Die Barbarei der Besserwisser 

Uli Klemm nennt in seinem Text eine »radi¬ 
kale« Pädagogik jene, »die jeglichen Zwang in 
der Erziehung und Bildung ablehnt«. Frage: 
Was ist daran »radikal«? War es nicht seit je¬ 
her das Ideal der Erzieher, ihre Zöglinge zum 
»freiwilligen« Gehorsam zu verführen - eben¬ 
so wie cs das Ideal jeder Staatsmacht ist, »ein¬ 
sichtige« Untertanen (schon aus Bequemlich¬ 
keit) so zu regieren, daß die Polizei sich mög¬ 
lichst als »Freund und Helfer« darstellen 
kann? 

Offensichtlich liegt das Problem in dem 
vieldeutigen Begriff »ZWANG« begründet: 
Es soll ja Kinder geben, die sogar durch 
schlimme Prügel sich zu nichts zwingen lassen, 
aber schnell bezwungen sind, wenn eine ge¬ 
liebte »Bezugsperson« eine Träne opfert und 
leise eine »Ich-Botschaft« aussendet (z.B. wie 
»enttäuscht« sie sei). »ZWANG« ist jeden¬ 
falls dann ein untaugliches Wort, wenn es 
nicht um aktuelle Handlungen geht, sondern 
um tiefere »Wirkungen«. Psychologen spre¬ 
chen viel von »Zwangshandlungen«, also von 
Handlungen, die . aus einem inneren 
»ZWANG« erfolgen. Was fängt der radikale 
Libertäre mit solchen Erscheinungen an? 

Ich möchte im folgenden begründen, war¬ 
um jede Form von Erziehung, und sei so noch 
so »zwanglos«, »antiautoritär«, »libertär« 
oder »befreiend« gemeint, staatserhaltend 
wirkt. Und ich möchte andeuten, was man da¬ 
gegen tun kann, sofern man das will (was ich 
erklärten Anarchisten jetzt mal einfach unter¬ 
stelle). 

Gleichgültig, was mit »Erziehung« und 
»Pädagogik« im einzelnen gemeint ist: diese 
beiden Begriffe stehen traditionell für ein 
ganz bestimmtes Menschen-, Welt- und Ge¬ 
sellschaftsbild, bei dem das Recht des Stärke¬ 
ren, also das Faustrecht, eine Schlüsselstel¬ 
lung cinnimmt. Bezüglich des körperlichen 
und des wirtschaftlichen Faustrechts brauche 


ich das nicht ausführen, weil unter Anarchi¬ 
sten diese Analysen bekannt sind. Dagegen 
wird die geistig/seelische Seite der Angelegen¬ 
heit noch weitgehend verkannt. Das geistig/ 
seelische Faustrecht gilt nach wie vor als 
selbstverständlicher Teil unserer Kultur und 
Zivilisation, die ich in diesem Punkt lieber ei¬ 
ne Barbarei nenne, die Barbarei der Besser¬ 
wisser. 


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Die Besserwisserei ist auch unter Anarchi-I 
sten weit verbreitet. Ich möchte das am Bei-J 
spiel Gustav Landauer erläutern, weil gerade 
er im SF 1/84, S.40—45, als Denker vorgestelltl 
wurde, der den individuellen Menschen wich-! 
tiger nahm als strukturelle Bedingungen und 1 
sich deshalb besonders mit den geistig-seeli-j 
sehen Phänomenen befaßt hat. 





j In seinem Aufsatz »Die Abschaffung des 
; Krieges durch die Selbstbestimmung des Vol- 
- kes« von 1911 findet sich die folgende Passa- 
1 ge: 

| 

j »Die Arbeiter sollen beginnen, sie sollen mit 
dem Ersten anfangen, sie sollen ihre Vorberei- 
' tungen treffen . Sie sollen einmal gar nicht das 
* denken, was ihnen selber obliegt. Sie sollen das 
| denken, was sie wirklich denken. Sie sollen das 
, sein, was sie wirklich sind.« 

‘ (»TROTZDEM«-Broschüre, Reutlingen 
1980, S. 13; siehe auch G.L., »Erkenntnis und 
! Befreiung«, edition suhrkamp, Frankfurt 
11976, S. 63) 

Dies meine ich mit »Besserwisserei«, einer 
1 sehr alten (»Werde der du bist!«) und weiter- 
! hin modernen (»Auf der Suche, nach dem 
! wahren Selbst«), nichtsdestoweniger barbari- 
| sehen, freundlicher gesagt: kommunikations- 
, theoretisch naiven (unaufgeklärten) Haltung. 
Ich sehe den Unterschied zwischen einem, der 
! etwas besser weiß, und einem »Besserwisser« 
i in dem, was der Wissende mit seinem Wissen 
: macht. Landauers Analyse ist sicher richtig, 
f : wenn er z.B. die zitierten Sätze so erläutert: 

, »Nein, die Menschen wagen nicht, ihreGedan- 
' ken zli denken.« (Broschüre S.14) - oder: 

1 »Die Arbeiterdenken langsam... Darum haben 
sie ihr Denken so schnell gefangen gegeben 
r un d waren froh, wenn sie’s aufgeben durften 
, und andere für sich denken ließen. Das allein 
ist schuld an all dem Unheil, von dem wir re- 
I den: dieses System der Vertretung!« (S.15) 

[ Trotz meiner großen Sympathie für Gustav 
I Landauer hätte ich ihn doch gern gefragt, ob 
. er sich nicht zwangsläufig auch selbst als »Ver- 
| treter« der Arbeiter ansehen muß, wenn ersic 
1 in seiner Analyse derart abqualifiziert. 

; wie ich finde bedeutsame Darstellung ei- 
\ nes anderen »Volksvertreters« sei hier einge- 
. fügt: 


»Die fortschreitende Technik... Entwurzelung 
- diese Faktoren trugen nach seiner Auffassung 
bei zur Vermassung und Entpersönlichung. 
Vermassung und Entpersönlichung wiederum 
brachten mit sich die geistigen Voraussetzun¬ 
gen für die Beherrschung der Menschen durch 
eine Minderheit....Der Faschismus in Italien, 
der Nationalsozialismus in Deutschland wären 
nicht möglich gewesen, wenn nicht eine gewisse 
Disposition breiter Volksschichten, auf die ei¬ 
gene Persönlichkeit zu verzichten, vorhanden 
gewesen wäre. «Ferner: »Er stellte fest, der mo¬ 
derne Mensch sei sich weithin nicht mehr seiner 
Eigenständigkeit und seines Eigenwertes be¬ 
wußt, er erarbeite sich nicht mehr selbst ein 
Weltbild, sondern akzeptiere vielfach aus Be¬ 
quemlichkeit die fertige Schablone...« 

Die gleiche Analyse (bzw. Beschimpfung) al¬ 
so. Doch es kommt noch schlimmer. Landau¬ 
er: 

Die Arbeiter haben sich »die Freiheit... ab neh¬ 
men lassen«, »sie haben freiwillig abgedankt.« 
Sogar: »Weil die Arbeiter nicht lebendig sind 
und ihre Sachen nicht selber besorgen. Wo 
Massen da sind, aber nicht Leben, da muß sich 
Fäulnis entwickeln.« (Alles S.16) Und, 
sprachlich hübsch, aber in der Aussage barba¬ 
risch: »Nur weil unten Verweste sind, darum 
gebieten oben Verweser.« (S. 17) 

»Weil die Arbeiter nicht lebendig sind... Wo 
Massen da sind, aber nicht leben...« »... auf die 
eigene Persönlichkeit zu verzichten...Abster¬ 
ben der Persönlichkeit...« -Pardon! Die 

letzte Formulierung gehört wie die vorletzte 
noch zu obigem Einschub, der ja, wie der auf¬ 
merksame Leser bemerkt hat, nicht von (dem 
1919 ermordeten) Gustav Landauer stammen 
konnte. Sondern: 

»Absterben der Persönlichkeit brachte nach 
Adenauer Vermassung, und Vermassung 



brachte Verlust der Freiheit und die Diktatur.« 
(Die drei Einschubzitate aus: Anneliese Pop- 
pinga, “Konrad Adenauer - Geschichtsver¬ 
ständnis, Weltanschauung und politische Pra¬ 
xis”, Stuttgart 1975, S. 182, S. 184, S. 182) 

Bei Konrad Adenauer bin ich mir nicht si¬ 
cher, aber Gustav Landauer wußte gewiß 
noch nichts vom »double-bind«, der »Bezie¬ 
hungsfalle«, der »Sich-selbst-erfüllenden- 
Prophezeihung«,' dem »pädagogischen Gc- 
genteileffekt« und ähnlichen von Kommuni¬ 
kationsforschern entdeckten Phänomenen. 
Für heutige Anarchisten ist es leicht, zu er¬ 
kennen, daß man vernünftigerweise anderen 
Menschen nicht zuerst (in der Analyse) Ver- 
westheit, Unlebendigkeit, Unfreiheit unter¬ 
stellen und sie dann (in der Konsequenz, dem 
Appell, s.unten) zu etwas auffordern kann, zu 
dem man sie gerade für unfähig erklärte. 

Am Ende seines genannten Aufsatzes bringt 
Landauer den Widerspruch noch einmal ex¬ 
trem zum Ausdruck. Erst kommt die analyti¬ 
sche Feststellung: »Keiner findet die Freiheit , 
der sie nicht in sich hat.« (S. 20) Und dann der 
den ganzen Text abschließende Appell: 

»Aber werden die Arbeiter denn ihre eigene Sa¬ 
che tun? Werden sie einmal frei sein? Werden 
sie zu ihrem freien Arbeitertag zusammentre¬ 
ten? Werden sie einmal selber reden und selber 
handeln? Werden sie beschließen, ihr Geschick 
selbst zu bestimmen? 

Darauf sollen die Arbeiter die Antwort gc- 
ben.«(S.21) 

Die Antwort »der« Arbeiter, wir wissen es, 
fiel damals nicht nach Landauers Geschmack 
aus, und bis heute hat sich daran nichts geän¬ 
dert. Die Frage »Werden sie einmal frei 
sein?« läßt sich durch keinen Trick der Welt 
mit der Erkenntnis »Keiner findet die Frei¬ 
heit, der sic nicht in sich hat« verbinden. Der 
eingangs zitierte Wunsch/Befehl - »Sie sollen 
das sein, was sie wirklich sind« - spricht den 
Adressaten nicht nur die Freiheit, sondern so¬ 
gar die Wirklichkeit ab, jedenfalls die im Hier 
und Jetzt - und nur von dort können ja Verän¬ 
derungen ausgehen. Mal ganz böse gesagt: 
Behauptet nicht Landauer wenig anderes als. 
die Arbeiter, zu denen er da spricht, würden 
in Wirklichkeit ein lebensunwertes Leben 
führen? Und wundert es jemanden, daß die so 
beleidigten (in ihrer Subjektivität nicht ver¬ 
standenen und anerkannten) Arbeiter wenig 
später auf andere Leute mehr hörten, die ih¬ 
nen mehr zutrauten (z.B. einen Weltkrieg ge¬ 
winnen zu können oder gar Herrenmenschen 
zu sein)? 

Besserwisserei als Symptom von Mißtrauen 
Ich möchte hier nicht auf andere Aspekte 
des geistig/seelischen Faustrechts eingehen, 
etwa die merkwürdigen »Argumente« ver¬ 
liebter Leute gegenüber dem uninteressierten - 
Objekt ihrer Begierde (»Aber ich liebe dich 
doch so sehr«, »Ich kann ohne dich nicht le¬ 
ben« und ähnliche »gewaltfreie« Vergewalti¬ 
gungsversuche). Dabei handelt es sich natür¬ 
lich nicht um »Besserwisserei«, eher um so et¬ 
was wie »Besserfühlerei«. 


Worauf ich aufmerksam machen will, ist der 
Anspruch, den häufig sowohl Besserfühler 
wie Besserwisser aufgrund ihrer subjektiven 
Befindlichkeit an andere Menschen erheben. 
Dieser Anspruch basiert vordergründig auf ei¬ 
ner felsenfesten Überzeugung: Mein Gefühl 
ist so stark, mein Wissen ist so überlegen - der 
andere muß sich davon beeindrucken lassen, 
muß sich unterordnen. 










Auf den zweiten Blick aber sieht man, daß der 
genannte Anspruch tatsächlich umgekehrt ei¬ 
ne starke Unsicherheit verrät. Man könnte 
das - Stichwort: mangelnde Selbstsicherheit 
im Sinne von existentieller Selbständigkeit - 
auch für Licbesdinge entwickeln, aber ich will 
mich auf die Besserwisserei beschränken, weil 
diese für die Erzeihung eine leicht durch¬ 
schaubare Rolle spielt. 

Der Anspruch, andere Menschen erziehen zu 
können und zu dürfen, gründet offiziell (inof¬ 
fiziell, z.B. unbewußt, kann natürlich auch 
blanke Herrschlust, Sadismus o.ä. am Werke 
sein) immer in einer - behaupteten oder gege¬ 
benen - Überlegenheit des Erziehers über den 
Zögling, Meist wird von Erziehern ihr »Vor¬ 
sprung« an Wissen und Erfahrung ins Feld ge¬ 
führt, um es berechtigterweise in ein Schlach- 
feld zu verwandeln. Wären sich solche Er¬ 
wachsene ihres besseren Wissens wirklich si¬ 
cher, könnten sic problemlos damit rechnen, 
daß es gegenüber den Kindern seine Überle¬ 
genheit konkret erweist. Sic würden es ohne 
persönlichen oder institutionellen Herr¬ 
schaftsanspruch zur Verfügung stellen, wie sic 
das gegenüber Erwachsenen in gleichberech¬ 
tigten Beziehungen auch tun. Der Volksmund 
weiß: Wer Unrecht hat, schreit. Wer sich sei¬ 
ner Kompetenz nicht sicher ist, benötigt 


Machtmittel (z.B. »Erziehungsmaßnahmen«) 
zur künstlichen Etablierung von »Autorität«. 
Wer einen Anspruch erhebt auf Vertäuen, 
Gehorsam, Dankbarkeit usw., glaubt in 
Wahrheit selbst nicht, daß er all dies verdient. 
Er mißtraut seinen Leistungen, sonst würde er 
sich auf deren eigene Aussagekraft verlassen. 

Oder es ist alles umgekehrt, der Besseres Wis¬ 
sende mißtraut den anderen, bzgl. der Erzie¬ 
hung: den Kindern. Wer Kindern (oder, siehe 
oben, Arbeitern) mißtraut, kann sich ihnen 
nicht zur Verfügung stellen; er wird über sie 
verfügen wollen/müssen. Mit jedem Erzie¬ 
hungsakt spricht er ihnen gleichzeitig implizit 
die Freiheit ab. Er erzeugt oder verstärkt Un¬ 
mündigkeit. (Falls er nicht gar nichts bewirkt 
- was natürlich in meinen Augen das beste ist, 
was Erzieher tun können). 

Wenn ich mir meines besseren Wissens wirk¬ 
lich sicher bin (was für mich z.B. jetzt, beim 
Schreiben dieses Textes, zutrifft), leite ich 
keinen Anspruch daraus ab, glaube also nicht, 
das Kind, der Arbeiter, der Leser solle oder 
müsse nunmehr die von mir gewünschte Kon¬ 
sequenzen ziehen, sondern glaube/weiß, sie 
werden Konsequenzen ziehen, und zwar ihre 
eigenen. Wenn das die gleichen sind, die ich 
mir vorgestellt hatte, bestätigt dies meine An¬ 


sichten/Vermutungen; wenn es andere sind, ! 
korrigieren sie mich. Ich mag so intensiv von j 
meinem besseren Wissen überzeugt sein, daß 
ich es am liebsten allen Leuten einprügeln ! 
würde: Wenn ich nicht die Probe aufs Exem- i 
pel wage, indem ich mein Wissen einfach nur 
so anbiete, entlarvt sich meine eigene Über¬ 
zeugung als Illusion, als Selbstbetrug. Entwe¬ 
der mißtraue ich in Wirklichkeit mir selbst ' 
bzw. meinem besseren Wissen — dann bin ich 
nicht berechtigt, dieses Wissen anderen Men¬ 
schen aufzudrängen; oder ich mißtraue den 
anderen Menschen - dann wäre es nicht ver- j 
nünftig, meine Perlen ihnen vorzuwerfen. ! 

Falls man natürlich Spaß daran hat, anderen '■ 
Menschen erst seine Weisheit und dann ihr j 
Versagen vorzuwerfen - wie es in der Erzie-! 
hung ziemlich regelmäßig geschieht -, kann 
man sich als Lehrer oder sonstiger Besserwis¬ 
ser leicht ein lustvolles Leben bereiten. Es wä¬ 
re nur gelogen, wenn man behauptete, damit 
für andere Menschen nützlich zu sein. Man ist 
dann einfach ein Ausbeuter, einer, der sein 
Wissen als Machtmittel gegen andere einsetzt 
- was in der Politik sicher legitim sein kann 
(schon damit da nicht immer die Klügeren 
nachgeben und die Dümmeren das sagen ha¬ 
ben), aber innerhalb persönlicher Beziehun- 
















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Vertrauen ist gut, Wissen ist besser 


anderen so viel gefallen lassen, wie sie es häu¬ 
fig tun, setzt dies doch nicht ihre existentielle 
Freiheit (Selbstbestimmtheit)außer Kraft. Sic 
haben vielmehr selbst entschieden - und zwar 
angesichts der Übermacht der Herrschenden 
aus durchaus vernünftigen Gründen sich 
mit einem engeren Spielraum zufriedenzuge¬ 
ben. Und sie haben sich einreden lassen, daß 
andere besser wüßten, was gut für sie ist. 
Durch die Fülle von z.T. rein sprachlichen 
Tricks (z.B.: »Man muß Gott, dem Staat, dem 
Mann, den Eltern gehorchen«) haben sich vie¬ 
le Menschen das Wissen, das Bewußtsein ih¬ 
rer Freiheit vernebeln lassen - wer die Eich¬ 
mann-Protokolle gelesen hat, wird bestäti¬ 
gen, daß dieser Mann tatsächlich glaubte, er 
habe gehorchen müssen, und bis zu seinem 
Tode wurde er von niemanden darauf hinge¬ 


gen und direkter Abhängigkeiten (wie sie zwi¬ 
schen »Erziehern« und »Zöglingen« beste¬ 
hen) ist es durch nichts zu rechtfertigen, ist es 
objektiv ungerecht und ebenso dumm wie bö¬ 
se. (Wenn man es moralisch neutral kenn¬ 
zeichnen will, kann man es auch »krankhaft« 
nennen und analog dazu die Erziehungsideo¬ 
logie als Wahn oder Seuche bezeichnen.) 
Ungerecht und böse (oder krank) sind Men¬ 
schen nun nicht von Hause aus, sondern wer¬ 
den es durch ihre Erlebnisse und Erfahrun¬ 
gen. Wer als Kind so millionenhaft Opfer der 
»Erziehung« genannten Besserwisserei wur¬ 
de, hält es leicht für selbstverständlich und 
richtig, bei Gelegenheit selbst zum Täter zu 
werden und aus seiner banalen Rache womög¬ 
lich eine hehre Pflicht zu machen. Es gibt ja 
auch massenhaft Staats“diener”, die subjektiv 
ernstlich glauben, einer seriösen Beschäfti¬ 
gung nachzugehen. Manche sprechen sogar 
von einer »Last« ihrer Verantwortung (von 
der sie allerdings um keinen Preis lassen wol¬ 
len). Ich denke also, daß Anarchisten es leicht 
haben, von der subjektiv oft unbewußten 
Heuchelei der Regierenden (der Demagogen) 
auf die Entsprechung bei Erziehenden (Päd- 
agogen) zu schließen. Erziehung ist Herr¬ 
schaft, ob mit oder ohne »Zwang« 


Wenn Besserwisserei ein Symptom von 
Mißtrauen ist, scheint Vertäuen die Alternati¬ 
ve zu sein. Beispielsweise überschrieb Jochen 
F. Uebel seinen Bericht über die Kinderechts- 
bewegung in »TRENDWENDE« 1/84 (S. 1-3) 
mit »Jenseits von Erziehung: Vertrauen in das 
Selbst«. (Vgl. auch »Kindobelus« 3/84, S. 1 
und 3) 

So richtig der Schritt vom Mißtrauen zum 
Vertrauen ist, ich halte ihn doch für nicht hin¬ 
reichend, nicht konsequent genug. Die be¬ 
kannte Maxime »Vertrauen ist gut, Kontrolle 
ist besser« signalisiert eine Schwäche des Phä¬ 
nomens Vertrauen: es beinhaltet einen wcch- 


quent erteilt. Die »radikal-freiheitliche An¬ 
thropologie« , von der Uli Klemm spricht, 
mündet eben gerade nicht in eine »Freiheit des 
Stärkeren«( S.20), wenn Kinder nicht wieder¬ 
um von Stärkeren zu irgendetwas hinerzogen 
werden, sondern grundsätzlich gleichberech¬ 
tigt leben, wie es seit jeher dem anarchisti¬ 
schen Ideal entspricht. Weder das körperli¬ 
che, noch das geistig/seelische Faust“recht” 
kann aus Unrecht Recht machen, und wer als 
Kind viel Unrecht erleiden mußte, hat es 
schwer, seine Rachegelüste (und Wut, Trauer 
usw.) nicht auf Kosten anderer Menschen und 
mit den Mitteln neuer Herrschaft auszuleben. 
Kurz gesagt: Wer Kinder nicht mindestens ge¬ 
nauso das machen läßt, was sie wollen, wie er 
selbst macht, was er will, wer also Kinder-mit 
welchen Mitteln zu welchen Zielen auch im- 
mer-erzieht, der hat in Wirklichkeit ein Men¬ 
schen-, Welt-, Gesellschaftsbild, das, wenn es 
richtig wäre, all anarchistischen Ideen wider¬ 
legen würde. Erziehung ist nicht nur immer 
besserwisserisch (in meinen Augen also: bar¬ 
barisch), sondern auch staatserhaltend (also 
anti-anarchistisch). __ 


selnden Grad an Unsicherheit, es kann mi߬ 
braucht, erschüttert werden, seine Berechti¬ 
gung ist nicht dauerhaft beweisbar. »Vertrau¬ 
en« hat also den Ruch von einerseits Risiko, 
andererseits und vor allem von Gnade. Ver¬ 
trauen ist etwas, das ich »gewähre« (und ent¬ 
ziehen kann, wenn...) 

Demgegenüber versuchen Antipädagogen 
und Kinderrechtler, das Wissen zu verbreiten, 
daß Staatsvertreter wie Erzieher (Demagogen 
wie Pädagogen, Volksführer wie Kinderfüh¬ 
rer) schlicht lügen, wenn sie behaupten, sie 
würden ihre Opfer zu deren eigenem Besten 
mit Gewalt oder List ihrer Herrschaft unter¬ 
werfen (müssen/dürfen/können). Es ist keine 
Vertrauens-, sondern eine Tatsache, daß je¬ 
der Mensch jederzeit nach seinen eigenen Kri¬ 
terien entscheidet, was er denkt, fühlt, tut. 

Wenn Arbeiter oder »Massenmenschen« (um 
auf Landauers und Adenauers Beleidigungen 
zurückzukommen), aber auch Kinder sich von 


Auch die Erziehung zu Freiheitskämpfern 
oder Anarchisten ist Herrschaft - und solange 
das nicht durchschaut wird, braucht man sich 
nicht zu wundern, daß anarchistisches Gedan¬ 
kengut - trotz all der guten Gedanken - sich 
nicht gerade stürmisch ausbreitet. Wer es fer¬ 
tigbringt, ein Kind als »das zu bildende Indivi¬ 
duum« zu bezeichnen (SF 1/84, S.21) und im¬ 
merzu von »freier Erziehung« redet, ohne tau¬ 
send schwarze Schimmel wiehern zu hören, 
der hat seine Absage an die Herrschaft von 
Menschen über Menschen noch nicht konse- 







wiesen, daß unbestreitbar er selbst sich zu je¬ 
dem seiner Gehorsamsakte entschlossen hat¬ 
te. 

An sich ist dieses Wissen (Kurzform: Ich bin 
ich) eine sehr einfache Sache. Doch haben 
theologische, philosophische und pädagogi¬ 
sche Traditionen mit einer Fülle von Schein¬ 
problemen dieses Wissen überlagert, so daß 
viele Menschen erst eine Psychotherapie oder 
Selbstcrfahrungsgruppe brauchen, um es wie¬ 
derzugewinnen. (Obgleich es schon genügen 
würde, wenn sic gelegentlich mit dem Schien¬ 
bein an einen Türrahmen treten und prüfen 
würden, wessen Schmerz sie spüren, um sich 
ihrer konkreten Identität zu vergewissern.) 

Ich möchte diese Fragen hier nicht weiter 
erörtern, verweise Interessenten auf meinen 
Text »Wer hat Angst vor freien Kindern?« aus 
der Dokumentation des 2. Regensburger Kon¬ 
gresses (1983) über Freie Schulen, sowie auf 
den »Kindcr-Doppelbcschluß« der deutschen 
Kinderrcchtsbewegung (»Publik-Forum« 1/ 
84).(Bezug: Deutscher Kinderschutzbund 
Wiesbaden). 

Mir ist aber eine Klarstellung wichtig. Das 
Wissen, daß jedes Lebewesen sein eigener 
Steuermann ist, gleichgültig wie begrenzt sei¬ 
ne Entscheidungsmöglichkeiten sein mögen, 
dieses Wissen verändert für sich genommen 
weder irgend eine individuelle Lebenslage, 
noch führt es, wenn es sich verbreitet hat, ge¬ 
wissermaßen von selbst eine herrschaftsfreic 
Gesellschaftsform herbei. Ich meine aber, 
daß ohne dieses Wissen und Bewußtsein alle 
anarchistische Besserwisserei ä la Landauer 
politisch nichts bringt, und daß auch persön¬ 
lich Menschen ohne dieses Wissen ihre Ent¬ 
scheidungsmöglichkeiten (Spielräume) weder 
ausschöpfen noch gar erweitern können (da 
sic sic nicht als ihre eigenen erleben, sondern 
das Heil von anderen erwarten.) Es handelt 
sich also nicht um eine hinreichende, sondern 
um eine notwendige Bedingung (»conditio si¬ 
ne qua non«). Man braucht aber nicht viel 
Phantasie, um sich vorzustellen, welche indi¬ 
viduellen und gesellschaftlichen Veränderun¬ 
gen möglich werden, sobald die Päd- und 
Demagogen jedweder Couleur nicht mehr da¬ 
von profitieren können, daß ihnen so oder so 
erzogene Menschen das Recht und die Macht 
geben, über sic zu verfügen. 

Mir ist klar, daß Menschen sich durch diese 
Delegation auch von Verantwortung entla¬ 
sten wollen; doch ist dies offenkundig eine Il¬ 
lusion: Sie selbst sind es, die diese Delegation 
vornehmen, und sie selbst löffeln die Suppe 
aus, die sie sich damit einbrocken. Man wird 
aber diese Illusion, diesen selbst inszenierten 
und existentiell je eigenen Abwehrmechanis¬ 
mus des Individuums niemandem durch¬ 
schaubar machen können, dem man die Ei¬ 
genständigkeit im Hier und Jetzt ab- und ein 
»falsches«, »unwahres«, »verwestes« usw. 
Selbst zuspricht. 

Drei Antipädagogische Konsequenzen 

Die erste erwähne ich nur kurz. Da Kinder 
von Hause aus soziale Wesen sind, braucht 
man sie nicht zu sozialisieren. Da Kinder von 
Hause aus anarchistisch sind, braucht man sie 
uueh nicht zum Anarchismus zu erziehen. 
Man erreicht allenfalls das Gegenteil. Man 
kann mit Kindern umgehen wie mit ganz nor¬ 
malen Menschen, ohne Faustrecht, ohne päd¬ 
agogische Vorder- und Hintergedanken. Man 
kann also einfach aufhören, über Kinder zu 
herrschen, und hat damit schon viel - und sehr 





>: um 


Konkretes - für die Freiheit von Herrschaft 


getan. 

Politisch bietet sich eine zweite Konse¬ 
quenz an, falls man dem Staat schneller und 
mehr Ärger machen will, als ein paar freie 
Kinder heranwachsen zu lassen. Man kann 
nämlich politisch, publizistisch usw. alles das 
energisch bekämpfen, was der Staat gegen un¬ 
schuldige Kinder (oder wie es im Kinder-Dop- 
pelbeschluß heißt: »liebliche Säuglinge«) un¬ 
ternimmt. Wenn Interesse besteht, will ich 
dies gerne später näher ausführen, verweise 
jetzt auf den genannten »K-D« - den ich zwar 
selbst nicht mittrage, weil er für meinen Ge¬ 
schmack viel zu staatsfromm ist, den man aber 
natürlich auch als Mittel zur Entlarvung der 
Staatstäter ansehen und benutzen kann. 

Und drittens kann man das, was im »K-D« 
erst für den 2.TeiI angedroht wird, selbstver¬ 
ständlich schon jetzt und viel intensiver betrei¬ 
ben, als es der isolierten Kinderrechtsbewe¬ 
gung möglich ist: Kindern und anderen Men¬ 
schen gegenüber die Lügen aufdecken, mit 
denen Staatstäter und alle ihre Komplizen in 
Wissenschaft und Publizistik das freie Denken 
und freie Leben der Menschen erschweren. 
Ich habe die Hoffnung, »Antipädagogen« und 
»Anarchisten« (die Gänsebeinchen sollen nur 
andeuten, daß ich zwischen diesen Bezeichun- 
gen keinen Unterschied sehe) werden sich 
demnächst ihres objektiv besseren Wissens 
auch subjektiv so sicher, daß sie es ohne Bes¬ 
serwisserei ihren Mitmenschen zur Verfügung 
stellen können. 

Gustav Landauer schrieb in dem eingangs 
mehrfach zitierten Text (S. 14) auch: 

»Gar nichts kann gar keiner gar keinem brin¬ 
gen, was der nicht schon vorher weiß , obwohl 
er es doch wieder nicht so recht weiß.« 


Diesen Satz halte ich für so wahr, wahrer 
geht’s nicht. Allerdings vergißt der Besserwis¬ 
ser den Teil vor dem »obwohl« zu gerne. Ich 
glaube, gerade deshalb verbreitet sich auch 
das beste Wissen so langsam. Weiß jemand, 
ob das mit Absicht geschieht? (Weil, wenn die 
Besserwisser ihr Wissen wirklich - d.h. effek¬ 
tiv - weitergeben würden, wäre es ja schnell 
vorbei mit ihrer Besserwisserei.) 

Erziehung als geistig/seelisches Faustrecht 
(wozu, per offiziellem elterlichen Züchti¬ 
gungsrecht, noch das körperliche kommt) 
wird sich gewiß nicht »von selbst« überleben. 
Es wird immer stärkere und schwächere Men¬ 
schen geben. Der Stärkere kann seine Stärke 
gegen den Schwächeren einsezen, so wie der 
Wissende seine Umwelt mit Besserwisserei 
traktieren kann. Ein Kraut gegen diese Mög¬ 
lichkeiten ist wohl nicht gewachsen, und nicht 
immer können sich die jeweils Schwächeren 
wirkungsvoll zur Wehr setzen. 

Der Glaube allerdings, Erwachsene müßten 
sich gegen Kinder wenden, gar zu deren eige¬ 
nem Besten, dieser barbarische Aberglaube 
(obwohl als solcher längst durchschaut - siehe 
z.B. die im »K-D« genannte Literatur) macht 
noch immer aus Mißbrauchsmöglichkeiten 
den Idealfall und Normalzustand. Und solan¬ 
ge nicht einmal Anarchisten diese Zusam¬ 
menhänge durchschauen (sondern nach einer 
»libertären Erziehung« suchen), kann ich- 
mich nicht darüber wundern, daß diesem 
Aberglauben noch immer so viele Opfer ge¬ 
bracht werden, und daß der Glaube an den 
Sinn des Staates noch so weit verbreitet ist. 




















Leo N. Tolstois Reformpädagogik 


von Uli Klemm 


Über den Zusammenhang von Bildung und 
Anarchismus in der Pädagogik L.N. Tolstojs 

Als der Dichterphilosoph Leo Nikolaje- 
vvitsch Tolstoj 1910 starb, hinterließ er nicht 
nur ein weltbewegendes, dichterisches Werk, 
sondern in gleichem Maße auch eine Soziale¬ 
thik, die ihn über die Grenzen Rußlands hin¬ 
aus zu einem Propheten und Kämpfer für 
Frieden und Freiheit werden ließ. Nachdem 
Tolstoj seine literarischen Hauptwerke 
»Krieg und Frieden« (1864-1869) und »Anna 
Karcnina« (1872-1877) vollendet hatte, wand¬ 
te er sich zunächst vom künstlerischen Schaf¬ 
fen ab und stellte seine ganze Kraft in den 
Dienst reformerischer und humanistischer 
Ziele zur Veränderung der bestehenden Ge¬ 
sellschaft. 

Mit der von ihm selbst so bezeichneten »Re¬ 
ligiösen Krise« Ende der siebziger Jahre, be¬ 
gann für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Von 
nun an verfaßte er zahllose poetische, soziale- 
thischc und religiöse Traktate und Pamphlete, 
die in der ganzen Welt bekannt wurden und in 
denen er leidenschaftlich für bessere soziale 
und ökonomische Verhältnisse für die unter¬ 
drückten Schichten eintrat. 

Dieser Bruch in Tolstojs Leben bedeutete 
für ihn jedoch keinen Wandel im Sinne einer 
geistigen Kehrtwendung. Ganz im Gegenteil: 
Der „Bruch“ im Leben und Denken Tolsojs 
aus den siebziger Jahren wurde zum Ausdruck 
konsequenter Radikalität in der Entwicklung 
seines humanistischen Denkens. Dieser 
„Bruch“ bedeutete für ihn auch Kontinuität. 
Die Einheit von Tolstojs dichterischem und 
sozialethischcn Wirken bleibt unbestritten. 
Die Intention, die er zunächst mit seinen Ro¬ 
manen, Novellen und Erzählungen verfolgte, 
nämlich das »menschliche Dilemma« moder¬ 
ner Zivilisation in ihrer individuellen und ge¬ 
sellschaftlichen Auswirkung darzustellen, 
verlagerte sich von einer künstlerischen Dar¬ 
stellung auf die Ebene des publizistisch-politi¬ 
schen Kampfes. Seine Revolutionsstrategie 
des gewaltlosen Widerstands wurde weltweit 
aufgegriffen und zu einer neuen Waffe gegen 
staatlichen und kirchlichen Zwang und Auto¬ 
rität. Tolstojs Weltanschauung, die ihre Wur¬ 
zeln einmal in einem Kulturpessimismus hat, 
ließ ihn zu einem der großen kritischen Den¬ 
ker des 19.Jahrhunderts werden.. Neben Karl 
Marx, Arthur Schopenhauer oder Friedrich 
Nietzsche ist Graf Leo Tolstoj einer der gro¬ 
ßen Philosophen des letzten Jahrhunderts, die 
Philosophie »mit dem Hammer« betrieben. 
Ihre Ablehnung traditioneller Werte und 
Normen abendländischer Kultur, machte sie 
zu radikalen Kritikern. 

Neben seiner Ablehnung moderner Zivili¬ 
sation ist es besonders eine humanistisch-pazi¬ 
fistische Ethik, die Tolstojs Wirken im letzten 
Drittel des 19.Jahrhunderts dominant beein¬ 
flußt hat. Sie gründet sich auf den Prinzipien 
der Bergpredigt und gipfelt in dem Gebot »wi¬ 
derstrebe nicht dem Bösen mit Gewalt« 1 . Die 
Gewaltlosigkeit wird für Tolstoj zur obersten 
Maxime menschlichen Handelns und damit 
uueh zum zentralen Element seiner politisch¬ 


sozialen Utopie. Die Abkehr von jeglicher 
Gewaltanwendung bedeutete für ihn jedoch 
nicht Verzicht auf Widerstand. Gerade im ge¬ 
waltlosen Widerstand erblickte er eine Strate¬ 
gie, mit der Gewalt, Zwang sowie Autorität 
begegnet und bekämpft werden muß. 

Der dritte Pfeiler Tolstojscher Lebenslehre 
ist seine Überzeugung von der Kraft des Gu¬ 
ten im Menschen. Einem Kulturpessimismus 
steht hier ein Optimismus in Bezug auf das 
menschliche Individuum gegenüber. Dieser 
Glaube an das Gute im Menschen war es 
schließlich, der Tolstoj zu seinen pädagogi¬ 
schen Experimenten und Reformbestrebun¬ 
gen in theoretischer wie praktischer Hinsicht 
motivierte. Sein pädagogisches Wirken gilt 
daher auch als erstes Zeugnis seines revolutio¬ 
nären Geistes, der in späteren Jahren so cha¬ 
rakteristisch für ihn werden sollte. 

Er begann bereits mit 21 Jahren im Jahre 1849 
auf seinem Gut »Jasnaja Poljana« (Lichte 
Wiese) eine Bauernschule für seine Leibeige¬ 
nen einzurichten, in der er selbst unterrichte¬ 
te. Diesen Entschluß, für seine Bauern eine 
Schule einzurichten müssen wir auch seiner 
Kenntnis der Lektüre von J.J. Rousseau zu¬ 
schreiben, die er seit seinem fünfzehnten Le¬ 
bensjahr »verschlang«. Nach seinem Militär¬ 
dienst 1851 bis 1856, bei dem er aktiv an der 
Niederschlagung aufständischer Bergvölker 
und an der Verteidigung von Sevastopol wäh¬ 
rend des Krim-Krieges teilnahm (während 
dieser Zeit erschienen seine ersten Erzählun¬ 
gen und autobiographischen Novellen in der 
Zeitschrift »SOVREMENNIK« (Der Zeitge¬ 
nosse), die den jungen Tolstoj als Schriftstel¬ 
ler in Rußland bekannt machten), gründete er 
1859 erneut eine Bauernschule auf seinem 
Gut, die bis 1862 bestand. Dieser Zeitraum 
zählt zu seiner intensivsten Phase einer Be¬ 
schäftigung mit Fragen der Pädagogik. Neben 
seiner Schule, die wir heute als klassisches 
Beispiel einer anti-autoritären Schule libertä¬ 
rer Prägung sehen müssen, gab er ab 1862 
auch eine eigene pädagogische Zeitschrift 
heraus, die bis Anfang 1863 in zwölf Ausga¬ 
ben erschien. Sie diente primär der Verbrei¬ 
tung und Diskussion seiner pädagogischen 
Reformideen. In ihr erschienen u.a. die zen¬ 
tralen Aufsätze Tolstojs zur Pädagogik, die 
später Raphael Löwenfeld mit in seine umfas¬ 
sende Gesamtausgabe der Werke Tolstojs 
aufnahm und sie hier erstmals 1907 in zwei 
Bänden als »Pädagogische Schriften« Tolstojs 
einem deutschen Leserkreis vorlegte. 2 

Von großer Bedeutung für Tolstoj während 
diesem Zeitraum war auch seine Auslandreise 
von 1860/61. Er reiste neun Monate in 
Deutschland, Frankreich, Italien, England, 
Belgien und der Schweiz umher und infor¬ 
mierte sich über das westeuropäische Bil- 
dungs- und Schulsystem. Er hospitierte in 
deutschen und französischen Schulen und 
Kindergärten, besuchte Vorlesungen in Ber¬ 
lin und kam mit bedeutenden Pädagogen und 
Sozialkritikern seiner Zeit zusammen: Unter 
ihnen waren A. Herzen, I. Turgenjew, 
P. J. Proudhon und B. Auerbach. In Deutsch¬ 


land führte ihn die Reise nach Berlin, Wei¬ 
mar, Bad Kissingen, Dresden und Jena, wo er ! 
»vor Ort« an Schulen und Kindergärten wich- j 
tige Impulse für seine zukünftige Erziehungs¬ 
und Bildungsarbeit erhielt. Es überwogen je¬ 
doch die negativen Eindrücke. In sein Tage¬ 
buch schrieb er am 29. Juli 1860: »War in der 
Schule . Entsetzlich. Gebet für König, Prügel, 
alles auswendig, verängstigte, seelisch ver¬ 
krüppelte Kinder«. j 

Wenige Tage später notierte er-sozusagen 
als Antithese —: »Montaigne hat als erster den 
Gedanken von der Freiheit der Erziehung klar 
ausgesprochen. Innerhalb der Erziehung wie¬ 
derum ist das wichtigste Gleichheit und Frei¬ 
heit.« 

Mitte 1861 kehrte Tolstoj von seiner Reise 
zurück mit der Überzeugung, daß »die einzige i 
Grundlage der Erzeihung die Erfahrung und 
ihr einziges Kriterium die Freiheit ist« 3 . In ei¬ 
nem ersten programmatischen Aufsatz 
schrieb er: »Die Grundlage unserer Tätigkeit 
ist die Überzeugung, daß wir nicht nur nicht 
wissen können, worin die Bildung des Volkes j 
bestehen muß, daß es nicht bloß keine Wissen- ! 
schaft der Bildungs- und Erziehungslehre -der 
Pädagogik gibt, sondern daß noch nicht ein- • 
mal der Grund zu ihr gelegt ist, daß eine Defin - \ 

ition der Pädagogik und ihres Zieles im philo¬ 
sophischen Sinne unmöglich, überflüssig und 
schädlich ist.«* ! 



Schule in Garitz, das ■ 

Tolstoi auf seiner 

Deutschlandreise j 

1860 besuchte. 

j 

Tolstoj kommt damit nicht nur zur Kritik an 
der bestehenden pädagogischen Praxis, son- I 
dern in gleichem Maße auch zu einer metat- j 
heoretischen Kritik an der Theorie der Päd- I 
agogik. Er nimmt in den sechziger Jahren des J 
19.Jahrhunderts bereits den Standpunkt ein, 
von dem aus fünfzig Jahre später die geistes- ! 
wissenschaftliche Pädagogik und eine sich et- j 
ablierende empirische Erziehungswissen- | 
schaft die weltanschaulich-normativ begrün- j 
dete Erziehungslehre ablehnt und kritisiert. 

Er kommt zu einer freiheitlichen und negati- j 
ven Erziehungslehre, die wir heute als ein li- j 
bertäre Reformpädagogik bezeichnen wür- j 
den. Tolstoj rückt mit seinen Erziehurtgs- und \ 
Bildungsvorstellungen in die Nähe einer anti¬ 
autoritären Erziehung im Sinne von- A.S- 
. Neil! - unterschied sich jedoch in einigen ! 
Punkten wesentlich von diesem englischen li¬ 
beralen Reformpädagogen. Im Gegensatz zu 
A.S.Neill geht es Tolstoj um eine Volksbil¬ 
dung im allgemeinsten Sinne. Er verbindet 
darüberhinaus seine Pädagogik mit einer Ge¬ 
sellschaftskritik, die deutlich zum Ausdruck 
kommt, wenn er schreibt: 

»Woran liegt es, daß es eine Erziehung gibt? 
Wenn eine so unmoralische Erscheinung, wie 









38 





der Zwang in der Bildung , d.h. Erziehung 
(Tolstoj unterscheidet zwischen Bildung und 
Erziehung sehr genau, U.K.) Jahrhunderte 
existieren kann, so muß die Ursache dazu in 
der menschlichen Natur wurzeln. Diese Ursa¬ 
che glaube ich zu entdecken erstens in der Fa¬ 
milie, zweitens in der Religion, drittens im 
Staat und viertens in der Gesellschaft« 5 
Tolstoj erweist sich hier als ein ideologiekri¬ 
tischer Pädagoge, dem es darum geht, Struk¬ 
turen einer autoritären Erziehungswirklich¬ 
keit aufzudecken. Gleichzeitig versteht er 
Pädagogik als eine auf der menschlichen Er¬ 
fahrung aufbauenden Wissenschaft von der 
Erziehung, die sich auf dem Fundament der 
Freiheit aller Individucm neu konstituieren 
muß. Tolstoj wird damit bereits vor E Meu- 
mann und W.A.Lay zum Verfechter einer 
empirischen Erziehungswissenschaft 
Zum Ende der ersten Phase seiner pädago¬ 
gischen Tätigkeit trugen wesentlich die Re¬ 
pressalien der Russischen Regierung bei. Tol- 

ren Verschwö rung gegen den Za¬ 

ren beschuldigt, wobei dies zum Vorwand für 

eine Duchsuchung und Verwüstung seines 
Gutes und seiner Schule benützt wurde. Dar- 
auRim zog sich Tolstoj 1863 zunächst aus der 
Pädagogik zurück und widmete sich seinem 
neuen »Familienglück« (Ende 1862 heiratete 
er Sofia Andrejewna Behrs). In den folgenden 
Jahren bis etwa 1869 konzentrierte er sein 
Schaffen auf die Fertigstellung seines großen 
Romans »Krieg und Frieden«. Nach Beendi¬ 
gung dieses Jahrhundertwerks in der Litera¬ 
tur, kam er wieder zur Pädagogik zurück und 
cs begann für ihn diezweite Phase einer inten¬ 
siven Beschäftigung mit Fragen der pädagogi¬ 
schen Theorie und Praxis. Seit 1869 arbeitete 
er an einem Elementarbuch für Grundschu¬ 
len. Eserschien 1872 unter dem Titel »Das Al¬ 
phabet« in Rußland. Im gleichen Jahr beginnt 
er erneut eine Schule auf seinem Gut cinzu- 
richten, in der neben ihm auch seine Frau und 
seine älteren Kinder unterrichten. Zentrales 
Anliegen Tolstojs war es hier, seine neue Ele¬ 
mentarfibel zu erproben und zu verbessern. 
U.a. entwarf er eine freiheitliche Grundschul- 
didaktik und eine neue Leselernmethode, die 
gerade heute, angesichts der Suche nach Al¬ 
ternativen zur herkömmlichen Schule, erneut 
Beachtung verdient. 


1873 lud Tolstoj zahlreiche Lehrer auf sein 
Gut ein, um sie mit seiner freien Schuldidak¬ 
tik bekannt zu machen und mit ihnen Fragen 
der schulischen Bildung und Erziehung zu dis¬ 
kutieren. Seit 1873 werden seine Erziehungs¬ 
lehre und seine pädagogischen Reformbestre¬ 
bungen auch wieder öffentlich diskutiert. Es 
kommt zu einer Anhörung Tolstojs vor dem 
»Komitee für Volksbildung« in Moskau be¬ 
treffs seiner Reformvorschläge. 1874 er¬ 
scheint in den »Vaterländischen Analen« Tol¬ 
stojs zentraler theoretischer Aufsatz aus die¬ 
ser Zeit »Über die Volksbildung«, der erneut 
in der pädagogischen Fachwelt Aufsehen er¬ 
regt und heftig diskutiert wird. Schließlich 
wird 1875 eine überarbeitete Neuauflage sei¬ 
ner Elementarfibel mit dem Titel »Das Neue 
Alphabet« veröffentlicht, die im Gegensatz 
zur ersten Ausgabe ein großer Erfolg wurde 
und in 25 Auflagen (1,5 Millionen Exemplare) 
zu einem der weitverbreitesten Volksschulbü¬ 
cher im damaligen Rußland wurde. 


Mitte der siebziger Jahre kommt es zu einem 
erneuten Bruch in seiner pädagogischen Tä¬ 
tigkeit. Es ist die Zeit von »Anna Karenina« 
und quälenden Selbstvorwürfen, die für ihn 
schließlich zu seiner »Religiösen Krise« wur¬ 
de. Am Ende steht der Welt zwar kein neuer 
Tolstoj gegenüber, aber ein »religiös geläuter¬ 
ter«, der zum Verkünder und Kämpfer eines 
»Gottesreiches auf Erden« geworden ist. 

In den letzten dreißig Jahren seines Lebens 
war Tolstoj nicht mehr der libertäre Schulkri¬ 
tiker aus den sechziger Jahren oder der 
Grundschuldidaktiker aus den frühen Siebzi¬ 
gern. Er sah sich von nun an als ein Mensch¬ 
heitserzieher und wandte sich mit seiner Päd¬ 
agogik an die gesamte Menschheit. In dieser 
letzten pädagogischen Phase wurde Tolstoj zu 
einem Bildungsphilosophen, dem es in erster 
Linie um die Vermittlung der Frage nach dem 
Sinn des Lebens ging und den daraus resultie¬ 
renden praktischen Konsequenzen für eine 
Lebensführung. Revidierte Tolstoj auch in 
einigen Punkten seine Pädagogik aus früheren 
Jahren, so hielt er doch zeitlebens an seinem 
anthropologisch-pädagogischen Bild der Frei¬ 
heit fest. 

Tolstoj ist ab Mitte der siebziger Jahre über 
eine langjährige Beschäftigung mit Fragen der 


Pädagogik an einem Punkt angelangt, der für 
ihn zum »critical life event« hinsichtlichc sei¬ 
ner Weltanschauung wurde. Er hatte den 
Wechsel von einem genialen Romanschrifts¬ 
teller hin zu einem leidenschaftlichen Prophe¬ 
ten für Frieden und Gerechtigkeit vollzogen. 
Wir dürfen hierbei jedoch nicht vergessen, 
daß dieser unvergessene Dichter und Moralist 
des 19.Jahrhunderts in gleichem Maße auch 
zum Künder einer freiheitlichen Erziehungs- 
lehrc wurde, mit der er damals alleine stand 
und die erst nachfolgende Pädagogengenera¬ 
tionen zu würdigen wußten. 


1 vgl. Graf Leo Tolstoi: Kurze Auslegung des Evan¬ 
geliums. Berlin 1891. 

Graf Leo Tolstoi: Worin besteht mein Glaube? Le- 
wipzig 1885 

2 L. N. Tolstoj: Gesammelte Werke, Ausgabe 
R. Löwenfeld. 

Serie I (sozialethische Schriften), Serie II (theologi¬ 
sche Schriften), Serie III (dichterische Schriften). 33 
Bände. Leipzig, Jena 1901-1911 

3 Gedanken über Volksbildung, in: R.Löwenfeld, 
Band8, 1907, S. 42 

4 Ebenda, S.39 

5 Erziehung und Bildungen: R. Löwenfeld, Band 9, 
1907,S.157 

★Weitere Literaturangaben gegen Rückporto beim 
SF anzufordern 

★ Uli Klemms Examensarbeit»D/e Reformpädagogik 
Leo Tolstojs und ihre Rezeption in Deutschland« er¬ 
scheint im August 1984 in der neuen Reihe „Libertä¬ 
re Wissenschaft“ im TROTZDEM-Verlag, Reutlin¬ 
gen (20.-DM). 



Für eine gewaltfreie 
herrschaftslose Gesellschaft 


Schwerpunkt-Heft 

Warschauer Pakt: 

Krieg und Frieden - 

Staat und Opposition 

Sowjetische Atomwaffen - 
berechtigte Verteidigung? 

Frieden an der Basis- 
bröckeln die Blöcke? 

im allgemeinen Teil: 

Sind Mahnwachen 
faschistisch? 

Gewaltfreie Sabotage? 

SPD: Staatstragender 
Ziviler Ungehorsam? 

60S., 3 DM (und Porto) 

! ab 5 Expl. 30 Prozent Rabatt 

In guten Buchhandlungen 
oder direkt beim Vertrieb 
(Nemstweg 32,2 Hamburg 5Q) 


33 



Nach Ernst Bloch sind Vorwegnahme des 
gesellschaftlich Nötigen und Möglichen, sind 
»ein überlegtes Verhältnis zur Zukunft, ratio¬ 
nalisierte Hoffnungsinhalte, docta spes«, sind 
damit Utopien die unabweisbare Aufgabe der 
Menschheit, wenn sie Zukunft haben soll: 
»Das Utopische selbst ist das Charakteristische 
des Menschen.« 

Am Beginn der bürgerlichen Gesellschaft 
standen so auch die großen Entwürfe der Re¬ 
naissance-Utopien wie die von Morus, Camp- 
anella, Bacon, die teilweise weit über die bür¬ 
gerliche Gesellschaft hinausgriffen, etwa bei 
Morus zu idealen sozialistischen Lebensfor¬ 
men. 

Unsere Spätzcit der bürgerlichen Gesell¬ 
schaft hat ebenfalls Utopien hervorgebracht, 
doch vor allem Anti-Utopien wie die von 
H. G. Wells, Huxley und Orwell, die tief resig- 
native Horrorvisionen der Verhältnisse bie¬ 
ten, auf die die Menschheit sich zu bewegt.Sie 
sind vielleicht wichtig, um sinnlich vorstellbar 
die Probleme unserer Zeit zu erfahren (doch 
tun die Berichte und Prognosen des Club of 
Rome bald denselben Dienst). Wichtiger wä¬ 
ren wohl Hoffnungsinhalte und Zielprojektio- 
ncn , an denen die Verhältnisse der Gegen¬ 
wart zu messen wären. Solche positiven Uto¬ 
pien hat unsere Zeit nicht sehr viele hervorge¬ 
bracht. Eine von ihnen und eine ihrer wichtig¬ 
sten ist die zuerst 1890 in englisch und schon 
1892/3 in deutsch erschienene Utopie »Kunde 
von Nirgendwo« [News from Nowhere]« des 
englischen Architekten, Malers, Schriftstel¬ 
lers, Kunsthandwerkers und Sozialisten Wil- 
üam Morris. Der SCHWARZWURZEL- 
Verlag in Reutlingen hat das Verdienst, die¬ 
sen Text in einer von Gert Seile ausgezeichnet 
eingeleiteten Ausgabe wieder zugänglich ge¬ 
macht zu haben. 

Morris entwirft ein sowohl sozialistisches 
als auch ökologisches Utopien im England des 
21.Jahrhunderts. Er beschreibt eine Gesell¬ 
schaft, in der es kein Privateigentum und kei- 
ne Klassen, keinen Warenhandel und kein 
Geld, keine Regierung, Justiz, Polizei und 
Armee, keine Gefängnisse und keine Schu¬ 
len, keine Großindustrie und keine Großstäd¬ 
te mehr gibt. In dieser Gesellschaft sind »viele 
falsche Bedürfnisse abgeschafft«, sind näm¬ 
lich die Bedürfnisse der einzelnen, die in der 


kapitalistischen Industriegesellschaft über¬ 
wiegend künstlich produziert waren, um im¬ 
mer neue, immer mehr, immer teurere Waren 
profitergiebig verkaufen zu können, auf einen 
natürlichen Stand reduziert. Es brauchen so 
nur wenige und verhältnismäßig einfache Ge¬ 
brauchsgüter hergestellt werden, wozu keine 


Großindustrien mehr notwendig sind. Die 
Umwelt wird nicht mehr belastet und hat sich 
regeneriert. 

Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit 
ist ganz, die Spezialisierung der Arbeit weit¬ 
hin aufgehoben. Die Menschen brauchen kei¬ 
ne entfremdete Arbeit mehr zu leisten; sie 
können sich selbst in ihrer Arbeit verwirkli¬ 
chen. Sie können das, was sie machen, so voll¬ 
endet, so schön machen, daß sie Freude und 
Glück durch ihre Arbeit erfahren: Eine Ge¬ 
sellschaft, in der eine befreite Arbeit nicht 
mehr Ausbeutung, Last oder Not bedeutet, 
die den Menschen auslaugt und seine Umwelt 
verunstaltet und zerstört, sondern (im Sinne 
der Auffassung von Kunst als »formorganisie¬ 
renden Schaffens«, wie Arvatov sie später in 
Rußland formulierte) im Grunde etwas wie 
Kunst, »Produktion dessen, was einst Kunst 
hieß«, die daher sinnvoll und menschlich ist 
und deren Werke sich harmonisch in die Na¬ 
tur einfügen. 

Das ist offenbar sehr utopisch, und heute 
wohl noch mehr als vor 94 Jahren, als es ge¬ 
schrieben wurde. Und doch ist es eine seltsa¬ 
me und bestürzende Erfahrung, das Buch zu 
lesen und sich mit Morris vorzustellen, wie un¬ 
ser Leben vielleicht auch sein könnte und ei¬ 
gentlich doch sein sollte, und sich dann die 
menschen- und naturfeindliche Wirklichkeit, 
in der wir leben, zu vergegenwärtigen und was 
alles in ihr anders werden muß, wenn wir 
Menschen unsere Welt überleben sollen. 













„müfii hak ich me gemchL. “ 

Das letzte Interview mit Augustin Souchy 


Es war ein kalter Tag, dreckiger Schnee lag in 
der Leonrodstraße. In einem jener anonymen 
Wohnsilos der frühen 60er Jahre wartet Augu¬ 
stin auf uns. Er hat wie immer wenig Zeit und 
viel zu tun. Ein Manuskript über Israel will 
vollendet werden, und da ist noch viel Post, 
und Vortragstermine sind abzuchecken und 
diese verflixten Augen wollen nicht mehr. 
Seine riesigen Lupen sind mittlerweile zu 
schwach, bei seiner Korrespondenz ist er auf 
Hilfe von Freunden und Genossen angewiesen. 
Ein elektronisches Lesegerät hat er bei der AOK 
beantragt. „Sowas gibt es jetzt 1 ’. Aber dort hat 
man ihm nicht sehr schonend zu verstehen ge¬ 
geben, daß die Kosten bei ihm „nicht mehr loh¬ 
nen Doch:das scheint ihn nicht zu deprimieren 
sondern im Gegenteil seinen Kampfgeist zu 
wecken. Er erklärt uns, wie er sich dagegen 
wehren will, wenn nötig mit einer politischen 
Kampagne in der Öffentlichkeit... 

Seinen Haushalt versorgt er noch immer 
selbst,- Augustin lebt allein, wie er es fast sein 
ganzes Leben getan hat. Er hantiert in der 
Küche, macht uns einen Kaffee. ‘Ali’-Express 
aus dem Aldi. Wir bauen das Tonbandgerät auf’ 
Augustin ist das gewöhnt. 

- Wenn Du nach so einem langen Leben zu¬ 
ruckschaust, wie könntest Du Deine Erfahrun¬ 
gen zusammenfassen. Gibt es Empfehlungen? 

rner ih S J S ‘ SChwe * Z ? “«en. Die Jugend hat im¬ 
mer ihre eigenen Gedanken. Selbst wenn sie von 

nehmen eU H*r e ‘ WaS , hÖrt - ka "" sie es nicht auf- 
nehmen, da sie diese Erfahrungen nicht hat- 

:®;,, e * Erfahrungen gehen dahin, daß es 
nicht gu ist, wenn sich die Jugend nur darauf 
beschrankt, geistig das zu übernehmen, was die 
Alten ausgearbeitet haben. Zum Beispiel die 
ninen. Ich fürchte, wenn sie stärker werden, 
eine starke Partei, so werden sie vielleicht eine 
zeitlang revolutionär sein, aber dann wird es 
ihnen so gehen wie der Sozialdemokratie im 
vorigen und diesem Jahrhundert. Und es kommt 
eme andere Herrschaftsform, der Autoritaris- 
mus kommt durch. Ihre Postulate werden, wie 
die des Marxismus, überholt sein... 

n ' cht auch für anarchistische Po- 
werden? dafi ^ V °" der Geschichte überholt 

- Zum Beispiel? 

- Die anarchistische Bewegung ist ja histo- 
rach gesehen ein Verlierer, auch wenn sie in 
ihren Analysen oft Recht behalten hat. Heute 
Weg 6 ” Wlf kCin Konzept und k e *nen greifbaren 

- Ich möchte darauf zunächst mit einem Vers 
antworten: 

Gen } essen an der Ewigkeit / ist kurz nur un- 
re Lebenszeit / Ein Endziel wird’s nie geben / 
Klf u b e ' b f aUein das Streben / nach Freiheit, 
*i h ’ / Gerechtigkeit und Wahrheit. 

“ glaube nicht > daß es einmal eine Gesell- 
scnatt geben wird die dann so eingerichtet ist 
“ ? un . mer » bleibt. Ich glaube im Gegen¬ 
eil, daß wir etwas Gewisses erreicht haben und 
wenn eine Revolution kommt, eine gründliche 
wie in Frankreich oder in Rußland, dann bleibt 
diese ja nicht die gleiche. Sie kann sich sogar 
zum Schlechteren entwickeln. In Rußland ha- 


| Augustin Souchy - das war für mich immer so eine Mischung aus lebendem Museui 

i ■£ ?° ßV ? r ’ der S0 war wie ich mein Leben wünscht 

sollte ich jemals so alt werden wie er geworden ist. So manches mal in den 12 Jahrei 

die ich ihn kannte,hatten wir uns die Köpfe heiß geredet, waren auch schonmal aneh 
andergeraten denn wir waren beileibe nicht immer einer Meinung. Dennoch d“ 
menschliche Seite hat immer obsiegt, denn bei Augustin war sie sehr stark Er dacht 
nicht in politischen Dogmen und Schubladen, für ihn war ich ein Mensch wie er ft 
mich Diese Wärme, diesen privaten” Augustin Souchy aufzustöbem, war mei 
Hauptmotiv für mein Gespräch, das ich am 4. Dezember 1983 mit ihm in Münche 
führte. Es sollte sein letztes Interview werden. Augustin Souchy, der Freundlnd Ge 
nosse, starb am 1. Januar 1984, einundneunzigjährig, an einer Lungenentzündung 


J 







ben wir ja beispielsweise einen Staats kapita- 
1 j s m u s und keinen Staats Sozialismus. 
Die Verhältnisse, die entstehen, werden nie die 
gleichen bleiben, sondern sich immer verändern. 
~~ Siehst Du da eine positive Tendenz in Rich¬ 
tung auf immer mehr Freiheit? 

~~ In einigen Punkten ja. Nehmen wir z.B. das 
Verhältnis zwischen Mann und Frau. Ich erin¬ 
nere mich, noch im Jahre 1900 wurde auf eine 
uneheliche Mutter mit dem Finger gezeigt. Oder 
ln Berlin, am Kurfürstendamm stand an den 
Häusern „Eingang für Herrschaften”. Ich könn¬ 
te viele Beispiele geben. Ich bin zur selben Er¬ 
kenntnis gelangt wie Elisee Reclus in seinem 
Buche „Revolution und Evolution”, übrigens 
schon bevor ich es gelesen hatte, daß ich für 
Revolution dort eintrete, wo es keine andere 
Möglichkeit gibt, die bestehenden Machtver- 
bältnisse zu verändern, also die Autoritätsmacht 
a bzusetzen. Wenn sie nicht mit friedlichen Mit¬ 
teln weichen, werden Revolutionen notwendig 
sein, sie können aber nicht mit einem Male die 
gesamte Gesellschaft auf Dauer verändern. 

- Habe ich das richtig verstanden: Du glaubst 
an einen sehr langen Prozeß, in dem sich revo¬ 
lutionäre und evolutionäre Phasen abwechseln? 
~~ Das ist richtig. Aber es kommt auch auf die 
geschichtlichen Erfahrungen eines Volkes an. 
Man kann nicht eine Theorie oder ein Ideal auf¬ 
stellen und das soll dann in allen Ländern gleich 
sein. Wenn Marx in Mexiko gelebt hätte, hätte 
er n i e gesagt, die Geschichte der Menschheit ist 
e * ne Geschichte von Klassenkämpfen. 

7 Du hast viele Länder, Völker und Menschen 
m evolutionären und nichtrevolutionären Zei¬ 
ten kennengelernt. Der Anarchismus setzt sehr 
au f die Spontaneität der Masse. Hältst Du den 
Menschen für fähig, Anarchie zu leben? 

J Auf die neuen Institutionen, auf die Ideen, 
foI gt zunächst einmal die Praxis und an der 
^ y ird man erkennen, was wahr und was falsch 
Wir haben ja einmal die Realität und dann 
uie Ideen in unserem Kopfe. In jedem Men¬ 
gen besteht die Welt zweimal. Und wenn wir 
£jn Ideal verwirklicht haben, dann wird unser 
Uphiin nicht zurückstehen, und dann kommt 
Rieder etwas neues aus der Praxis, aus der Er¬ 
dung. Einerlei: unsere Gehirnzellen arbeiten 
Reiter. Wenn dies nicht so wäre, gäbe es in der 
Menschheit keinen Fortschritt. Es wird also 
j^cht so sein, daß auf einmal die Freiheit, neue 
Institutionen, die Anarchie da sein wird und 
! es ist dann für immer so. Daran glaube ich 

nicht. 


„Wenn Marx in Mexiko gelebt hätte, 
hätte er nie gesagt, die Geschichte ist 
eine Geschichte von Klassenkämpfen/' 


- Bleiben wir mal bei der Praxis, der Reali¬ 
tät. 1936 konntest Du erleben, wie Praxis und 
Theorie im Gleichklang waren, wie die einfa¬ 
chen Leute die soziale Revolution verwirklich¬ 
ten. Nun warst Du nach 40 Jahren wieder dort 
und nichts ist davon geblieben... 

Das ist nicht so schwer zu verstehen. Ich 
will Dir sagen wie das kam. Die spanischen Ar¬ 
beiter standen ja schon seit der 1. Internatio¬ 
nale auf Seiten Bakunins. Und 1872, auf dem 
Kongress in St. Imier beschlossen die Anarchi¬ 
sten, daß die Arbeiter die Leitung der Betriebe 
selbst in die Hand nehmen sollten. Und das 
wurde insbesondere in Spanien immer wieder 
vorbereitet und praktiziert. Schon im vergange¬ 
nen Jahrhundert hat man Versuche dieser Art 
gemacht und auch in diesem Jahrhundert, in 
Bajo Llobregat, in Asturien, in Casas Viejas... 
Und als dann die Republik proklamiert wurde, 
war es nicht so, daß eine Partei das in die Hände 
nahm - und das ist der Unterschied zu Rußland 
oder auch zu Deutschland, wo die SPD und die 
Marxisten allgemein propagierten Wahlen zu 
machen, in die Parlamente zu gehen... 

- Kommen wir von der Theorie wieder auf 
die einfachen Menschen... 

- Ja, das wollte ich ja gerade sagen: In Spa¬ 
nien war es eben nicht so. Es hat geschichtüche 
Ursachen, daß der Anarchosyndikalismus dort 
nicht die einzige, aber die stärkste soziale Be¬ 
wegung war. Und ich erinnere mich zum Bei¬ 
spiel an den Kongreß der CNT, ich glaube 
1934, da waren die Delegierten aus Andalu¬ 
sien. Einfache Leute. Andalusien war, wie bei 
uns Ostpreußen, das Zentrum des Großgrundbe¬ 
sitzes Und diese einfachen Bauerndelegierten 
haben dort diskutiert und beschlossen, wie sie 
die Ländereien übernehmen wollten. Sie haben 
dann Kommissionen gewählt, die das ausarbei¬ 
teten Und nach Francos Putsch war es nicht 
das Zentralkomitee der CNT oder der FAI, die 
den Vorschlag zur Kollektivierung machte, son¬ 
dern das machten die Arbeiter aus eigener Ini¬ 
tiative ohne irgendeinen Beschluß von oben. 

_ Genau das interessiert mich: damals waren 
die Ideen des Anarchismus populär, heute 

nicht mehr. J a A ^ 

Ich bin sogar der Meinung, daß heute die 

anarchistischen Ideen weiter verbreitet sind 
als früher - allerdings nicht unter dem Namen 
Anarchismus. Heute sieht man zum Beispiel 


Augustin Souchy, 1892 in Schlesien 
geboren, gehörte zu den bekanntesten 
deutschen Anarchisten. In seinem 
abenteuerlichen Leben bereiste er 
dutzende Länder in Europa, 

Latein- und Nordamerika, Afrika 
und Asien. Er studierte die russische 
ebenso wie die spanische, portugiesische, 
mexikanische, kubanische und deutsche 
Revolution. 

Schon als junger Anarchist und Anti¬ 
militarist stieß er zu Gustav Landauer 
und dessen „Sozialistischem Bund” 

Im 1. Weltkrieg emigrierte er nach 
Skandinavien, wo ihn Verfolgung und 
Gefängnis ei-warteten, er aber auch 
Agitation unter deutschen Kriegsgefan¬ 
genen betreiben und seine ersten Bücher 
schreiben konnte. Zurück in Deutschland 
betreibt er aktiv den Außau der Freien 
Arbeiter Union Deutschlands (FAUD / 
Anarchosyndikalisten) deren Wochenzei¬ 
tung er herausgibt. 1919/20 verbringt er 
in Rußland und debattiert mit Lenin 
und Kropotkin. Nach der Gründung der 
syndikalistischen Internationalen 
Arbeiter Assoziation (IAA) wird er einer 
ihrer drei Sekretäre. Ausgedehnte Reisen 
ßhren ihn durch ganz Europa. In diesen 
Zeiten lernt er Anarchisten wie Durruti 
und Emma Goldman, Machno und Berk- 
man, Rocker und Mühsam kennen, um 
nur einige zu nennen. 1933 flieht er vor 
den Nazis nach Paris. 1936, beim Ausbruch 
des Franco-Putsches befindet er sich in 
politischer Mission in Barcelona und 
bleibt wärend des ganzen Bürgerkrieges 
in Spanien, wo ihn die CNT zum 
Verantwortlichen der Auslands¬ 
propaganda macht . Er bereist das ganze 
revolutionäre Spanien und veröffentlicht 
hierüber ein interessantes Buch, 

, flacht über Spanien ” 

1939 flieht er in letzter Minute nach 
Frankreich, wird später interniert und 
flieht erneut vor den heranrückenden 
deutschen Truppen. Er kann nach 
Mexiko entkommen, wo ersieh 
niederläßt. In der Folge bereist er in 
verschiedenen Etappen ganz Latein¬ 
amerika, hauptsächlich als Referent 
ßr Arbeiterbildung. Nach dem Kriege 
setzt er diese Reisen fort, die ihn u.a . 
nach Israel und Cuba führen, wo er 
mit einem seiner jungen Hörer über 
die Revolution streitet: Fidel Castro. 

Nach der kubanischen Revolution 
besucht er die Insel erneut, wird wegen 
seiner Kritik jedoch ausgewiesen . 

Schon in fortgeschrittenem Alter 
erhält er einen gewerkschaftlichen 
Bildungsauftrag ßr das Internationale 
Arbeitsamt in Genf der ihn in den 50er 
und 60er Jahren u. a. nach Äthiopien 
und Madagaskar ßhrt. Anfang der 60er 
Jahre läßt er sich als freier Schriftsteller 
in München nieder und gibt etliche 
Bücher neu heraus. Seine Reise- und 
Vortragstätigkeit hat er bis zuletzt nie 
abgebrochen, sie ßhrten ihn in den 
letzten Jahren erneut nach Portugal, 
Spanien, Israel, USA, Mexiko, Schweden, 
Österreich und Rumänien. Zahlreiche 
Rundfunk-, Fernseh- und Zeitungs- 
interviews haben ihn als einen engagierten 
Sprecher des Amrehismus, wie er ihn 
verstand, weit über Deutschlands 
Grenzen hinaus bekannt gemacht. 









überall das A im Kreis. Das bedeutet nicht nur 
Anarchismus.' Es gibt heute überall, in allen 
Städten autonome Bewegungen. Auch unter 
den Studenten. Das wäre früher unmöglich ge¬ 
wesen! Oder zum Beispiel überall die autono¬ 
men Stadtzeitungen! Das ist überall ein freiheit¬ 
licher Geist. Diese Menschen sind darauf einge¬ 
stellt, das, was früher durch das Gesetz gemacht 
und geregelt wurde, jetzt selber zu machen. Es 
gibt freilich keine anarchistischen Föderationen 
in nationalem Rahmen mit hunderttausenden 
von Mitgliedern, auch nicht in Frankreich oder 
Spanien, wie früher. Aber dafür gibt es viele 
selbständige Gruppen und Organisationen die es 
früher nicht gegeben hat. 

- Siehst Dü in dieser Vielfalt eine Bereiche¬ 
rung? 

- Ja, natürlich. Und daß die Menschen so sind, 
ist der allgemeinen Entwicklung zu verdanken! 
Ein Beispiel: Früher war der Krieg hauptsäch! 
lieh eine Angelegenheit zwischen Armeen die 
sich bekämpften und die Zivilbevölkerung war 
relativ geschützt in ihren Mauern. Und damals 
gab es nur den Pazifismus der bürgerlichen Ele¬ 
mente und den Antimilitarismus in der Arbei¬ 
terbewegung. Heute ist es umgekehrt: der Krieg 
bedroht die Zivilbevölkerung mehr als die Ar¬ 
meen, die Zivilisten sind die Geiseln. Und heu¬ 
te sind in der Friedensbewegung Elemente, die 
früher nicht daran gedacht hätten, sich kn so ei¬ 
ner Bewegung zu beteihgen. Nicht mehr nur die 
Jugend. Die Idee des Friedens hat also Fort¬ 
schritte gemacht, 

„Jetzt sind wir sicher nicht in einem 
_revolutionären Klima!" 


Das Wasser kocht, eine Unterbrechung. Ich brü¬ 
he neuen Kaffee auf, Augustin ist vom vielen 
Reden durstig. Er plaudert mit meiner Freun¬ 
din über ihren Beruf. Krankenschwester. Hos¬ 
pitäler kann Augustin nicht leiden, sie machen 
ihn krank. Ich überlege und mir fällt auf, daß 
ich mich von meinem eigentlichen Vorhaben, 
den „Privatmenschen” Augustin Souchy zu 
erkunden, habe abbringen lassen. Mit Augustin 
nicht über Politik zu reden ist schwer. 

- Deine Memoiren lesen sich wie ein span¬ 
nender Roman. Es ist immer irgendwas pas¬ 
siert in Deinem Leben. Hast Du auch einmal 
Ruhe gehabt, Muße? 

- Nein, eigentlich nicht und das habe ich auch 
nicht gesucht. Wenn ich Muße habe erscheint 
mir das Leben überflüssig. Ich habe immer ver¬ 
sucht, auch wenn die Situation nicht günstig 
war, mich zu betätigen. Wenn ich etwas tun 
kann, bin ich innerlich mit mir einig, sonst 
nicht. Ich habe z.B. heute noch so viele Ange¬ 
bote für Vorträge - alle kann ich nicht anneh¬ 
men, aber ich mach’s trotzdem, soviel wie’s 
geht weil ich dann sehe, da erfülle ich meine 
Ideen. 

- Man hat Dein Leben umschrieben mit den 
Worten „Ein Leben für die Freiheit”. Ist Dein 
„Privat”-Leben dabei zu kurz gekommen? Man 
liest in Deinen Memoiren nichts über Frau, 
Kinder, Liebschaften... 

- ...nun, das war ja ein politisches Buch... 

- ...richtig. Darum frage ich jetzt mal danach. 

- Naja... so Ende der 20er Jahre, 1926 oder 
28, ich war schon über 30, habe ich mich ver¬ 
heiratet. Das heißt: nicht gesetzlich, natür- 


Deine Kritiker werfen Dir vor, daß Du Dich 
in dieser Sichtweise nicht von den Sozialdemo¬ 
kraten unterscheidest, die auch alles positiv in¬ 
terpretieren und die Tendenz stehe auf Besse¬ 
rung. Bist Du ein „reformistischer Anarchist”? 
- Ich kann über die Zukunft nichts sagen aber 
ich kann etwas sagen über die Vergangenheit. 
Es waren die Anarchisten, die im vorigen Jahr¬ 
hundert für den 8-Stunden-Tag gekämpft ha¬ 
ben. Wofür sie, da damals kämpften, war ja an 
sich nicht der Anarchismus, sie wollten zu¬ 
nächst den 8-Stunden-Tag verwirklichen. Man 
kann von Parson, Fisher, Engel usw. nicht sa- 
gen, sie seien keine Anarchisten gewesen weil 
sie sich für den 8-Stunden-Tag einsetzten! Spä¬ 
ter wird es dann vielleicht einmal Gesetz wer¬ 
den, aber das ist nicht, was die Anarchisten for¬ 
dern, sondern erstmal die Verwirklichung So 
war es auch während der spanischen Revolu¬ 
tion: wir haben zunächst die Kollektivierung 
eingeführt, später kam dann das Dekret. Aber- 


lieh. Gesetzlich geheiratet haben wir erst als 
der Krieg ausbrach, aus praktischen Gründen. 
Als Deutscher wäre ich sonst ausgeliefert wor¬ 
den an die Nazis. Ich lebte damals zusammen 
mit meiner Frau in Paris. Wir bekamen einen 
Sohn damals. Ich war dann in einem Inter¬ 
nierungslager bis die deutschen Truppen kamen, 
dann konnte ich fliehen. Ich schrieb das in mei¬ 
nen Memoiren. Frankreich war ja damals... 

Und schon ist Augustin wieder in festen Erzähl¬ 
bahnen. Sein bewegtes Leben verleitet ihn nach¬ 
gerade dazu, immer wieder die vertrauten Erleb¬ 
nisse zu schildern, politische Analysen einzu¬ 
flechten und es bewahrt ihn davor, allzu 
menschliches zu erzählen. Mich interessieren 
aber mehr die banalen Alltagsabläufe, seine Ge¬ 
fühle, seine Ängste, die Menschen die er ken¬ 
nenlernte. Die „großen Geschichten” sind be¬ 
kannt, ein jeder kann sie nachlesen. Ich bleibe 
hartnäckig... 


wir Anarchisten waren ja nicht die Einzigen und 
werden auch nie die Einzigen sein. Der Fort¬ 
schritt vollzieht sich ja nicht so, daß alle Forde¬ 
rungen für eine 100%ige Freiheit und die abso¬ 
lute ökonomische Gleichheit mit einer Revolu¬ 
tion vollzogen werden. So geht der Fortschritt 
nicht. Wie ich schon sagte: Elis6e Reclus schreibt, 
daß auch die Evolution ein Fortschritt ist und 
Anarchisten sind nicht nur Revolutionäre son¬ 
dern auch Evolutionäre. Und es ist nicht schwer 
zu beweisen, daß der evolutionäre Fortschritt 
ohne Gewaltanwendung stabiler ist und sich 
länger hält und weniger zu fürchten hat, rück¬ 
gängig gemacht zu werden als der Fortschritt 
durch eine Revolution. Deshalb: man kann sa¬ 
gen was man will, ich bleibe dabei - ich bin 
sowohl für den Fortschritt auf friedlichem We¬ 
ge, wenn es so möglich ist, tant mieux... aber 
wenn es nicht möglich ist, dann bin ich für die 
Revolution. Aber, und das ist wichtig: Jetzt 
sind wir sicher nicht in einem revolutionären 
Klima. Die Ereignisse in Polen zeigen uns, daß 
es in Zukunft in Rußland zu einer revolutio¬ 
nären Veränderung kommen kann, vielleicht 
aber erst im nächsten Jahrhundert. 


- Wie hast Du Deine Frau kennengelernt? 
Wie muß man sich überhaupt eine Beziehung 
zwischen einem so beschäftigten Berufsrevolu¬ 
tionär und einer Frau vorstellen? 

- Meine Frau ist die Tochter eines Pariser Ge¬ 
werkschaftsführers. Sie lebt übrigens noch, auch 
mein Sohn, beide in Paris. Ich habe auch noch 
Kontakt zu beiden. Aber mein Sohn ist Astrolo¬ 
ge oder sowas, er verkauft Horoskope. Naja... 
Wie gesagt: durch den Krieg mußte ich fliehen 
nach Mexiko, und so haben wir uns eben ent¬ 
fremdet... 

“ - mal ^diskret gefragt: War es eine Liebes¬ 
beziehung? 

- Ja, regelrecht-Wir waren natürlich nicht 

verheiratet. Erst als der Krieg ausbrach haben 
wir uns verheiratet. Es war ein Gesetz gemacht 
worden, daß Ausländer aus Feindesland nicht 
ausgewiesen wurden, wenn sie mit einer Fran¬ 
zösin verheiratet waren. 

- Wie war denn so Dein Alltag mit Frau und 
Familie? 

- Wie jede Familie, wie jeder Haushalt. 

- Aber Du warst doch ein sehr aktiver poli¬ 
tischer Mann damals... 



- ...i^aja, sie war ja auch für die Bewegung! 
Was hast Du damals in Paris gemacht? 

„ i , IC , h habe ß esc Meben. Ich war Korres- 

habfr i v*”" anarchist 'scher Zeitungen und 
habe auch V ortrage gehalten und so weiter. 

_ FAUD intim 


Deine Arbeit war also hauptsächlich Orga- 
msation und Schreiben. 

- Ja, und auch sprechen. Das war folgender- 

vion 6 ™ k“? meiner Rückkehl aus Skandina¬ 
vien " , ndC des >• Weltkrieges kam ich 

wieder nach Berlin. In Rufiland war die Re¬ 
volution ausgebrochen und Lenin versuchte, 
eme Internationale zu gründen aber damals 
waren die Kommunisten noch in den Anfän- 

fuinpk/ SChwach; kIeiner *1* wir, die wir die 
AUU ( preie Arbeiter Union Deutschlands) 
gegründet hatten. Darum rief Lenin auch die 
revolutionären Gewerkschaften auf, nach Mos- 
kommen und an dem Gründungskongreß 
* , teilzunehmen. Die FAUD beschloß, einen 
elegierten zu entsenden und das war ich. Da 
war ich 1920 in Rußland. Ich schrieb damals 
s erste Buch über die russische Revolution, 
as die Revolution gegen den Zarismus bejahte 
aber die neue Diktatur verneinte. 

Jedenfalls wurde die rote Gewerkschaftsin- 













ternationale 1 Jahr später gegründet, aber ich 
setzte mich dafür ein, daß die Anarchosyndi¬ 
kalisten sich nicht beteiligen und stattdessen ih- 
re eigene Internationale gründen sollten. Dies 
geschah auch und ich wurde Sekretär, der die 
Arbeiten machen sollte und Rocker sowie 
Schapiro. 

~ Was waren das für Menschen? Wie waren 
Eure Beziehungen, die Arbeitsabläufe... 

«..Naja das war, wie die Menschen im All¬ 
gemeinen so sind. Schapiro war Russe, aus der 
Ukraine gebürtig. Er kam aus London, wo er 
während des 1. Weltkrieges so quasi der Sekre¬ 
tär Kropotkins gewesen war. Er war speziell 
für die slawischen Länder zuständig und Rocker 
me hr allgemein. Und wenn Sitzungen waren 
und er kam dann — er war ja der Ältere - wur- 
er allgemein als der Sekretär der IAA (Inter- 
Nationale Arbeiter-Assoziation) angesehen. 
Aber die Arbeiten habe ich machen müssen. 

" Wie muß ich mir das vorstellen: warst Du 
der einzige, der die Schreibarbeiten erledigt 
hat oder hattet Ihr noch Hilfskräfte? 

~~ Nein, ich war der einzige. Aber da ich 
gleichzeitig auch noch die Redaktion des 
»Syndikalist»» (Wochenzeitung der FAUD) 
hatte, konnte ich nicht alles machen und nach 
e |nigen Jahren kam Orobön Fernändez und hat 
die spanische Abteilung gemacht und dann 


am auch noch Diego Abad de Santillan, der 
iie Tochter von Fritz Kater heiratete, dem 
/erlagsleiter des „Syndikalist”. Ich war also 
taktisch der Sekretär. Ich wurde auch be- 
ahlt und zwar mit dem Maurerlohn, den auch 
iie beim „Syndikalist” hatten, keinen Pfennig 
nehr oder weniger. Während Rocker und Scha- 
>iro, Fernändez und die anderen nicht bezahlt 

vurden. 

Du warst also der einzige bezahlte Sekretär 
»iner Organisation von zeitweise 100.000 Mit¬ 
gliedern. Wieviele Stunden hast Du so am Tag 


gearbeitet? 

Sooft es nötig war, ich hatte keine geregel¬ 
ten Stunden, keinen Achtstundentag. Ich arbei¬ 
tete immer so lange, bis alles geordnet war. Eine 
Zeitlang hatten wir Schwierigkeiten mit den 
Büros. Ich hatte damals eine 3-Zimmer-Woh- 
nung in Berün und ein Zimmer war dann das 

Büro. . . 

Der „Syndikalist” hatte kein eigenes Lokal? 

Der '„Syndikalist” hatte ein eigenes Lokal 
im Anschluß an den Laden, da hatten wir eine 
Buchhandlung und da waren zwei Zimmer hin¬ 
ter dem Laden, da hatte die Zeitung die Redak- 

Da müssen aber doch mehr Leute an der 
Zeitung mitgearbeitet haben. Allein schon das 


43 

Redigieren und Korrigieren einer Wochenzei¬ 
tung mit literarischen und anderen Beilagen... 

- Ja, da war noch ein anderer... 

„Landauer war nicht leic ht zugänglich" 

- Du verstehst Dich als Schüler Gustav Lan¬ 
dauers. Wie hast Du ihn als Mensch erlebt? 

- Ich habe ihn ja oft gesehen, auch in seiner 
Wohnung in Berün. Ich war damals 22 Jahre 
alt, er schon über 40. In BerUn war eine Ver¬ 
sammlung, da sprachen Klara Zetkin und Gus¬ 
tav Landauer zu den Wahlen. Ich ging hin und 
habe mir beide angehört - Landauer gefiel 
mir besser. Ich erkundigte mich nach der Adres¬ 
se der Gruppe und ging in das Büro in der 
Wrangelstraße. Da war Max Müller, der hat 
die Zeitung „Der SoziaÜst” mit der Hand ge¬ 
setzt, er war Schriftsetzer. Aber wir hatten 
keine Druckerei. Es gab einen Drucker, der sie 
uns billig druckte. Dann hatten wir alle Wochen 
Sitzungen und da kam auch immer Landauer 
Irin und dort habe ich ihn näher kennengelernt. 
Ich war damals einer der Jüngsten und ging 
dann zu ihm hinaus wo er wohnte und brachte 
Manuskripte oder holte etwas ab und wir ha¬ 
ben über Artikel und Probleme debattiert. 

- Wie würdest Du ihn als Mensch beschreiben; 
war er ein abgeschotteter Philosoph oder eher 
leicht zugänglich? 

- Nein, nicht so leicht zugänglich. Zum Bei¬ 
spiel mit ihm und auch mit dem Setzer waren 
wir immer per „Sie” und zu den anderen sag¬ 
te man „Du”. Er war ein Intellektueller, auch 
ein Philosoph. Er entwickelte seine ejgene so- 
ziaüstische Philosophie. 

Augustin erhebt sich, geht zu seinem Bücher¬ 
schrank und zieht die gebundene Sammlung 
des „Sozialist” heraus. Nach einigem Suchen 
findet er eine kleine Broschüre gegen den Krieg, 
die Landauer vor dem 1. Weltkrieg in Massen¬ 
auflage verbreiten wollte, was jedoch verbo¬ 
ten wurde. Augustin erzählt, das Tonband ist 
abgestellt. Dann sucht er nach einer Broschüre 
die er seinem Sohn vererben wollte, findet sie 
aber nicht. Sein Sohn... Als Augustin nach 
Mexiko emigrierte war sein Sohn schon 23 Jah¬ 
re alt. Nur einmal erwähnt er ihn in seinen Me¬ 
moiren: als er in den Zwanzigern in Berlin ei¬ 
nes Tages nach Hause kam und einen fremden 
Spanier im Wohnzimmer vorfand, der den 
Sprößling auf den Knien hielt und ihm revo¬ 
lutionäre Lieder vorsang. Das war Durruti. 
Augustins Kind spielt hier auch nur die Rolle 
einer Überleitung zu einem anderen politischen 
Thema. Was war Augustin für ein Mensch, wie 
war er als Vater und Ehemann? Ist es ihm wirk¬ 
lich so unwichtig oder mag er nur nicht darüber 
reden? Leidet er darunter, daß er sich so wenig 
um seine Familie kümmern konnte, daß er sich 
ihr „entfremdete” wie er sagt? 

Wenige Wochen später lerne ich Jean Sou- 
chy, den Sohn, kennen. Es ist ein trauriger An¬ 
laß: die Erbschaft Augustins muß geordnet wer¬ 
den. Jean ist ein vitaler Chaot, spritzig und 
nervös, wirkt 20 Jahre jünger als er ist. Er hat 
wirre Ideen im Kopf von außerirdischen We¬ 
sen die vor Urzeiten unsere Erde befruchteten 
und betreibt archäologische Studien. Darüber 
schreibt er Bücher. Die Ähnlichkeit mit Augu¬ 
stin ist also nicht nur äußerlich... und auf 
seinen Vater läßt er nichts kommen; ,»Mein 
Vater war ein hervorragender Mensch. Er hat 
mir alles gegeben und gezeigt und mich viel 
gelehrt. Ich habe ihm viel zu verdanken...” 

Der Dritte Kaffe kocht. Das Tonband läuft 
wieder. 

— Was würdest Du eigentüch als Deine Heimat 
bezeichnen? Bist du irgendwo zu Hause? 

— Mexiko würde mix landschaftlich wohl am 
besten gefallen. 












- Warum bist Du dann überhaupt nach 
Deutschland zurückgekehrt? Du hast hier doch 
viel Schlimmes erlebt und die Welt stand Dir 
offen. 

- Naja, ich kam nach Deutschland ja schon 
vorher zurück bevor ich mich wieder hier nie¬ 
derließ und hier konnte ich meine Tätigkeit 
mehr entfalten. Nicht so in Lateinamerika. Ich 
hatte ja für die Gewerkschaften viel zu lange 
gearbeitet. 

- Hatten Du und Deine Vorkriegsgenossen 
nach dem Kriege eigentlich keine Pläne, die alte 
IAA wieder zum Leben zu erwecken? 

- Nein, damit haben wir uns nicht beschäftigt, 
aber die IAA wurde ja später wieder ins Leben 
gerufen. Allerdings, zunächst war da ja Müller- 
Lehning, nach 1933. Als ich in Berlin raus¬ 
mußte wurde das Sekretariat nach Holland ver¬ 
legt und der einzige Mann der in Holland dafür 
zuständig und fähig war, war Artur Müller- 
Lehning. Also wurde er Sekretär. Und ich 
blieb in Paris. Er hat dann die Beziehungen mit 
Schweden, das auch neutral bleib, gehalten und 
natürlich mit Spanien. Man hat das Sekretariat 
auch zeitweilig nach Spanien verlegt aber das 
klappte nicht und so ging es dann wieder nach 
Holland zurück. Ich war dann schon in Mexiko. 
Und nach dem Kriege war zum Beispiel die me¬ 
xikanische Sektion in einer schwierigen Lage 
und trat der neuen IÄA nicht mehr bei. 

Aber die alten Leute der IAA die ich von 
vorher kannte, die kannten mich noch und ich 
sie und wir hielten Kontakt und betätigten uns... 

...und Augustin erzählt, wie ihn der mexikani¬ 
sche Anarchist Flores Magon mit revolutionä¬ 
ren Generälen und Gewerkschaftern bekannt¬ 


machte und ihn einlud, übers Land zu ziehen und 
Vorträge zu halten. Und so kommt es, daß Au¬ 
gustin Souchy als Anarchist und Bildungsbeauf¬ 
tragter vor Soldaten und Tagelöhnern, vor spä¬ 
teren Gouverneuren und Indios über die spani¬ 
sche Revolution, die europäischen Volkshoch¬ 
schulen und die Befreiung der Menschheit vom 
Joch der Unterdrückung reden darf... 

Ich denke an die Fotos aus jener Zeit und 
versuche erneut, mit den Menschen Souchy 
plastisch vorzustellen. Ich kenne ihn nur als al¬ 
ten Mann, denke aber an die Bilder, wo er mit 
Strohhut und Machete auf dem Maulesel 
durch den Busch reitet, mit Pfeil und Bogen 
bei den Indianern Fische schießt, auf einer 
Fete das Tanzbein schwingt... 

- Was hat der „Mensch” Souchy außer schrei- 
ben, Vorträgen, Sprachen, Reisen und Politik 
noch für Hobbys? 


„Dumme Liebeslieder haben mich 
_ nie interessiert/' 


selektiv. Am meisten gefallen mir Moza 
Beethoven. Dumme Liebeslieder und s 
ter haben mich nie interessiert. Außerde 
tch ein sehr guter Turner. Ich stieg auf 
Tisch, machte einen Salto Mortale und 
auf der Erde. Auf den Händen zu lau/e 
eine Leichtigkeit für mich. Noch in de 
Jahren wahrend meiner ersten Reise na 
rael, bin ich auf den Händen durch 
Kibuzz gelaufen. Die Genossen sag ter 
das doch, Du wirst Dich verletzen d-, 


? b h er Handstand gegen die Wand habe 

i c. C . h , blS etztes Jahr gemacht, als ich mir 
n Stockholm den Arm brach. Ich habe jetzt 
immer noch Schmerzen, aber wenn die Schmer¬ 
zen ganz aufhören, werde ich es wieder versu- 
cien. Für Sport war ich immer. Nicht für Fu߬ 
ball, das hat mich nicht interessiert. Theater 
habe ich auch gern, aber auch nicht alles. 
Heute mit meinen Augen sowieso nicht mehr, 
aber es gab Theaterstücke die mir gefielen. 

Du orientierst Dich mehr an der Klassik? 

- Ja. 


Ich habe Dir viele Fragen gestellt. Willst Du 
je zt mal zur Abwechslung eine stellen oder 
noch etwas Abschließendes bemerken? 

Abschließend möchte ich noch folgendes 
sagen: daß das Ideal des Anarchismus nicht ei¬ 
ne Gesellschaftsordnung sein wird, die sich auf 
ein ganzes Land in der gleichen Weise bezieht. 
Es wird ähnlich sein wie in Spanien in den Co- 
lectividades oder in Israel in den Kibuzzim: 
wer freiwillig mitmachen will, der ist bei der 
Gründung einer solchen Gesellschaft willkom¬ 
men. Damals, in Spanien, da war der Anar- 
c ismus variabel, in jedem Dorf verschieden, 
aber es war doch ein Ganzes... 

- ...darin liegt ja auch eine Stärke des Anar¬ 
chismus... 

- ...ja, eben! 

* * * 


Horst Sto wasser 
Anarch. Dokumentations¬ 
zentrum (adz), Wetzlar 




Die lange Hoffnung 



Ein Video der Freiburger Medien Werkstatt 

Am 14.3.1984 um 22.40 Uhr waren sie im 
ZDF zu sehen: Clara Thalmann und Augustin 


- Rezension 


Souchy auf einer Reise in Spanien, dem Land 
des Bürgerkriegs von 1936-39; auf einer Reise 
im Frühsommer 1983 an die Orte, wo sie da¬ 
mals in den Reihen der spanischen Anarchi¬ 
sten für ihre Hoffnung auf gesellschaftliche 
Befreiung durch die soziale Revolution 
kämpften und dann im Kampf gegen Stalini¬ 
sten und schließlich Francos Faschisten unter¬ 
lagen; - begleitet von einem Filmkollektiv der 
Medienwerkstatt Freiburg. 

Wir konnten die zwei alten Leute dabei be¬ 
obachten, wie sie spanische Orte auf der Su¬ 
che nach Spuren von damals durchreisten; Or¬ 
te, in denen die Landarbeiter die Grundbesit¬ 
zer vertrieben hatten und das Land gemein¬ 
em in Kollektiven bebauten; Orte, in denen 
so gar das Geld abgeschafft wurde und die Le¬ 
bensmittel und anderen Gebrauchsgüter über 
Gutscheine verteilt wurden; wo alle Teilnah¬ 
me freiwillig war - wer lieber alleine wirt¬ 
schaftete, konnte das weiterhin - aber ge¬ 
meinsam >* machte es mehr Spaß«, erzählt Cla- 
ra schmunzelnd; wo keine Zentralstellen die 
Befriedigung der Bedürfnisse überwachten, 
und sich die Landarbeiterfrauen vom zum er¬ 
sten Mal erlebten Überfluß an Schuhen über 
Jahre hinaus eindecken konnten, ohne Angst, 
daß es ihnen wieder genommen würde. Orte 


aber auch, an denen die Front verlief, wo ge¬ 
schossen wurde, und schließlich solche, an de¬ 
nen sich die, die nicht fliehen konnten oder 
wollten, lange Jahre verstecken mußten, bis 
sie dann doch verpfiffen und entdeckt wur¬ 
den, gefangen genommen und gefoltert wur¬ 
den; Orte, an denen die Genossen noch heute 
nur hinter vorgehaltener Hand zu reden wa- 

^ Was sie an Spuren finden, ist kaum sicht¬ 
bar; nur weniges entspricht den Erwartungen 
an Vorzeigbares. Die Spuren, die sie finden, 
die Menschen, die noch aus eigener Erfah¬ 
rung berichten können, sind mehr Zeugen der 
Unterdrückung ihrer Geschichte als der Ge- 
schichte selbst. 

Die Geschichte lebt im Film in den erzählen¬ 
den Personen auf, in den Gesprächen zwi- 
sehen ihnen. Sie existiert in ihnen, in ihrer 
Erinnerung - und in den Film-, Bild- und Ton- 
bandaufnahmen der CNT-Archive. Der Film 
kann daher nur (und tut darin recht) diesen 
beiden alten Menschen zuhören, sie bei ihren 
Erinnerungen begleiten, die an Ort und Stelle 
plastischer werden, als hätten sie dasselbe hier 
in irgendeinem Interview oder Vortrag geäu- 
Bert. 


Clara Thalmann, die in der Kolonne Durru- 
ti kämpfte, »weil ich ja schließlich schießen 
konnte« und Augustin Souchy, der von den 
Nazis ausgebürgert, »als Spanier unter Spani¬ 
ern« in Barcelona für die CNT arbeitete und 
die soziale Revolution, die spontan überall in 
Katalonien stattfand,aufmerksam verfolgte - 
entsprichtidas, was sich dort ereignete, doch 
seinen eigenen Vorstellungen von einer 
selbstverwalteten, befreiten Gesellschaft. 
Diese soziale Revolution und ihre Erstickung 
durch Stalinisten auf der einen Seite und 
Großgrundbesitz, Kapital und Kirche auf der 
anderen, die sich hinter Franco verschanzten, 
ist das eigentliche Thema des Films - auch 
wenn davon wenig sichtbar wird. 

Aber der Eindruck von der damaligen Befrei¬ 
ung, von der plötzlichen Bewegung in der spa¬ 
nischen Gesellschaft, lebt doch im Film auf: in 
den Augen der beiden Alten, ihrer trotz kör¬ 
perlicher und altersbedingter Schwächen fun¬ 
kelnder Vitalität; in den begeisterten, tanzen¬ 
den Menschenszenen der eingearbeiteten 
Filmdokumente. Der Enthusiasmus des Auf¬ 
bruchs in eine bessere Zukunft ist plastisch er¬ 
fahrbar. 













<46 



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Umso ernüchternder die Menschen und 
Bilder von heute - gezeichnet von 40 Jahren 
Repression. Sicher gibt es auch die Jungen, 
Imma Montrey-die Dolmetscherin ist nur ein 
Beispiel, - Aufnahmen von der 1 .Maidemon¬ 
stration in Barcelona zeigen sie. Aber die so¬ 
ziale Revolution ist nicht ihre Geschichte. Im 
Spanien des Felipe Gonzales stehen andere 
Themen auf der Tagesordnung. Und für die 
CNT-Führer der Tischrunde im Film ist die 
Erfahrung von Haft und Folter in Francos Ge¬ 
fängnissen noch immer lebendig. Die Repres¬ 
sion hat die heutige CNTgeprägt: die Graben¬ 
kämpfe zwischen den verschiedenen Flügeln 
sind Ausdruck dessen, daß unterschiedliche 
historische Erfahrung, verschiedene persönli¬ 
che und soziale Ausgangspunkte schwer ver¬ 
mittelbar aufeinanderprallen. Der Rezen¬ 
sent, der hier mehr erwartet, hat von der Rea¬ 
lität des gegenwärtigen Spanien keine Ah¬ 
nung. 

Wer auf der anderen Seite bei dem Film 
Langeweile empfindet, ihn »langatmig« 
nennt, sollte einmal über seine eigenen Sehge- 
wohnheiten - und über sein Verhältnis zu al¬ 
ten Menschen nachdenken. Wenn „obi“ in 

m c GRASWURZELREVOLUTION, 

Nr.83, S. 25 schreibt, daß der 91jährige Augu¬ 
stin für dieses Filmunternehmen wohl doch 
schon zu alt gewesen sei, ist dies ein Ausdruck 
seiner eigenen fehlenden Geduld, sich auf alte 
Menschen einzulassen. 

Die Filmgruppe der Freiburger Medien¬ 
werkstatt ging dagegen von der Prämisse aus- 
»daß wir Clara und Augustin nicht unseren 
Ansprüchen oder gar klischeehaften Erwar¬ 
tungen unterwerfen wollten, daß wir ihnen 
Raum lassen, uns bildnerisch an ihre Erzähl¬ 
besonderheiten, d.h. den Erzählformen alter 
Menschen annähern. Dies bedeutet konkret: 


ihnen zuzuhören, und mit einer ruhigen Kame¬ 
ra zuzusehen, mit der dafür notwendigen Zeit 
und Geduld. Das wiederum heißt: Raum las¬ 
sen, Dinge sich entwickeln lassen, Menschen 
ausreden, Menschen nachdenken lassen... 
Was damit intendiert war, ist, die Dinge zu zei¬ 
gen, wie sie sind und nicht, wie wir sie sehen 
oder sehen wollen.« 

Wer stattdessen Oberflächen hafte Perfek¬ 
tion erwartet und den Film als Agitationsmit¬ 
tel einsetzen möchte, wird natürlich ent¬ 
täuscht sein. Augustin und Clara erscheinen 
so, wie sie sich geben, »ungeschminkt«, un¬ 
einheitlich und dadurch freundlich akzeptiert. 
Ihr eigensinnig geführter Dialog über die Rol¬ 
le der Gewalt im Bürgerkrieg zeigt das nur zu 
deutlich. 

Da beide einen völlig verschiedenen Gewalt¬ 
begriff haben - Clara den gängigen: Gewalt ist 
das Gegenteil von friedlichem Verhalten, - 
Augustin: Gewalt ist nicht gleich Gewalt, son¬ 
dern nur dann eigentlich Gewalt, wenn sie im 
Kontext von Macht und Unterdrückung steht 
- können sie sich nicht einigen. Dieser Wider¬ 
spruch wird vom Film nicht zugedeckt. Clara 
wendet sich mit resigniertem Schulterzucken 
von dem in ihren Augen unbelehrbaren, starr¬ 
sinnigen Augustin ab. 

Der Film ist also für alle die interessant, die 
sich für die beiden Personen interessieren - 
und zwar über ihre »Programme« in ihren Bü¬ 
chern hinaus. Er gibt Anlaß, den Bürgerkrieg 
aus der Perspektive des Alltags der Revolu¬ 
tion heraus zu betrachten - einmal nicht aus 
dem Blickwinkel des heroischen Frontkämp¬ 
fers der Interbrigaden. Er gibt Anlaß über die 
Rolle der Stalinisten bei der Zerschlagung der 
sozialen Revolution nachzudenken. 

Friederike Kamann 


Der Film ist auszuleihen über: Medienwerkstatt 
Freiburg, Konradstr.20, 7800 Freiburq (Verleih: 
VHS, 50.-DM) 

Augustins und Claras Bücher sind beim 
TROTZDEM-VERLAG, Obere Weiber- 
markstr.3, 7410 Reutlingen zu bekommen: 

- Paul und Clara Thalmann: Revolution für die 
Freiheit, 20.- (Restauflage des Association- 
Verlag , danach soll mit Clara eine Neuauflage 
entstehen). 

- Augustin Souchy: Nacht über Spanien, 16.- 
DM 

- Augustin Souchy: Vorsicht Anarchist!, 17.- 
DM 

- von Souchy erscheinen noch 1984: ir Erich 
Mühsam (1936 auf spanisch, von Augustin 
überarbeitet und erstmals auf deutsch); ir Rei¬ 
sen durch die Kibbuzim (eine von Augustin ge¬ 
kürzte Fassung seines Buches „El Nuevo Isra¬ 
el", ebenfalls erstmals auf deutsch - beide 
Überarbeitungen nahm er in den letzten Mona¬ 
ten ’83 bis unmittelbar vor seinem Tod, am 
1.1.84, vor. 

- Die lange Hoffnung: die Medien Werkstatt 
Freiburg konnte eine Vielzahl ihres Interview¬ 
materials und Bildmaterials im Film nicht unter¬ 
bringen; - da dieses Material nicht weniger in¬ 
teressant ist, bereiten zwei Medien Werkstatt’ler 
einen Photo-und Textband zur Reise vor, der 
aller Voraussicht nach noch zum Herbst er¬ 
scheinen kann. 


j 












4"7 


»Mein Gemüt brennt heiß wie Kohle« 

von Wolfgang Haug 


Sigurd Wendland 



- die Berliner Vaganten-Bühne mit einer 

Erich Mühsam-Textcollage 

~~ Rolf Kauffeldt’s neues Mühsam Buch 


Erich Mühsam wird erfreulicherweise zum 
Eaucrthcma bundesdeutscher Feuilletons, 
kultureller Radiosendungen und nun auch 
nieder von Theatern. Nach Klaus Haags 
»Manche mögen’s Mühsam«, Alexander Lip- 
pings »War einmal ein Revoluzzer«, nach der 
»Erecht-Mühsam-Bande« der Longo Mai- 
Truppe und Lorenz/Märchens »Aus Dur wird 
MoH, aus haben Soll« jetzt also die Vaganten- 
kühne in der Kantstraße unter der Regie von 
Doris Heiland. Auch wenn bei solchen Auf- 
ührungcn bisweilen der Satiriker und Ironi- 
_ er den politisch-radikalen Mühsam in den 
Hintergrund drängt, so scheint doch genü¬ 
gend von seiner Lebendigkeit durchzukom- 
me n, um sich über diese Wiederaufnahme in 
^ ncn Spiclplan zu freuen. Die Rocksängerin 
, Ec Nabu interpretierte den »Revoluzzer«, 
Cr kürzlich in der authentisch-unschlagbaren 

^terpretation von Augustin Souchy auch im 
2DF zu hören war. 


Mühsam hielt mit der Vagantenbühne als 
»Lübecker Dramatiker und widerborstiger 
Anarchist« Einzug in die »BERLINER 
MORGENPOST« (173 000 Auflage) und die 
»BZ« (308 000 Auflage). In der »BILD-Ber- 
lin« (152 800 Aufl.) blieb er allerdings ledig¬ 
lich ein »politischer Redner, der im KZ von 
der SS ermordet wurde« und in der »WAHR¬ 
HEIT« (SEW-Organ) freute sich der Kultur¬ 
teil eben über einen »sozialistischen Schrifts¬ 
teller«. Auch trotz dieser noch immer vorhan¬ 
denen Schwierigkeiten mit dem inzwischen 
wohl bekanntesten deutschen Anarchisten 
muß doch auffallen, wie sehr sich Mühsam be¬ 
reits durchgesetzt hat: So schreibt Hellmut 
Kotschenreuther im »TAGESSPIEGEL«: 
«Er \war Kabarettist, Cafehausliterat und Dich¬ 
ter, vor allem aber war er Anarchist im eigentli¬ 
chen Sinne des Wortes: allergisch gegen alles, 
was nach Autorität, Herrschaft und Gewalt 
roch ... so Felix Erik Laue in der »WELT 
AM SONNTAG«: “ Daneben erscheinen 
Kästner und Tucholsky gleich eine Nummer 
kleiner , mindestens haben sie bei ihm gelernt. 
So eine treffsichere historisierende Formel wie 
* Bismarxismus 1 soll einem erst einmal einfal¬ 
len. ” 


40 Mühsam-Texte stellt Doris Heiland bis 
Ende April ’84 vor und läßt dabei den Schau¬ 
spieler Joachim Pukaß als Literat mitten in 
der satirischen Vergnüglichkeit auch über den 
Bismarxismus philosophieren. 

Naturgemäß weniger auflagenstark als die 
bundesdeutsche Rechts-Presse bleiben die 
Buchveröffentlichungen: der Luchterhand- 
Verlag wagte von »Ich bin verdammt zu war¬ 
ten in einem Bürgergarten« (August 1983) im¬ 
merhin jeweils 5000 Exemplare pro Band und 
eine 2. Auflage ist bereits in Sicht. Der Fink- 
Verlag getraute sich 3000 Exemplare von Rolf 
Kauffeldt’s »Erich Mühsam« (November 
1983), einer auf die Bohemezeit konzentrier¬ 
ten Biopgraphie, aufzulegen. (Zum50.Todes¬ 
tag Mühsams legte der Guhl-Verlag im übri¬ 
gen seine ‘Mühsam-Kassette’ ein zweites Mal 
auf; im Trotzdem-Verlag Reutlingen er¬ 
scheint im Juni erstmals auf deutsch Augustin 
Souchys »Erich Mühsam - Ritter der Frei¬ 
heit« von 1936 und auch Reclam bereitet für 
den Mai einen Gedichtauswahlband vor, den 
der Freiburger Jürgen Schiewe herausgibt. 

Was noch fehlt - und das geht an die Adres¬ 
se der DDR-Herausgeber Christlieb Hirte 
und Wolfgang Teichmann ist eine Edition 
von Mühsams Tagebüchern, die ungenutzt 
und für West’ler noch immer unzugänglich im 
Archiv der Akademie der Künste schlum¬ 
mern. Vielleicht sollten die Marmoranarchi¬ 
sten aus dem norditalienischen Carrara mal 
mit Devisen winken, - bekanntlich tut dies 
derzeit Wunder. Oder liegt’s nur daran, daß 
noch niemand einen Ausreiseantrag für Müh¬ 
sams Nachlaß gestellt hat? 

Nachdem die Mehrzahl der Texte Mühsams 
greifbar scheint, beginnt nach und nach auch 
die geistige Auseinandersetzung mit Müh¬ 
sams Anliegen. Rolf Kauffeldt’s »Erich Müh¬ 
sam - Literatur und Anarchie« beleuchtet 
Mühsams politisches und literarisches Schaf¬ 
fen zur Bohemezeit auf annähernd 400 Seiten, 
mit einem sehr ausführlichen Anmerkungsap¬ 
parat. Interessant ist Kauffeldt’s These von 
der frühromantischen Wurzel des Anarchis¬ 
mus; von der Antizipation des befreiten Men¬ 
schen durch den Künstler. 

In Mühsams Augen sind solche Künstler in 
seinen Freunden, den Berliner Bohemians 
Paul Scheerbart und Peter Hille, verkörpert. 
Aus dieser Einschätzung leitet Kauffeldt das 
für Mühsam so charakterisierende Kunstver¬ 
ständnis der »Tendenz-Poesie« bzw. der 
»Kunst als Waffe« ab. Mühsams Scheerbart- 
Rezeption würdigt dessen Methode mit utopi¬ 
scher Dichtung die reale Welt lächerlich zu 
machen, um deren Werte auszuhöhlen. Die¬ 
ses Kapitel gehört zu den stärksten (und 
schönsten) im Buch von Rolf Kauffeldt und 
beleuchtet nicht nur eine wichtige Entwick¬ 
lungsphase Mühsams, sondern macht auch 
neugierig auf Paul Scheerbarts groteske Ro¬ 
mane. 








vertrieb anar- 
chisfechßr iitetafur 
toübte %ß 


Vor genau 50 Jahren wurde Erich 
Mühsam im KZ Oranienburg umtre- 
bracht. Im folgenden eine Aus¬ 
wahl aus seinen Werken : 

Die Freiheit als 

20 C S?? Verla ® 

Der Geist de r Freiheit ( !, ^nf 
sntze ), Libertad Verlag, 3p S . 

HM 2,5o 

Die, »efreiung der r,»»n.... lft 
vom Staat, Volksausgabe, TPi S. 

OM 5,00 

MgHSAM-Kassette (Verlag Klaus 
, ' ' insgesamt 0 n^ n _ 

n,a. ; Gedichtsammlung, tJ n - 

b”nde 1S r he Erinnf “ r,ln S<=o,' Hrief- 
bände, Epen. DM 58,oo 

•^■ e . Fre - i T° rmKhXtgn (Sc, >o« S piel.) 
erlag Klaus Guhl, 56 S. DM 5,0c 

Gerechtigkeit fiir Max Holz.. Ver¬ 
leg Klaus uuhl, »0 S. DM A,00 

FANAL (kompletter Reprint der 
ei t schrift Miihsnms J92.6 - 19 33) 
5 Bande, Impuls Verlag,DM 80,00 

— Ich b in verda mmt zu warte n i n 
£.inem Durgergarten" (Gedie~hT7~ 
StucKe, Rrosa/Literarische und 

o ÜSnrt SC> * Tex te) Luchterhand, 

' üand e, je 198 S., j e DM 1^,80 

Staatsvernein,.r, (ß Zeitungsar- 
tikel von Mühsam 1906 - 1930) 
Abde, 80 S., DM 5, 5o 

Manche haben's Mühsam _ Fi., 
biogralrscbe Revue in Szenen 
ober Erich Mühsam von Klaus 
Haag, Verlag Mink, 1/18 s. 

DM 9,5o 

Unser Gesamtprogramm und regel¬ 
mäßiges Antiquariats- und Neu¬ 
heiteninfo auf Anfrage. 


5*.i'i V 




Leider überträgt Kauffeldt anschließend 
die individualanarchistischen Züge der Beob¬ 
achteten Hille und Scheerbart - bzw. der Stir- 
ner- und Nietzsche-Rezeption im Kreis der 
»Neuen Gemeinschaft« - auf den Beobachter 
Mühsam. Diese Überbetonung (ein Einfluß 
war zweifellos vorhanden) des individualanar- 
chismus resultiert aus dem herkömmlichen 
Verständnis der Boheme, der in Geschichte 
und Literaturwissenschaft zumeist ausschlie߬ 
lich individualanarchistische Theorien und 
Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Un¬ 
terstützt wird diese einseitige Interpretation 
durch das Faktum, daß von Anarchisten wie 
Mühsam die Sozialdemokratie völlig abge¬ 
lehnt wurde. Aus beiden “Beobachtungen” - 
entwurzelte gesellschaftskritische Individuen 
einerseits und einer ablehnenden Haltung ge¬ 
genüber Massenparteien andererseits - wird 
unversehens ein Individualanarchismus kon¬ 
struiert, der in dieser Form nur für ganz weni¬ 
ge Schriftsteller (z.B. Anselm Ruest, John 
Henry Mackay, Salamo Friedländer) zutraf. 

Für Mühsam u.a. sind diese beiden Kompo¬ 
nenten nicht aussagekräftig genug, um kate¬ 
gorisierende Schlußfolgerungen zuzulassen. 
Er wandte sich frühzeitig an alle politisch und 
sozial Unterdrückten; eine Position, die ab¬ 
strakt immer die Massen, und gerade auch das 
Proletariat, miteinschloß. Konkret sah Müh¬ 
sam jedoch ganz realistisch, daß der Großteil 
der deutschen Arbeiter von der Sozialdemo¬ 
kratie auf Ruhe- und Ordnungsparolen einge¬ 
schworen war und wenig Hoffnung auf radika¬ 
le Veränderung ließ. Aus dieser Erkenntnis 
erklärt sich Mühsams satirische Spitze gegen 
die Sozialdemokratie, sein Enthusiasmus 
über die unbekümmerteren Italiener genau¬ 
so, wie seine spätere Hinwendung zu der sich 
im 1.Weltkrieg radikalisierenden Arbeiter¬ 
schaft. Man unterschiebt eine Entwicklung 
von Boheme zum Räterepublikaner, vom in¬ 
dividuellen Rebellen zum anarchokommuni- 
stischen Revolutionär, die cs in dieser verein- 
deutigten Form nicht gegeben hat. Mühsam 
hat sich zweifellos verändert, und er hat sich 
der sich verändernden Umwelt während und 
nach dem 1. Weltkrieg anzupassen gewußt. 
Seine Ironie wurde bisweilen Aggressivität, 
seine Wortgefechte (noch vor Gericht 1919) 
wurden zu mehr grundsätzlichen Gesell¬ 
schaftsentwürfen; und so ist es kein Zufall, 
daß heiter fröhliche Stücke um Geldnot oder 
Freie Liebe am Anfang und die für den Nach- 
68er-Anarchismus so wichtig gewordene 
Schrift »Die Befreiung der Gesellschaft vom 
Staat« am Ende seines Schaffens stehen. 
Trotzdem darf ruhig angenommen werden, 
daß sich seine Grundeinstellung nicht wc 
sentlich verändert hat. Mühsam erklärt es 
selbst, wenn er Landauers Schrift »Von der 
Absonderung zur Gemeinschaft« als ein¬ 
schneidende Lektüre erwähnt. Gustav Land¬ 
auer jedoch als Bohemian einzustufen, hieße 
seine Herkunft aus der SPD-Abspaltung der 
»JUNGEN«, seine Entwicklung zum Arbei¬ 
teranarchismus (Londoner Kongreß) und sei¬ 
ne Tätigkeit als Herausgeber des »SOZIA¬ 
LIST« übergehen. Landauer stand nicht unter 
dem Einfluß der Boheme, sondern er beein¬ 
flußte seinerseits; er vor allem brachte um die 
Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg die 
theoretischen Entwürfe Proudhons und Kro- 
potkins in die deutsche Linke, übersetzte die 
Originaltexte und beeinflußte sowohl den 


deutschen Arbeiteranarchismus wie den intel¬ 
lektuellen Anarchismus in Bohemekreisen. 
Die Trennung zwischen Boheme und Arbei¬ 
teranarchismus wird mit den Namen Stirner/ 
Nietzsche und Bakunin umschrieben, weniger 
ausgeprägt bei Kauffeldt, umso mehr bei eher 
marxistisch orientierten Literaturwissen¬ 
schaftlern, die zu Mühsam etwas veröffent¬ 
licht haben (z.B. Fähnders/Rector, Peter, 
Hirte usw.). Diese Trennung mag in groben 
Zügen richtig sein und für den erwähnten klei¬ 
nen Kern von Nur-Schriftstellern zutreffen; 
andere hat sie nur tangiert. Sie wurden von 
dem weitergehenden Einfluß Kropotkins u.a. 
über Landauer- später auch von Emma Gold¬ 
mann und Errico Malatesta geprägt. Ein Um¬ 
stand, der bislang in allen Mühsam Darstel¬ 
lungen unbemerkt blieb, weil zu wenig von 
anarchistischer Theorie her geforscht wurde. 
Nachvollziehen läßt sich für Mühsam diese 
Entwicklung über seine Mitarbeiterschaft an 
anarchistischen Zeitschriften. So vertrat 
»DER ARME TEUFEL« in Berlin oder der 
»WECKRUF« in Zürich keinen Individualan¬ 
archismus. Nicht einmal Senna Hoy’s 
»KAMPF« bei dem die Mehrzahl der Mitar¬ 
beiter aus der Berliner Boheme kamen (z.B. 
Else Lasker-Schüler, Franz Pfemfert, Peter 
Hille, Paul Scheerbart, Erich Mühsam oder 
Gustav Landauer), läßt sich auf diese Linie 
zurückführen. Dazu begeisterte sich der Her¬ 
ausgeber Hoy (d.i. Johannes Holzmann) viel 
zu sehr für die sozialen Bewegungen seiner 
Zeit (Ruhrgebietsstreiks, Propaganda für den 
Generalstreik, Enteignungsaktionen und 
Aufstände in Polen und Rußland). Hoy wie 
Mühsam, Landauer oder die Führer der AFD 
(Anarchistsche Föderation Deutschlands) be¬ 
suchten vor dem 1. Weltkrieg auch regclmä- 
. ßig die Veranstaltungen der SPD, oder De¬ 
monstrationen, um dort als Gegenredner auf¬ 
zutreten. Diese Seite Mühsams kommt in fast 
allen bisherigen Darstellungen des frühen 
Mühsam zu kurz, weil das schon abgedrosche¬ 
ne (dennoch sympathische) Bild vom Cafc- 
hausliteraten doch zu öffentlichkeitswirksam 
war und ist; - und weil er aus seinen frühen 
Schriften allein , nicht vollständig begriffen 
werden kann. Auch hier wieder die Frage 
nach den Tagebüchern, aber auch nach Poli¬ 
zeiberichten, die in Potsdam archiviert sind (- 
auch die von anderen deutschen Anarchisten 
übrigens!), damit das schiefe Forschungsbild 
durch Mühsams konkrete politische Tagesak¬ 
tivitäten zurechtgerückt werden kann. 

Kauffeldt hat diese Seite vernachlässigt, da¬ 
für aber mit seinem 4. Kapitel »Phantasie und 
Lebenslust - Zur Bedeutung der frühen litera¬ 
rischen Freundschaften zu Paul Scheerbart 
und Peter Hille und Mühsams Jean Paul-Re¬ 
zeption« etwas grundlegend Neues unter den 
Mühsam-Veröffentlichungen herausgearbei¬ 
tet und damit zweifellos eine Lücke gefüllt. 
Weitere Bearbeitung hätten die Freundschaf¬ 
ten zu Johannes Nohl, Senna Hoy, Dr. Ra¬ 
phael Friedeberg, Hanns Heinz Evers, Mar¬ 
garete Beutler, Albert Weidner etc. verdient- 
Auch die Methode, stärker danach zu fragen, 
was Mühsam rezensiert und empfiehlt und wie 
dies mit seiner Auffassung von Tendenzkunst 
jeweils in Einklang steht, wurde vor Kauf' 
feldt’s Veröffentlichung bislang kaum ge¬ 
nutzt. Er zeigt, wieviel Aufschluß sie geben 
kann und fordert zur Nachahmung heraus. 

Rolf Kauffeldt: Erich Mühsam; Fink utb, 
Nov. 83, 398S.; 19,80 DM 














Helga Schmidt-Osthoff 


Margit Twellmann 

Die deutsche Frauenbewegung 

Ihre Anfänge und erste Entwicklung 
1843-1889 

Athenäum Taschenbücher Kronberg 

1976 

246 S. 


Die Bedeutung dieser Epoche der 
Frauenbewegung, beginnend mit der 
Entstehungsgeschichte der Frauen¬ 
vereine in den vierziger Jahren, ihr 
soziales Wirken und ihrem Streben 
nach Bildung beispielsweise, läßt sich 
nicht so ohne weiteres mit den heuti¬ 
gen Verhältnisse verknüpfen. Die 
Autorin benennt selbst diese 
Schwierigkeit im Vorwort, wo sie au¬ 
sführt, daß die meisten Quellen dies¬ 
bezüglich nichts hergeben. Die 
Darstellung der inneren dynamischen 
Entwicklung fehlt also weitgehend, 
während ein methodisches Bear¬ 
beiten der fakten (z.B. zur Be¬ 
rufstätigkeit) unter dem Gesichtswin¬ 
kel des jeweiligen Standortes beein¬ 
druckt. Von da aus muß heute auf das 
„Kraftfeld des Gesamtgeschehens“ 
geschlossen werden. M. Twellmann 
stellt die bürgerliche Frauen¬ 
bewegung, ihren radikalen Flügel 


ebenso wie die Reformistinnen, in 
den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen 
und berücksichtigt die haltung der 
liberalen Parteien als einen Teil der 
Umwelt, die den Frauen elementare 
Rechte vorenthielt. Ursprünglich 
wollte sie die „Frauenemanzipation in 
Politik und Literatur der deutschen 
liberalen Parteien“ untersuchen. 
Daraus ist ein Grundlagenwerk zur 
Geschichte der Frauenrechtlerinnen 
geworden. Die wichtigsten 
Zeitungsartikel und Schriften der 
Frauen aus dem gleichen Zeitraum 
sind in einem extra Quellenband 
zusammengestellt: M.Twellmann 

Die deutsche Frauenbewegung. 
Quellen 1843-1889“, Athenäum Tas¬ 
chenbücher. Im Literaturverzeichnis 
nennt sie alle Bücher aus der zeit, die 
in Frage kommen, einschließlich der 
Literatur aus Männerkreisen. 

Die inhaltliche Auseinandersetzung 
mit dem weitergehenden Kampf der 
Frauen wird vielerorts in der Literatur 
möglich. Ihren weiteren Beitrag dazu 
hat Margit Twellmann geleistet, 
indem sie ein wichtiges Buch 
herausgegeben hat, die Memoiren 
von Lida Gustava Heymann und 
Anita Augspurg, „Erlebtes - 
Erschautes“. 


WINDDRUCK VERLAG 


SIEGTALSTRASSE 20 
59 SIEGEN—EISERFELD 


PETER KROPOTKIN . 
DER ANARCHISMUS 


Eine ausführliche Einführung 
in Kroptkin's Leben und Werk, 
sowie 2 Aufsätze über den 
kommunistischen Anarchismus 
120 Seiten DM 8.80 



MURRAY BOOKCHIN 
NATUR + BEWUSSTSEIN 


Bookchin’s Plädoyer für ein 
neues Bewußtsein auf den Prin- 
f zipien der Vielfalt' und gegen¬ 
seitigen Hilfe. 

80 Seiten DM5,80 


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ERZIEHUNG ALS 
BEFREIUNG 


Ein Leitfaden freiheitlicher Er- 
. Ziehungsideen von Godwin, 
Ferrer, Tolstoi, Mich, Freire... 
148 Seiten : DM 14,80 


WILLIAM ARCHER ' 

FRANCISCO FERRER 


Leben und Werk des Begrün¬ 
ders der anarchistischen Mo 
dernen Schule, die Ferrer 1901 
in Barcelona gründete. 

164 Seiten DM 14,80 


S. KUNOLD / H. LOMMEL 

MANNERSUCHE 


Ein Bericht über Erfahrungen, 
Gedanken, Schwierigkeiten 
und Möglichkeiten zweier Män¬ 
nergruppen. 

100 Seiten DM10,80 


H. MERTL / F. MEYER 

MÄNNERBUCH BAND I 


Beiträge verschiedenster Art 
von Männern für Männer, über 
all das, worüber man sonst 
schweigt. 

112 Seiten DM 14,80 















; Autobiographie in drei Bänden in der 
. Reihe 

Frauen in der Revolution 
! 1142S. 

i ” K ?ine Revolution kann jemals Be- 
. treiung bedeuten, solange die dazu 
' benutzten Mittel nicht identisch sind 
■ mit den Zielen.“ 

' In u der 2 -Hälfte des 19. Jahrhunderts 
i gab es beeindruckende Frauenkam- 
; pagnen. 

i } Wl f rde Emma Goldmann in Ru߬ 
land geboren. Sie rüttelte mit ihren ra¬ 
dikalen Ideen, die Rechte der Frauen 
den Anarchismus und soziale Verän¬ 
derungen betreffend, an den Grund- 
t f es * en der amerikanischen Gesell- 
j schaft * Was in der Folge zu einer Fuß- 
j note degradierte, wurde in den 70er 
Jahren des 20. Jahrhunderts von euro- 
amenkanischen Feministinnen wie- 
\ derentdeckt und gedruckt. Der Karin 
i Kramer Verlag hat sich in dieser Hin- 
5 sicht sehr verdient gemacht. In Ver- 
; gessenheit Geratenes soll nicht ver- 
| ebbt bleiben. Den Frauen des 19. 

: Jahrhunderts gelang es, das Gesicht 
I der Gesellschaft zu verändern. Je- 
| doch besaßen sie nicht die Macht, die- 
| se Veränderung zu festigen, indem sie 
i sicherstellten, daß das Erreichte zu ei- 
j ner fundamentalen Werteverschie- 
J bung führt. Eine solche Verschiebung 
der Werte hat Emma Goldmann ihr 
Leben lang angestrebt. Seit ihrem 13. 
Lebensjahr kannte sie die Fabrikar¬ 
beit und hatte Kontakt zu Petersbur* 
ger Revolutionären. Auswanderung 
nach Amerika, als der Vater sie zu ei¬ 
ner Ehe zwingen will. Dort erlebt sie 
die Konsequenz einer Entwicklung 
des Bewußtseins als Frau, Jüdin, Ar¬ 


beiden. Emma Goldmann wird sogar 
als die „gefährlichste Frau der Welt“ 
bezeichnet und überall abgelehnt. 4 
Jahre lang schreibt sie in Südfrank¬ 
reich an ihrer Autobiographie „Ge¬ 
lebtes Leben“ und ist selbst in hohem 
Alter noch aktiv gegen den Faschis¬ 
mus. 


Marockh Lautenschlag 
Sweet America 

Medea Frauenverlag Frankfurt/M 

1983 

257 S. 


beiterin und Emigrantin. Ein Einfin¬ 
den in die Ideen der Anarchisten fällt 
ihr leicht. Sie versucht nach dieser 
Devise auch zu leben, also „ohne 
Herrschaft , und agitiert kämpferisch 
in diesem Sinne. Naiv ist sie keines¬ 
wegs: Die Mehrheit der Menschen, 
das sind die Ärmsten, müssen von den 
anarchistischen Ideen erfahren, sonst 
kann es nie zu einer Verwirklichung 
kommen. Logische Folge ihrer sehr 
erfolgreichen Tätigkeit ist das Ge¬ 
fängnis, das für sie zur Schule des Fe¬ 
minismus wird. Auf späteren Vor¬ 
tragsreisen greift sie immer wieder die 
Zwangsinstitiiion Ehe an und vertei¬ 
digt die „freie Liebe“. Für die Frauen¬ 
fragen erhält sie wenig Unterstützung 
seitens ihrer Anarcho-Freunde. Ab 
1900 beschäftigt sie sich mit der bri¬ 
santen Frage der Schwangerschafts¬ 
verhütung und Geburtenkontrolle. 
Sie macht praktische Erfahrungen in 
Wien durch eine kurze Ausbildung 
zur Hebamme und durch die Arbeit 
als Krankenschwester in den New 
Yorker Slums. 1906 gründet sie eine 
Zeitschrift „Mother Earth“, die 12 
Jahre lang regelmäßig erscheint und 
viele Artikel zur Frauenfrage und ge¬ 
gen die aufkommende Kriegshetze 
veröffentlicht. So wird sie in der Folge 
verhaftet, interniert und zusammen 
mit Alexander Berkmann 1919 nach 
Rußland deportiert. Dort widmen 
sich die weltbekannten Anarchisten 2 
Jahre lang ihren revolutionären Träu¬ 
men, werden aber völlig ihrer Illusio¬ 
nen beraubt. Nach dem traumati¬ 
schen Erleben von viel Angst, Unge¬ 
rechtigkeit und Terror beginnt eine 
qualvolle Odyssee durch Europa. Nir¬ 
gends gibt es Platz und Ruhe für die 


Verwundert über die Veränderungen 
meiner Sichtweise blättere ich zu 
Mitte/Ende dieses Science fiction 
öfter mal an den Anfang zurück. 

Das Raumschiff „Mayflower II“ ist 
auf einem ungefähr 150 Jahre vorher 
besiedelten Planeten gelandet. 
Anstelle einer Normal-Kolonie des 
Mutterplaneten Erde trifft die Besat¬ 
zung eine in „Altland“ und „Neu¬ 
land“ gespaltene Bevölkerung an. 
Die Neuländer sind diejenigen, die 
die Utopie eines Staates verwirklicht 
haben, in dem es keine Minderheiten 
und keine Herrschaft gibt. Ihr 
wesentlich höherer Lebensstandard 
im Vergleich zu „Altland“, einer 
bigotten, puritanischen Sied¬ 
lungsgemeinschaft macht die Motiva¬ 
tion der Autorin deutlich. Einer 
freien, durch keine Gewalt und 
Sexualhierarchie eingeschränkten 
Kreativität, kann solches gelingen. 
Die „Neuländer“ erklären ihre Un¬ 
abhängigkeit von der Erde. Ob sie 
sich schützen können bleibt noch 
offen. Sehr spannend zum Lesen. 








Alexandra Kollontai 
* C H habe viele Leben gelebt. 
Autobiographische Aufzeichnungen 
Pahl Rugenstein Verlag Köln 
1980,609S. 

uDem jungen Mann von heute will ich 
sagen: 

gib ein bißchen mehr von der Wärme 

deines Herzens 

der Frau die du liebst, 

und wenn die Liebe vorbei ist, 

sollst du nicht vergessen, daß 

sie auch ein Kamerad ist. 

Und der Frau: 

Gib nicht dein ganzes Herz 
und dein ganzes Ich 
der Heftigkeit der Liebe. 

Halt etwas von deinem Herzen zurück 
- so wie es der Mann immer macht - 
für andere der schönen Dinge des 
Lebens.“ 

Alexandra Kollontai eröffnete 1907 
den ersten Arbeiterinnenclub in Ru߬ 
land. Im Ausland wurde sie oft achtes 
Weltwunder genannt. Wegen ihrer 
Schönheit? Oder weil sie — Tochter ei¬ 
nes reichen Zarengenerals, 1872 ge¬ 
boren - den entbehrungsreichen Weg 
einer Revolutionärin beschritt? 1917 
wird sie als erste Frau Regierungsmit¬ 
glied, Volkskommissar für soziale 
Fürsorge, und widmet sich intensiv 
der Frauenfrage. Ihre Thesen über 
Lhe und Sexualität werden zum Teil 
erbittert bekämpft. „Solange die 
Frauen nach wie vor in den am 
schlechtesten bezahlten Berufen ar¬ 
beiten, solange wird es auch die ver¬ 
schleierte Form der Prostitution ge¬ 
ben, solange ist es auch vollkommen 
gleichgültig, ob jemand eine Ehe aus 
wirtschaftlichen Berechnungen ein- 
gelu oder sich der Gelegenheitsprosti- 
lution hingibt.“ 

v on 1908-1917 war Alexandra Kol- 
l°ntai in Emigration und arbeitete in 
Deutschland, England, Frankreich, 
Schweden, Norwegen, Dänemark, 
Schweiz und Belgien. Sie schrieb auch 
Artikel für „Die Gleichheit“ und 
sprach beim ersten Internationalen 
Frauentag 1911 in Frankfurt/Main. 
Britisch beobachtet und beschreibt sie 
den Parteiapparat der deutschen So¬ 
zialdemokratie und weist auf ihren 
Gpportunismus und die schleichende 
Bürokratisierung hin. Dafür wird sie 
Hicht geliebt, denn viele deutsche Ge¬ 
issen fühlen sich in ihrer nationalen 
Ehre gekränkt. Sic wären doch „die 
stärkste und beste Partei der Welt.“ 

Auf diesem Erkenntnishintergrund 

c, ‘lcbt Alexandra Kollontai den Aus¬ 
bruch des 1. Weltkrieges in Berlin. 
Hautnah ist sic mit dem Chauvinis¬ 
mus der Genossen und Genossinnen 
konfrontiert. Für viele ist sie nun die 
Bussin, fast schon die Feindin. „Mit 

Gnem Gefühl unbeschreiblicher 
Trauer und moralischer Einsamkeit“ 
muß sie Zusehen, wie der Krieg die 
Fartei restlos in die Sackgasse getrie¬ 
ben hat, auf deren Bahn sie sich aller¬ 


dings schon vorher befand. Ein Tref¬ 
fen mit Mathilde W. und Luise Zietz 
wird so geschildert: „Beide haben 
‘schrecklich viel zu tun . Was eigent¬ 
lich? Sie organisieren gemeinsam mit 
‘Damen aus der guten Gesellschaft 
Speisungen aus öffentlichen Mitteln 
für Kinder, deren Väter eingezogen 
wurden. Sie arbeiten also für den 
Krieg!“ 

Sara Lennox (Hg.) 

Auf der Suche nach den Gärten un¬ 
serer Mütter. 

Feministische Kulturkritik aus 
Amerika 

Sammlung Luchterhand 392, 
Darmstadt 1982 
218 S. 

Die Herausgeberin betrachtet weib¬ 
liche Kulturarbeit und Ästehtik unter 
dem Blickwinkel ihrer politischen Re¬ 
levanz. Kulturkritisches aus den 70er 
Jahren der amerikanischen Frauen¬ 
bewegung wurde 1979 bei einer 
Gedenkfeier der Veröffentlichung 
von Simone de Beauvoirs Buch „Das 
andere Geschlecht“ in New York City 
vorgetragen. Hervorragende Beit¬ 
räge der bedeutendsten sozialistis¬ 
chen Feministinnen und radikal- 
feministischen Theoretikerinnen. Da 
fand der Bruch im weißen Feminis¬ 
mus statt, der seine Ergebnisse auf 
alle Frauen in allen Gesellschaften 
überträgt. Nach den Vorträgen stan¬ 
den vor allem schwarze Frauen aut 
und sagten, daß diese Theorie ihre Er¬ 
fahrung nicht beschreibt. „Viele 
weiße Feministinnen beginnen zu ver¬ 
stehen, daß ihre Strategie des 
Seperatismus im Grunde rassistisch 
ist weil sie darauf besteht, daß sich 
die nichtweißen Frauen von ihm 
Brüdern lossagen, mit denen sie 
durch den gemeinsamen Kampf ver¬ 
bunden sind. Überdies haben 
schwarze Frauen einen andere Defi¬ 
nition der Probleme mit Männern als 
weiße Frauen. Neuere Arbeiten 
zeigen, daß die Familie für die 
schwarze Frau ein Ort des Wide¬ 
rstands, nicht der Unterdrückung ist. 
Für die Frau aus der dritten-Welt, die 
schwarze Frau, die Indianerin, die 
Asioamerikanerin besteht im 

Separatismus die Gefahr, ihre 

ureigenste Denkweise zu verraten. 

In den 70er Jahren machte sich der 
euro-amerikanische Feminismus „auf 

die Suche nach den Gärten unserer 
Mütter.“ Diese Suche hat Optionen 
greifbar werden lassen, die die Strat¬ 
egie des Separatismus innerhalb der 
euro-amerikanischen Gesellschaft er¬ 
neuern könnten durch das Akzep¬ 
tieren von Frauen. Von den 

Einsparungen der Reagan-Regierung 
am härtesten betroffen sind Frauen. 
Sara Lennox fragt, ob die Frauen wil¬ 
lens sind, sich in den 80er Jahren in 
den Kampf zu stürzen. Die von ihr 
vorgelegte Sammlung reflektiert über 


die kulturschaffende Integration der 
Schätze, die die Visionen und Re¬ 
visionen der weißen, der schwarzen, 
der lesbischen Frau ins Bewußtsein 
hoben und lebbar machten. 



IHMM 


fifrunf tut Pa r >r .ti)ü'On»M>nw\ 






wmsmmMMmmmmm m ' ■! 

Trumpf eins: ’ 

Der Mensch als I 

--I 


Eine Untersuchung 
des Verhältnisses 
zwischen Mensch 
und Natur am 

lenfol Hp« 


ist nicht nur ein P 
Bergfetischisten, Wintersportler 
und Wanderer, sondern vor allem 
ein Beispiel dafür, wie ökologische I 
Kritik analytisch und praktisch auf 
einen ganzen Raum (unter Einbe¬ 
ziehung der historischen Bedin- 

__V __I. t,™ 


ln den Heften 11/83 bis 2/8 . ..... 
Werner Bätzing dieses Thema auf 
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fli 

D as 3.Treffen des FLI findet am 1.Mai wo¬ 
gende in Luttcr/Hannover (Domäne, Auf 
d er Domäne, 3372 Lutter /05383-1884) statt; 
Anmeldungen ab sofort an die Berliner Grup¬ 
pe: 

Antiquariat, Oranicnstr.39,1000 Berlin-36 
D cr 2.FLI-Rundbrief enthält Texte zu den 
Diskussionsthemen, u.a. »Soziale Krise, 35- 
Stundcn woche etc.« Wir drucken hier einen 
Text aus dem Rundbrief nach, weil wir glau¬ 
ben, daß der SF mehr Frauen erreichen wird, 
als der Rundbrief an die Mitglieder des FLI: 
An alle Anarchofrauen 

Ich habe Lust, in Lutter einen Frauenar¬ 
beitskreis zu machen. Ich habe Lust, ganz in¬ 
tensiv darüber zu reden, was wir wollen, lei¬ 
sten können, unsere Erfahrungen, Geschich¬ 
te, Bedürfnisse, Notwendigkeiten etc. zu dis¬ 
kutieren. Ich finde cs sehr wichtig, inhaltlich 
nial dazu zu kommen: was heißt Anarchistin 
sein für uns? Sehen wir uns auch als Femini- 
stinnen? Was heißt Arbeit für uns? Was heißt 
überhaupt noch frau sein in dieser Welt und 
gerade in der BRD? 

Die Erfahrungen der letzten Treffen, wo diese 
Themen ganz ausgeklammert wurden (2/3 al¬ 
ler Anwesenden waren Männer) und z.B. die 
Frauenarbeit als Nebenwiderspruch abgetan 
w urdc, bringen mich dazu, es diesmal mit ei¬ 
nem Frauenarbeitskreis zu versuchen. Was 
•nacht ein Nebenwiderspruch, der über die 
Hälfte der Weltbevölkerung ausmacht? Was 
•nacht ei n Nebenwiderspruch, der sich auf den 
niännerdominierten Treffen nicht oder kaum 
durchsetzen kann? Er/sie macht was eigenes. 
Soviel jetzt zum Vorwurf der »Spaltung«, der 
sich jetzt bestimmt in einigen Männerköpfen 

breit macht. 

• • und, um cs mal anders auszudrücken: 
Benutzen wir die Zeit des Umbruchs zu ei¬ 
ner Neudefinierung der Frauenfrage. Dabei 
•nüssen wir unseren emotionellen Scharfsinn 
gebrauchen, aus unserem Dornröschenschlaf 
aufwachcn und den mit Dornen umrankten 
goldenen Käfig sprengen!! 

Überhaupt. Warum arbeiten so wenig Frauen 

mit? 

Haben wir zu den Themen und Auseinander¬ 
setzungen nichts mehr zu sagen? Wo sind die 
v ielen Anarcha-Fcministinnen? Warum über¬ 
lassen wir den Männern diese weit- und tief¬ 
greifenden Diskussionen? Damit produzieren 
^ir doch auch wieder Macht und Dominanz! 
Irgendwann steht Ihr dann wieder da-außer¬ 
halb und denkt: »Ist ja ne reine Männerdiskus - 
sion«. Ihr stellt es bloß fest und fragt nicht 
warum. Es ist doch klar: wenn sich Anarchi¬ 
stinnen raushalten und ihren Standpunkt 
n |cht miteinbringen, dann ist die Frauenfrage 
oin Nebenwiderspruch. Und daß die Männer 
v °n sich aus dies Thema nicht bringen, ist 
auc h ne alte Erfahrung. Die Revolte der Frau- 
Cn kann nur von den Frauen selbst ausgelöst 

Werden. 

Hoch nie war die Frauenbewegung in so einer 
Krise wie jetzt. Die Entmündigung und 
Fremdbestimmung durch die lebensfeindliche 
Männerzivilisation und HERRschende Tech- 
uokratenclique war noch nie so groß wie jetzt. 
Indem wir das erkennen, haben wir aber auch 
dic Chance, eine »militante« Untersuchung 
der Frauenfrage voranzutreiben. Meiner Mei- 
I1Un g nach liegt in einer neuen Frauenbewe¬ 
gung, die ein lebensbejahendes Prinzip ein¬ 
nimmt, bedingungslos für das Recht auf Le¬ 
ben eintritt, die Zukunft. 


Mit der Agonie des Kapitals ist auch eine 
Agonie des Patriarchats verbunden. Im 
»schwachen Geschlecht« liegt nun eine Stär¬ 
ke! 

Frauen sind noch nicht so kaputt wie Männer. 
Frauen können Leben geben und entwickeln 
und haben deshalb ein anderes Verhältnis 
zum Leben, zur Natur, zum Menschen. Frau¬ 
en leben spontaner und mehr aus ihren Be¬ 
dürfnissen heraus (- dies stützt sich auf meine 
individuelle Erfahrung). Frauen haben noch 
nicht so’n rationalisierten, technisierten Kopf 
wie Männer, die es immer noch nicht geschafft 
haben, sich daraus zu befreien. 

Gegen die Macht der Dummheit setzen wir 
den Charme unserer Intelligenz! Gegen den 
Panzer der Verhärtung unsere Emotionen! 
Indem wir unsere Stärke erkennen, können 
wir uns mit der Vernichtungsstruktur des ka¬ 
pitalistischen Technopatriats ausemanderset- 


jzialismus oder Barbarei ist gerade für Frau- 
, aktueller denn je. 1984, Orwell’s sience 
•esence, Kontrolle und Vernichtung der un- 
itz gewordenen Ware Arbeitskraft und Wa- 
. Frau ist kein Alptraum von mir, sondern 
ehr denn je in der Tendenz des Datenfa- 
hismus angelegt und schneller umsetzbar, 

s wir denken. . 

ie Ware Frau wird mit der Weiterfuhrung 

er Gentechnologie, Retortenbabys, künstli- 
er Befruchtung, überflüssig. Dies meine ich 

atürlich auf die Verwertungsbedingungen 

es Kapitals bezogen, die der Ware Frau ja 
ach wie vor einen biologistischen sexisti- 
:hen Wert beimessen. 

»je Produktion von Kindern, Reproduktions- 
rbeit am Mann im Heim, der Familie Pros ,- 
ition in der Ehe oder im Ghetto der Bordelle 
t für die meisten Frauen immer noch Reali- 

U Dies ist dem kapitalistischen Patriarch^ 

nmanent. Die Diskussion über die Arbeit ist 
„halb für Frauen von einem ganz anderen 
tandpunkt her zu untersuchen, denn es geh 
ir sie ja nicht nur um Lohnarbeit. Davon ist 
i Großteil der Frauen immer schon »be- 




ien wir uns auch als Feministinnen? Was 
Bt Arbeit für uns? Was heißt überhaupt 
■h Frau sein in dieser Welt und gerade in 
BRD? 


Ökonomische Un-Abhängigkeit von Frauen 

1981 lebten in der BRD 26.759.000 Frauen im 
Alter von 15 Jahren und mehr. Hiervon wa- 
ren: 

* Ohne eigenes Einkommen (abzgl. 4,8% oh¬ 
ne Angaben): 9.294.000 

* Erwerbstätig, aber ohne eigenes Einkom¬ 
men (das sind die »Mithelfenden Familienan¬ 
gehörigen«): 839.000 

* Erwerbstätig, aber mit einem Netto-Lohn 
unter 800.-DM monatlich: 2.797.000 

* Mit Einkommen aus anderen Quellen, aber 
unter 800.-DM monatlich: 3.262.000 


10.133.000 sind also ganz ohne Einkommen. 
Das sind 37,8% der hier in der BRD lebenden 
Frauen. Unterm Existenzminimum sind 
6.059.000, also 22,6%. Zusammen sind das 
über 60% der Frauen. 

(Quelle: Mikrozensus v.1981, Fachserie 1, 
Reihe 3, S. 118 und Fachserie 1, Reihe 4.1.1., 
S. 41) 


Je nachdem, was HERRschende Propaganda 
verbreitet, wird mit den Frauen rumjongliert. 
Einmal wird die unbezahlte Arbeit an Heim 
und Herd mit GESELLschaftlicher Anerken¬ 
nung belohnt, dann mal als Nur-Hausfrau eti¬ 
kettiert und die Berufsstellung der Frau favo¬ 
risiert. Ganze »Dienstleistungsgewerbe« wur¬ 
den speziell für Frauen als Arbeitsmarkt ge¬ 
schaffen und sie damit aber GESELLschaft- 
lich ausgebeutet. Lohnarbeit in ganz wenigen 
Berufszweigen: Gesundheitswesen, Verwal¬ 
tung, Erziehung und Pädagogik, Gebäude¬ 
reinigung, Gastronomie) und in der Fabrik in 
Leichtlohngruppen. 

Befreiung von der Arbeit heißt also für Frau¬ 
en mehr als Befreiung von der Lohnarbeit. 
Für uns muß es heißen: Befreiung von den 
Ausbeutungspraktiken des Patriarchats in all 
seinen menschenverachtenden und frauen¬ 
feindlichen Strukturen, schlechthin. 

Graue Eminenzen regieren die Welt. Eine 
pensionsreife Herzschrittmachergeneration, 
die gar nicht mehr weiß, was LEBEN ist, ras¬ 
selt mit den Säbeln. Schlechte Schauspieler 
der DALLES-TELE-VISION militarisieren 
»ihre« Bevölkerung und träumen in ihrer 
Machtbesessenheit vom Endsieg. Die Tech¬ 
nokratenzivilisation versucht eine endgültige 
Unterwerfung der Natur und Synthetisierung 
der Welt. SIE vergessen dabei: Mutter Erde 
ist eine Feuerbällin, die sich nicht BeHERR- 
schen läßt. Dann und wann bebt sie, hin und 
wieder spuckt sie Feuer. Auch der Mensch ist 
nicht vollkommen unterwerfbar. In der Ge¬ 
schichte expoldierte auch er schon oft. Das 
Feuer im Herzen einiger Revoltierender 
sprang als Funke oft auf die sozial Unzufriede¬ 
nen über. Um den jetzigen Zeitgeist zu erken¬ 
nen, brauchen wir nur von unserer eigenen 
tiefen Unzufriedenheit und unserer eigenen 
Lebenslust auszugehen. 



Um aber tatsächlich Funken zu sprühen und 
vielleicht zur LAVA zu werden, müssen wir 
hart arbeiten... 

Wir müssen untersuchen, analysieren und re¬ 
flektieren. Ich schlage folgende Themen vor: 

1) . Tendenz der Frauenarbeit jetzt und neue 
Technologien 

(dazu empfehle ich das Buch: Beiträge zur fe¬ 
ministischen Theorie und Praxis, »Neue Ver¬ 
hältnisse in Technopatria - Zukunft der 
Frauenarbeit« 9/10, 83). 

2) . Gentcchnologie: Traude Bührmann, 
»Gen-Manipulation und Retortenbaby« + 
A.Bamme, »Maschinen-Menschen, Mensch- 
Maschine« 83, rororo 7698 

So, jetzt seid Ihr mal dran: was ist Euch am 
Wichtigsten, wozu habt Ihr Lust, über welche 
Themen wollt Ihr diskutieren? 

Habt Ihr zu den vorgeschlagenen Themen Ar¬ 
beitsmaterial? Wenn ja, fänd ich’s toll, wenn 
Ihr mir dazu was schicken könntet. Auch in 
Zeitungen steht immer wieder was, oder in 
Zeitschriften. Oder: kennt Ihr Videofilme zu 
den Themenbereichen? Die Leute in Lutter 
haben auch ein Videogerät und wir könnten 
uns also Videofilme anschauen und die als Ar¬ 
beitsmaterial benutzen. 

Es gibt sicher Frauen, die diesen SF nach dem 
Wochenende in Lutter zu Lesen bekommen, 
sie können sich auch noch später am FLI be¬ 
teiligen und in die Diskussion einsteigen. 
Kontakt: 

Angie Gödde, Forsterstr. 19. 1000 Berlin-36 











54 



Kontakt: Centro Studi Libertari 
viale Monza 255 
20126 Milano 

Deutsche Anfragen an: 

C.I.R.A. - Marianne Enckell 
Case postale 5CH-1211 Geneve- 


Anarchistentreffen in Venedig 


Internationales Anarchistentreffen - 
Konferenz und andere Vergnügen in Vene¬ 
dig, 25.-30.September 1984 

Was bietet unser Projekt »1984«? Eine 
Konferenz (wie hätte es anders sein können), 
aber auch Ausstellungen, Vorstellungen, Ge¬ 
legenheiten und Räume, sich unter Kamera¬ 
den zu treffen. Mit der eigentlichen Konfe¬ 
renz schlagen wir vor, mittels verschiedener 
Kommunikationsformen und Diskussionen 
(Referate, Podiumsgespräche, Seminare, Ar¬ 
beitsgruppen usw.) eine Reihe von Themen 
zu erforschen, die die wichtigsten theoreti¬ 
schen und praktischen Probleme betreffen, 
vor denen heute die Anarchisten und all dieje¬ 
nigen, die, ohne sich auf den Anarchismus zu 
berufen, trotzdem die egalitäre und libertäre 
Spannung teilen. Wir wollen darum den Stand 
unserer Ansichten und Aktionen, die Ent¬ 
wicklung der Herrschaftsformen und der anti¬ 
autoritären Tendenzen ermitteln - kurz, den 
Stand des Staates und des Anarchismus heute. 
Wu-versuchen, für dieses wichtige intellektu- 
elle Treffen so viele Beiträge zu erhalten und 
trtahrungen auszutauschen wie möglich. Wir 
möchten der Konferenz ein weites internatio¬ 
nales Echo geben, deshalb haben wir einen si¬ 
multanen Dolmetscherdienst in Italienisch, 


Französisch, Englisch (und vielleicht auch 
Spanisch) vorgesehen. Das Projekt 1984 be¬ 
schränkt sich nicht, wie wir schon erklärt ha¬ 
ben, auf eine Konferenz, so reichhaltig und 
abwechslungsreich sie auch sein mag. Das 
Projekt sieht viele andere Dinge vor. Wir den¬ 
ken da an die »Geschichte und Geographie 
des Anarchismus« mittels Bild und Dokumen¬ 
tation (eine lange Route mit Photos, Zeich¬ 
nungen, Dokumenten, Videos). Wir denken 
an eine graphische Kunstausstellung (von Pis- 
saro bis zu Comix), an eine Ausstellung über 
den Dadaismus und Surrealismus, und allge¬ 
meiner an eine audiovisuelle Darstellung über 
das Thema »Kunst und Anarchie«. Wir den¬ 
ken an ein Filmfestival, an Vorführungen, 
Theater, Gastronomie, freie Radiostatio- 


H r/> iö-^' CSeS , ^ Ie n * n Venedig haben wir an 
f/n if K C '"n! er Archi ‘ekturfakultät, einen öf- 

Ausstelh" ( >>cam P 0<< )’ ein Kino, zwei 
Ausstellungssale zwischen dem Piazzalc Ro- 

St iu e !' m,tdem Auto erreichbar ist) und dem 
r * ar , U ?P a * z gedacht, damit sich das Tref- 
off,n’ Chtein Ghetto zurückzieht, sondern 
offen auf der ganzen Route ist. 

nennt >>REVISTA A Refcrc "' c " 

Murrav r„„i, ,. A A<< ln der April-Ausgabe 

und CörnH C ° ,in Ward ’ Joel Spring 

werden mpl US ^Joriadis. Aus Deutschland 

und sich r Cre RLI - Mi ‘glieder teilnehmen 
und sich thematisch vorbereiten. 


nen.. 


LIBERTÄRES FORUM MARBURG 

Mit diesem ersten Brief wollen wir euch unse¬ 
re Existenz bekanntgeben und vielleicht zur 
besseren Kommunikation innerhalb der bun¬ 
desdeutschen Anarcho-Szene beitragen. 

Wir - das bedeutet das LIBERTÄRE FOR¬ 
UM MARBURG, ein Zusammenschluß von 
Anarchos und antiautoritären Linken, den es 
seit November ’83 gibt. Die politische Situa¬ 
tion hier in Marburg/Nordhessen läßt sich wie 
folgt umschreiben: 60000 Einwohner, davon 
15000 Studenten, die Universität der bedeu¬ 
tendste Arbeitgeber. CDU/SPD-Koalition im 
Stadtrat, FDP, Grüne und DKP in der Oppo¬ 
sition. Marburg ist eine der wenigen Hochbur¬ 
gen der Vertreter des »Realexistierenden So¬ 
zialismus«, seit Jahrzehnten sind sie hier kom¬ 
munalpolitisch vertreten. Auch der ASTA 
der Uni wurde von 61-81 vom MSB gestellt, 
der heute noch die zahlenmäßig stärkste Stu¬ 
dentengruppe stellt. Diese Allgegenwart der 
moskautreuen Kräfte bewirkt eine gewisse 
Lähmung linker Aktivitäten und auch bei dem 


konservativen Ortsverband der Grünen ist an 
eine politische Mitarbeit nicht zu denken 
Nun einiges zur Geschichte unserer Gruppe: 
Bei einer Diskussionsveranstaltung im No¬ 
vember letzten Jahres haben sich vier Leute 
kennengdernt, die es nicht mehr befriedigte 
zeitlich und organisatorisch nur punktuell zu 
arbeiten (Hauserkampf, Volkszählungsboy¬ 
kott, Friedensbewegung etc.). Die verschie¬ 
denartige politische Herkunft der Leute (FLI- 
Forderkreis, Grüne, CNT-AIT) hat uns nicht 
daran gehindert erst im Bekanntenkreis, dann 
öffentlich für unsere Idee zu werben, eine lin¬ 
ke antiautoritäre Gruppierung hier in Mar¬ 
burg ms Leben zu rufen, die kontinuierlich ar¬ 
beitet und zu allen uns wichtig erscheinenden 
gesellschaftlichen Fragen Steilung bezieht 
Aus den Anfangs lockeren wöchentlichen 
Treffs hat sich inzwischen folgendes herausge- 


Unser Stammtisch, der als Anlaufstellc fun¬ 
giert, ein Plenum das Organisatorisches re¬ 
gelt, ein Büchertisch in der Mensa und ver¬ 
schiedene Arbeitsgruppen zu Themen wie 
Geschichte und Theorie des Anarchismus, li¬ 
bertäre Pädagogik etc. Obwohl einige der ak¬ 
tivsten Mitglieder aus verschiedenen Grün¬ 
den ausgeschieden sind, besitzen wir momen¬ 
tan einen Stamm von 8 Leuten, die fest mitar- 
beiten und etwa 35 »Sympathisanten«. Die fi¬ 
nanziellen Kosten werden durch freiwillige 
Spenden aufgebracht. Unsere erste große öf¬ 
fentliche Aktion anfang Februar war als Pro¬ 
vokation gegen die hier reichlich Vorhände- 








































m -mm m 

■ 




*AUFRUFZUR MITARBEIT: 

Da aller guten Dinge mindestens drei sind, 
f wird es 1985 den SCHWARZ-ROTEN KAIN 
KALENDA {Verlag Klaus Guhl) wieder geben, 
| Denn 1985 is noch alles drin: Qanti-, Quali-& 
. Orginalität, phantasievoll gruppiert und layou- 
! tet. Das Ganze durchsetzt von einem Optimum 
an lieber tärer Information. KT. wird man ge¬ 
nauso finden, wie E.M. und manchen andern 
bekannten Namen. Aber auch die Namenlosen 
der Geschichte und Gegenwart kommen zu 
Wort und Bild. Historisches und Aktuelles im 
Kontekt, damit wir den schwarzen Faden nicht 
verlieren. 

Ralf Landmesser 

(Guhl-Verlag, PF 191532, 1000 Berlin-19) 


* »Die vergessene Revolution«: Über die liber¬ 
täre Revolution in Spanien (1936-39) haben wir 
ein zweistündiges Programm aus Musik, 
Spielszenen und Wortbeiträgen gemacht und 
suchen Aufführungs-Möglichkeiten (Wochen¬ 
enden). 

»Trotz und Träume«, Kontakt: 0209-146260 

* Der SF sucht eine(n) Leser(in), der/die Inter¬ 
esse daran hat, kostenlos und regelmäßig die 
UMANITA NOVA von uns zu beziehen und ge¬ 
legentlich (ca.4-5mai pro Jahr) einen uns oder 
ihr/ihm wichtig erscheinenden Beitrag zu über¬ 
setzen, 

* SUCHEN Informationen über fränkisch-an¬ 
archistische Bestrebungen vor 1945. 

WIR SELBST, Postfach 168, 5400 Koblenz 


* SUCHE von A. Camus »Literarische Essays« 
(Rowohlt-Verlag, im Moment nicht aufgelegt) 
und Material zu Camus (Rezensionen, Disser¬ 
tationen, Artikel..aber nicht auf französisch! 
Markus Richter, Tom Stein Kreuz 33, 4670 Lü¬ 
nen 

'k PETER SCHULT hat sein Leben wieder in Ei¬ 
genverantwortung übernommen und wir freu¬ 
en uns darüber. Das ändert allerdings nichts an 
seiner schweren Krankheit und der Notwen¬ 
digkeit für eine ärztliche Behandlung im Aus¬ 
land. Wir bitten also unsere Leser für den Ge¬ 
nossen auf folgendes Konto zu spenden: 
Sonderkonto - Helmut Strobl - PschA Mün¬ 
chen - Nr.284057-809 


KURZMELDUNGEN/KLEINANZEIGEN 



















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★ Die Geschichte(n) der anarchistischen Be¬ 
rgung in Stuttgart bzw. Baden-Württemberg 
- wer hat Interesse daran, diese etwas zu er¬ 
suchen? Zeitraum: Kaiserreich, WK 1 u. 2, 
Weimarer Republik, Nazi-Zeit, nach 45 - ein 

Papier mit einigen unverbindlichen Gedanken 

St vorhanden - 

Wolfgang Setzer, Kirchtalstr.66, 7000 Stutt¬ 
gart 

Dringenst gesucht: Materialien und Informa- 
tionen zu: Deutsche Anarchisten in Amerika, 
c a. 1880- 1920. 

Bitte wenden an: Gunter Becker, Hauptstr. 16, 
8521 Weisendorf, 09135-8593; Unkosten 
I e rden erstattet. 

(Neben Haymarket, Most etc. findest du in der 
expressionistischen AKTION (Jahrgang 1913) 
etwas über die Herausgeber des »Der arme 
Teufel« (Reitzel etc.), sogar einen Artikel von ih¬ 
nen, SF-Red.). 


■&- Die anarchistische Liga Langenhorn schlägt I 
für den 13.-15.7. einen Kongreß vor, der mit ei- ■ 
ner »Gedenkdemo« zum 50.Todestag Erich ■ 
Mühsams (er wurde am 11.7. im KZ ermordet) ■ 
beqinnen könnte. Ziel des Kongresses wäre es | 
sich besser kennenzulernen und eine Organi- j 
sierunq voranzutreiben. (Noch nichts vom FLI ■ 
gehört' 7 ) Kontakt: ALL, Postlagernd, Postamt- ■ 

Langenhorn, 2000 Hamburg. 

* Wiener Föderation: am 12. und 13. Novem- I 

her 1983 wurde in Mistelbach bei Wien eine Fo- 

deration gegründet, der zu Gründungszei - I 
nunkt nahezu ausschließlich Wiener (zw. 30-50 I 
Personen) angehörten. Wäre der Anspruch I 
der eine Regionalföderation aufzubauen, wur I 
den wir (SR die Angelegenheit ahnhch begru- I 
ßen wie die Regionalföderation Sudbayern die ; 
in7wischen ihr 3. Treffen abhielt und mit dem I 
! FREIRAUM« eine eigene Zeitschrift geschaf- I 

Docffvon »unten nach oben« scheint neuer- I 
Snos e°n »alter Hut« zu sein: die Föderation ist I 
deutschsprachig“ und die 3 BRD (!) Genossen I 
sind nicht etwa Kontaktpersonen, sondern be I 

reits ..Regionaldelegierte«. (Von wem für wen 
delegiert?) Als Informationsbulletin wurde AN- I 
AL (Anarchistische Allgemeine) gegründet, als I 
Föderationsorgan soll die schon länger existie- I 
rende Wiener »Liberte« dienen .Ein Wasserkop I 
mehr - schade um den gutgemeinten Idealis- | 
mus- gerade der sehr aktiven Genossen um r 
den Buchladen Monte Verita! E 

, r R l F A' Die internationale Kontaktstelle i 
der anarchistischen Föderationen will Material n 
über die deutsche Bewegung zugesandt be¬ 
kommen - Gruppenaktivitäten, Orgamsations- E 
kon T® Proiekte Zeitschriften aber auch eine ‘ 

tuation in der BRD. Alles an C.R.LF.A., c/o e 
Giorgio Sacchetti, Via Andrea Doria 12, t 
52100 Arezzo. E 

. fi ii DA GAP: Die Aktion »Manöververhinde- k 
runq U und Menschenetz im Fulda Gap« richtet t 
^ ch 9 gegen die Kriegsvorbereitungen der NA¬ 
TO aufdem Boden der Bundesrepublik. Die i 
ISion soH eine einwöchige (von Montag bis 
3 oomstaq) Angelegenheit rund um das Mano- 
' ver qebiet werden. Ausgehend von Friedens- 
ramDS sollen Aktionen gestartet werden, die 
HiP Gewalt der Polizei nicht auf der gleichen 
Ebene beantworten wollen. Die »AG-Aktions- 
herbs* hat eine Karte mit den militärischen An- 
i non in diesem Gebiet angeferttgt, die ge- 
nauso wie weitere Informationen zu dieser Ak- 
fordert werden können. AG Aktions- 
fl St 84 Fulda Gap, c/o ABC-Laden, 

Ohmstr.12, 6400 Fulda 
, Radikal-Prozess: Mehrere Videogruppen 
haben ein Band produziert, das zu Veranstal- 
mnoen angefordert werden sollte: Christian 
Ströbele der Verteidiger im Prozeß, erläutert 
dis Urteil und seine Begründung. Michael 
Klöckner erklärt seine Haltung zu Prozeß und 
Urteil Sabine, die am Prozeß teilgenommen 
hat kritisiert die übewiegend naive Interprete¬ 
rn des Verfahrens. Es ging nicht nur um Pres¬ 
sefreiheit, die »seriöse FR wird nie ein 129a- 
Verfahren bekommen«. Thomas Schmidt, taz- 
Redakteur, begründet die Veröffentlichung der 

inkriminierten Artikel in der taz. 

Ausleihe u.a: Video Stuttgart, Alexanderstr. 
104, 7000 Stuttgart 

•k Informationen zu den Rüsselsheimer Gefan¬ 
genen, eine Dokumentation etc. können (soll- 

Freien Kulturcafe, An der Wied 1, 6090 Rüs¬ 
selsheim, Tel. 06142-41519 angefordert wer¬ 
den. Dort kann man auch das Spendenkonto 
erfahren. 


DER ULCUS-MOLLE-INFORMATIONSDIENST j 
BRINGT SEIT 1969 OHNE PAUSE= 

aktuellste Nachrichten aus Kleinver-j 
lagen; Buchbesprechungen; Rezensio- 
nen von neuen Zeitschriften; Klein- 
Anzeigen-Service; Dichterporträts; I 
Diskussionsforum; Ankündigung von | 
Projekten aus der Subkultur; Termine;» 
Daten, News!1 

Vielseitiges Feedback für Insider & 
authentische Texte aus der 
ALTERNATIVEN LITERATURSZENE sowie 
ein ausführliches Vertriebsangebot! 

Eine dicke PROBESENDUNG zum ANTESTEN 
kostet 7,50 DM, ansonsten nur im I 
ABONNEMENT erhältlich: 4 Hefte pro 
Jahr kosten 30,— DM!! 

LITERARISCHES INFORMATIONSZENTRUM, 
JOSEF WINTJES, BÜCKENHOFFSTRASSE 7,I 
D-4250 BOTTROP, TEL: 02041/ 20568!!, 


tStSO WAS GIBT’s auch noch: Unser Vertreter j 
Ulrich Pampuch besuchte einen (realsozialisti¬ 
schen?) Buchladen, nahm eine Bestellung 
über Comix(!) auf und wir lieferten diese prompt 
aus. Überraschenderweise kamen sie zurück - 
wir fragten, ob wir verarscht werden sollten 
oder ob im Buchladen das Chaos herrsche und ; 
die Antwort wollen wir euch nicht vorenthalten: • j 

Liehe Leute, 

Wir wollen weder das eine noch ist das andere der j 
Fall. Beim nächsten Besuch, wenn das noch einmal ? 
sein sollte, muß man auch sagen, daß der Verlag an- j 
archistische Theorien, zumindestens in der angebo -^ 
tenen Literatur vertritt. Wir stehen nicht auf dieser j 
Art Literatur...deshalb ging Literatur zurück, denn j 
unsere Buchhandlung heißt nicht umsonst Collcktiv, _ 
der Einkauf wird auch so getätigt. Also muß der, 
Vertreter zumindestens mit zwei Leuten sprechen,, 
dieses ist gerade das Gegenteil von Chaos. (Bin zu¬ 
fällig der Filialleiter). Gruß, Otto Sch.; Buchhand-j 
Jung WISSEN UND FORTSCHRITT, Lauteschia-| 
gerstraße, Darmstadt. I 

Man merke Collektive haben Filialleiter, die 
ihre Mitarbeiter natürlich bevormunden. Un¬ 
sererseits Grüße, die Trotzdems 








S.Gesell - der Alptraum 
Horst Blumes 


Das NS-Regime hat die sogenannten Gesel- 
lianer bekämpft. So wurde nach der 1933 
durchgeführten Auflösung der Splitterpartei¬ 
en die Gesells Ideen vertraten, schon 1934 
wieder ein Schlag gegen Gesellanhänger 
durchgeführt: Verbot des Roland-Bundes. Es 
kam auch zu Verboten von Zeitungen, in de- 



von Bernd Siegel 

Obwohl ich von dem Vorhaben Horsts, Ge¬ 
sell auf die Füße zu stellen, wußte und man¬ 
ches von ihm im Gespräch darüber erfuhr, 
war ich doch überrascht von der Dichte des 
Artikels, von der Fülle der Information und 
von der Unverfrorenheit, mit der er alles was 
sich auf Gesell beruft in einen Topf wirft. 
Schmunzeln mußte ich allerdings darüber, wie 
unbedarft und einfältig versucht wird aus dem 
liberalen und weltoffenen Gesell einen »»Fa- 
schisten« zu machen. 

Also zur zentralen Aussage des Artikels, daß 

Sm TJ 1 sei: Ich wi " nicht zum x- 

ten Mal die Faschismus-Debatte der »»Linken« 

aufkochen, aber es gibt ja immerhin so etwas 
wie Faschismus-Analysen und die eigenen 
Aussagen der »»Bewegung« (in Italien) sowie 
der verschiedenen Flügel der NSDAP Nur 
kurz zur Erinnerung: Im Faschismus gelten 
das Fuhrerprmzip, der Organisationsfetischis¬ 
mus, der übermächtige Staat und die lenk- 
und manipulierbaren Massen als Kernstücke 
des insgesamt von den Interessen des groß— 
bzw. Monopolkapitals gesteuerten und aufge¬ 
bauten »Reiches«; hinzukommen in mehr 
oder weniger großem Maße rassistische, hege¬ 
monistische und mystische Ideologien. Wie 
steht S.Gesell zu den von mir aufgezählten 
Kernstücken des Faschismus? 

Zum Fuhrerprinzip und der damit verbunde¬ 
nen (bes. bei der NSDAP) Ablehnung der 


Demokratie sagte Gesell klar und deutlich: 
>>lch halte die Demokratie für die denkbar be¬ 
ste, oder auch am wenigsten schlechte Staats¬ 
form.« Gesell warnte aber: »Demokratie wird 
Plutokratie sein und bleiben, bis wir die wirt¬ 
schaftlichen Grundlagen für eine wahre Demo¬ 
kratie geschaffen haben. Und alle Revolutio¬ 
nen und Putsche (!) werden daran nichts än¬ 
dern können. Denn auch noch die Revolution 
steckt derjenige in den Sack, der Geld hat, der 
mehr Geld hat als die anderen. (...) Der Staats¬ 
betrieb muß bis in alle Einzelheiten hinab für 
die Massen kontrollierbar sein.« (aus: Silvio 
Gesell: Die Bewaffnung des Proletariats, Es¬ 
sen 1923) 

Es gilt hier noch anzufügen, daß die Ideologen 
des Nazi-Staats den Ideen Silvio Gesells ab¬ 
lehnend gegenüberstanden. Wir sollten uns 
da nicht von Äußerungen der Strasser-Brot- 
hers täuschen lassen. Nebenbei: Gregor Stras- 
ser wurde im selben Jahr wie Erich Mühsam 
von den Nazis ermordet. 

Die Phrasen der NSDAP in Sachen Geld und 
Zins stammen von einem bürgerlichen Wirt¬ 
schaftsreformer namens Feder und die Ideen 
für eine angebliche Bodenreform sind auf ei¬ 
nen NS-Ideologen namens Darre .zurückzu¬ 
führen. Warum sollten solche Dinge auch 
vom NS-Gegner Gesell übernommen werden, 
gab es doch inder ersten Hälfte unseres Jahr¬ 
hunderts zahlreiche Geld-und Bodenrefor- 


LESERKRITIK 

Wir beginnen mit einer Posse auf den »soli¬ 
darischen« Stil deutscher Anarchisten im Um¬ 
gang mit ihresgleichen: 

Zu Silvio Gesell in Nr. 13: 

Wenn ihr unbedingt Geschichtsfälschung betreiben 
wollt, wärt ihr beim Staat wirklich besser aufgeho¬ 
ben. Unverständlich warum er euch mit »Ausbil¬ 
dungsverbot« ärgert. Warum nennt ihr Wixcr euch 
nicht das was ihr seid, nämlich reine Marxisten? 
Wenn Gesell Faschist ist, ist Blume mit analoger Be¬ 
gründung Stalinist. Ihr solltet euch vorher besser in¬ 
formieren und ein paar Bücher von ihm lesen oder 
wenn eure rote Brille das nicht erlaubt, gefälligst den 
Schwanz einziehen und solche Abfallprodukte de¬ 
nen vorsetzen, die auf sowas stehen. Die Wirt¬ 
schaftstheorie wird gar nicht erst richtig angesehen, 
nee da gehts garnicht drum. Wenn jemand es wagt 
Murx zu kritisieren. Bei mir habt ihr jetzt endgültig 
ausgeschissen. In meinem Bekanntenkreis wird es 
nunmehr anti-SF-Propaganda geben. Der Futter¬ 
neid auf die 883 wird euch schlecht bekommen. Euer 
Gewerbe hat mit Anarchismus nichts mehr zu tun. 
Editorial solltet ihr nochmal lesen! 

Bernd Schuhmann, München-40 
(PS: Der SFhat diesem leicht durchgedrehten Leser¬ 
brief Schreiber geantwortet und dabei feststellen müs¬ 
sen, daß er die Adresse der »Technischen Universität 
München« als die seinige ausgegeben hat. Wir werden 
solche Briefe in Zukunft also nicht mehr abdrucken 
und auch nicht mehr ernst nehmen.) 

Hallo Leute vom SF, 

Also, ich muß schon sagen, ich bin mächtig ent¬ 
täuscht von eurem Blatt. Silvio Gesell mit ein paar 
Phrasen bzw. Pseudozitaten, aus dem Zusammen¬ 
hang gerissen in Nr. 13 als »Faschisten« hinzustcllcn, 
das hätte ich Euch wirklich nicht zugetraut. Echt too 
much. Bin gespannt, ob ihr das wieder aüslöffcln 
könnt, was ihr euch da eingebrockt habt. Ich hätte 
euch für intelligenter/differenzierender gehalten. 
Gesell in einen Topf mit FSU, seinen Anhängern 
oder gar Neoliberalen zu werfen, das ist einfach zu 
billig. An eurer Stelle würde ich dem Horst Blume 
einen kräftigen Arschtritt verpassen. Soll er mal 
»Abgebauter Staat« von 1927 lesen. Für mich war 
Gesell Anarchist! 

Mit anarchistischen Grüßen, Jeanette Mol£, Birn¬ 
bach 


Anm. der Red.: Wir gestehen ein, daß die 
Überschrift des Gesell-Beitrags eine Provoka¬ 
tion darstellte, die inhaltlich im Artikel in die¬ 
ser Schärfe auch nicht vertreten wurde. Wir ha¬ 
ben sie gewählt, um die Auseinandersetzung 
um Gesell anzureizen. Der SF ist ein Diskus¬ 
sionsforum, (in letzter Zeit zu wenig genutzt), 
d.h. Gesell-Anhänger bzw. Anarchisten mit 
Gesell-Vorlieben sind aufgefordert ihre Ge¬ 
genmeinung in Artikeln fundiert vorzustellen. 
Der „Kommentar“ von Bernd Schuhmann ent - 
spricht allerdings wirklich nicht unseren Vor¬ 
stellungen von Diskussion. Der SF besteht 
nicht aus einem einzigen Artikel! Die Art der 
Anmache, der Sprachstil entspricht... na ja .... 
Und was soll ein Ausbildungsverbot für Wolf¬ 
gang Haug wegen seiner Tätigkeit für 14 Num¬ 
mern SF mit einem Gesell-Beitrag von Horst 
Blume in Nr.13 zu tun haben? Schließlich, wer 
definiert, was wir mit Anarchismus zu tun ha¬ 
ben, wenn nicht wir für uns selbst - oder gibt cs 
inzwischen einen linientreuen Flügel mit ent¬ 
sprechenden Entscheidungsinstanzen in Mün- 
chen-40? 


J 























nen die Ideen Geselis diskutiert wurden. Der 
geheime Kreis bürgerlicher Gesellfreunde 
'var so gut wie unbekannt. Darum wurde er 
a uch kaum behindert (Lautenbach-Gruppe). 
Die Freiwirtschaftsbewegung war aber nach 
wie vor verboten. Das NS-Regime hat keine 
der Forderungen Geselis erfüllt, keine seiner 
Ideen verwirklicht. GeselPs Ideal des Einzel¬ 
nen, der weder Vorrechte genießt, noch Skla¬ 
ve ist, wurde mit Stumpf und Stiel bekämpft. 
Der Totalstaat (dessen Abbau Gesell forder¬ 
te) mit seinem Massen»recht« wurde zu Leb¬ 
zeiten Geselis von Hitler und seinen Ideolo¬ 
gen propagiert und nach Geselis Tod gingen 
die letzten Regierungen der Weimarer Repu¬ 
blik dazu über, dem NS-Staat die Grundlagen 
zu verschaffen. Gesell lehnte Massen»rechte« 
s ttikt ab - er setzte diesen das Menschenrecht 

entgegen. 

Gesell und die Gesellianer 
Silvio Gesell hat keine der Gruppen und 
Splitterparteien, die sich auf ihn beriefen, be¬ 
vorzugt oder abgclehnt. Und auf Gesell berie¬ 
fen sich sehr viele Gruppen. Die ‘Akraten’ ge¬ 
nauso, wie die Anhänger der ‘Muttcrland- 
spartei’ oder andere wie die Gruppen um Mi- 
c ha Fluerscheim und Werner Zimmermann. 
Gesell selbst rechnete sich gelegentlich zu den 
Physiokraten - machte sich aber nicht zum 
‘Führer' oder ‘Chefidcologen’ dieser mehr 
°der weniger freiheitlichen Gruppe. 

Wenn schon zu Geselis Lebzeiten die ‘Gesel- 
hancr’ oder Gruppen, die sich auf ihn berie¬ 
ten, praktisch nichts mit ihm zu tun hatten und 
sich oft nicht mit dem Inhalt seines Schrift- 
hnns auseinandersetzten, dann dürfen wir 
ihm die Politik dieser Gruppen nach seinem 
T°d noch weniger anlasten. Beispielsweise 
die FSU als Geselis Erben zu betrachten oder 
s * c mit ihm und seiner Idee großartig in Ver¬ 
bindung zubringen, das ist wohl nicht der rich¬ 
tige Weg der Analyse. So wenig die KPK un¬ 
ter Po| p ot etwas mit Marx zu tun hat, so we- 
ni g hat die FSU mit Gesell zu tun. Die ande¬ 
ren »ncoliberalen« Gruppen wie die Leute um 
ni tg’ oder ‘fragen der freiheit’ haben, auch 
'venn sic sich z.T. auf Gesell berufen, für un- 
Sc rThema, nämlich die Bedeutung Geselis für 
die heutigen freiheitliche Strömungen in der 
im Augenblick keine Relevanz, auch 
wenn wir die Entwicklung in diesen Kreisen 
n 'it einem Auge verfolgen sollten. Den Kreis 
um »DIAGNOSEN« (rechtes Hetzblatt) kön- 
uen wir abschreiben. 

»der DRITTE WEG«, die Zeitschrift der 
^SU hat einen starken Rechtsdrall, beruft sich 
Zwar auch auf Gesell, praktiziert aber ein ganz 
Cn gstirnigcs Schwarz-Weiß-Denken. Gesell’s 
Id een werden im »DRITTEN WEG« ver¬ 
stümmelt, vieles wird verschwiegen oder aus 
dem pysiokratisch-akratischen Zusammen- 
hang gerissen. Micky Fluerscheim, Doc En- 
ß Cr L Max Stirner, T. Hertzka und Geselis 
breund Blumcnthal kommen dort nicht zu 
Wort. Wenn Günter Bartsch die FSU auf- 
baiischt, brauchen wir das nicht auch so tun. 
Das nützt nur diesen spiessigen Kleinbürgern, 
die aus der NWO einen Selbstbedienungsla¬ 
den machen wollen. 

Gesell und die reaktionären Geldschulen 

(Manchesterleute) 

d ) Die Monetaristen stützen ihr System auf 
den Monopolkapitalismus, sic lehnen die Rc- 
ormvorschläge Geselis ab, praktizieren mal 
Nation mal Deflation, wie sie’s gerade brau¬ 
eben . Die monetaristische Schule hat als Maß- 
s Ub für Entwicklung nur den Stand des Ge¬ 


winns sowie die Stützung des Geldes im Sinn. 
GeselPs Maßstab für seine Wirtschaftsord¬ 
nung hingegen soll der Mensch sein. 

Es ist ja richtig, daß Horst den Monetaris¬ 
mus anprangert und die gefahren dieser »Neo¬ 
liberalen« aufzeigt - nur sollte das, schon des 
Themas wegen — einzeln geschehen — [vgl. SF- 
3 und 4; der Setzer] - und nicht im Zusammen¬ 
hang mit Gesell, nur weil dieser ein paar Ideen 
der »Manchester-Schule« für richtig hielt, 
b). Die Manchesterschule war evtl, ursprüng¬ 
lich wirklich ‘liberal’, Gesell sah anfangs m 
den Ideen dieser Schule den »richtigen Weg«. 
Aber bald sah er auch, daß »Volksbetrüger« 
sich zum Schutze kapitalistischer Vorrechte 
dieser Lehre bemächtigt hatten, Gesell 

schließlich zur Manchester-Schule: 

»Das war Betrug und Heuchelei«( NWO, 
1922). Er sagte weiter: »Man vergaß oder 
wollte es nicht einsehen, daß, wenn es natürlich 
Zusehen sollte , man auch dem Proletariat das 
Recht einräumen müsse , sich den Boden mit 
denselben Mitteln zurück zu erobern, mit de¬ 
nen er ihm entwendet worden war.« (NWO, 

cf Den ‘Neoliberalen’ ruft Gesell klar entge¬ 
gen: »Aus dem Kapitalismus müssen wir her- 
L.4NWO, S.XIX) Er rüttelt ja an den Pfei¬ 
lern des Kapitalismus, wenn er vorschlagt. 

,Armut ist eine Kette, und Reichtum ist eine 
Kette, und der Anblick von Ketten muß jedem 
Freien ein Greuel sein. Wo er sie sieht, muß er 
sie brechen. «(NWO. S.226) 

Die reaktionären Geldschulen hingegen kom¬ 
men ohne die Macht des Staates ohne die Ge¬ 
walt von Polizei und Armee nicht mehr aus. 
Das wird von Gesell schon in der NWO ent¬ 
larvt aber auch im ‘Physiokrat . Er schreibt 
da • '»Dem durch Religion und Gesetz an Hän¬ 
den und Füßen gefesselten Arbeiter setzt sich 
der Kapitalist einfach auf die Brust, bis er er¬ 
stickt. Dann schlägt der Kapitalist stolz mit den 
Flügeln und kräht seinen „Siegtm Kampf ums 
Dasein 14 in die Welt hinaus«. 

Hiefalso könnte unsere heutige Kritik an 
S Gesell ansetzen. Wenn Gesell um die Macht 
des Staates, die Verbindung zwischen der 
Staatsgewalt und dem Kapitalismus weiß und 

um die brutalen Methoden der Kapitalisten - 
warum glaubt er dann, daß zuerst die wirt¬ 
schaftlichen Veränderungen kommen müssen 
um die wahre Demokratie zu erreichen? Er 
müßte doch wissen, daß das Monopolkapital 
alle tiefen Veränderungen m einem Wirt¬ 
schaftssystem, ohne daß gleichzeitig der ge¬ 
sellschaftliche Rahmen geändert wurde mit 
Gewalt beantwortet. Oder glaubt Gesell, die 
Kapitalisten geben die Macht freiwdhg ab_ 
Allzuviele Hinweise, wie dieser Widerspruch 
aclöst werden soll, finden wir bei Gesell ja 
nicht Er sagt zwar, daß die Ketten, wo man 

sie sicht gebrochen werden müssen. Aber wie 

das zu tun sei, da finden wir wohl kaum einen 
Hinweis in der NWO. Einmal hat aber auch 
Gesell einen Lichtblick, als er sah, daß gosell- 
schaftliche Veränderungen nur dann möglich 
sind wenn der Staatsbetrieb für jeden einzel¬ 
nen 'transparent und somit kontrollierbar er¬ 
scheint Daß es dazu einer Bewußtseinsverän¬ 
derung der breiten Schichten bedarf, weiß 
auch Gesell. 

Gesell - Kolonialismus, Imperialismus und 

Macht . ,. 

Um Gesell einen Bezug zur imperialisti¬ 
schen Ideologie vorzuhalten, zitiert Horst u.a. 
aus der NWO: »Handelsvölker...erobern die 


Die MOZ - ^°2 e e f unke de" SOeNahre. ■ 

flüggst- 

Friedensbewegung.' n d Partei und I 

1 

I sa«-ssss^2r 
SsS&SEff* 

■ spuf zu kommen. (MOZ -BedaMionJ 


im Frühjahr Heft 12 

Anarchismus in Dänemark, 
Canada,DDR und anderswo 

Thesen zur 

Technologie - Diskussion 
"Theater des Feuers" 
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-regionale Nachrichten _ 

-Theorie- und Strategiediskussionen 
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Markus Eberwein 
Das unsichtbare, 
anonyme Theater 
Programmatik und Spieltechni¬ 
ken einer neuen Theaterform 

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„Plötzlich stockt das Gefühl. Leute bleiben 
stehen, um das wüst streitende Pärchen 
dort hinten zu beäugen. Übereifrig versu¬ 
chen manche zu schlichten. 

Weshalb die beiden auf der Straße strei 
ten, wird der Zuschauer 

- sicher gleich 

- daß das ganze Spektakel eine Theater¬ 
vorstellung ist, 

7 wird er h 'ngegen niemals erfahren 
denn er weiß nicht um die Existenz des 
unsichtbaren, anonymen Theaters. Er 
greift vielleicht in den Streit ein, wenn er 
es für unumgänglich hält. 

Er entwickelt Aktivität schon allein da¬ 
durch, daß er den Vorfall registriert 

,Er ist, wie er ist, vielleicht wird er an¬ 
ders!' - denken die Theaterleute, die mun¬ 
ter weiterstreiten/' 

Friedrich Kröhnke 
Gennariello könnte 
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„Das zweite Gespräch ist von seltsamer 
Art: P.P.P. geht stur und ohne zur Seite zu 
bücken, eine Straße entlang. Das Mädchen 
aber fahrt auf einem Fahrrad neben ihm 
her und spricht auf ihn ein. Was du zur 
Abtreibung meinst. Pao. das paßt so recht 
zu deiner Idyllisierung alles Früheren, und 
frauenfeindlich bist du. und weißt du wa 
rum, weil du einen Muttertick hast und 
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Welt<< - Jemand, der die NWO nicht gelesen 
hat, müßte Gesell jetzt einen Vertreter des 
Kolonialismus bzw. Imperialismus nennen. 
Der NWO-Leser hingegen kennt Silvio Gesell 
als einen Eiferer gegen Kolonialismus, Impe¬ 
rialismus und Macht. Gesell läßt sich aber im 
Gegensatz zur nationalistischen Linken, zu 
Nationalisten und Nationalrevolutionären 
nicht auf die herkömmliche Staats-, Länder¬ 
und Kolonialmodelle ein; er (und das muß 
kein Nachteil sein) träumt von einer einheitli¬ 
chen Welt, ohne Grenzen, Zölle, National¬ 
staaten und Kriege, darum prangert er mas- 
sen-und Völkerrecht (Horst zitiert das ja 
auch) unerbittlich an. »Die Rechte der Massen 
können niemals eng genug begrenzt werden«, 
ein Zitat aus der NWO-leider sinnentstellt und 
zusammenhanglos aufs Papier gebracht. Ein¬ 
mal handelt es sich, wie wir alle wissen, bei dem 
Wort Massen um einen schwammigen und 
zweischneidigen Begriff. Gesell bezieht hier 
das Wort Massenrecht auf Staatsgesetze, auf 
nationale Phrasen und gegen das von den im¬ 
perialistischen Mächten erdachte und zudem 
total mißbrauchte »Völkerrecht« (remember 
Bangla Desh, Katanga). Am Schluß des Ab¬ 
satzes, aus dem das Zitat stammt, setzt Gesell 
dem Massenrecht das Recht des Einzelmen¬ 
schen (auf Freiheit und Würde) entgegen-heu¬ 
te würden wir sagen, das Menschenrecht, ln 
seinem Beitrag »Freiland, die eherne Forde¬ 
rung desfriedens« (NWO, 55-71) prangert Ge¬ 
sell nicht nur Unterdrückung und Kolonialis¬ 
mus bzw. imperialistische Politik an - er greift 
auch (fast ein Novum zu dieser Zeit und in Eu¬ 
ropa) Völkermord und Rassismus an. 

Den Abschnitt über Macht und Kolonialismus 
soll ein kleiner Beitrag von Gesell beenden: 
»Dem Boden und seinen Schätzen gegenüber 
gibt es keine Völkerrechte, kein Massenrecht, 
keine Staatshoheitsrechte . Das Völkerrecht 
darf sich nur auf das beziehen, was Menschen¬ 
hand geschaffen . Sobald wir den Völkern 
Rechte einräumen, die über das recht des Ein¬ 
zelmenschen hinausgehen, verwandelt sich sol¬ 
ches recht in Krieg. Alle Menschen, jeder ein¬ 
zelne Mensch, hat auf den boden, auf den gan¬ 
zen Erdball die gleichen, unveräußerlichen 
Rechte, und jede Einschränkung dieses Ur- 
rechts bedeutet Gewalt, bedeutet Krieg. 

Darum wiederhole ich: will man den Völker¬ 
frieden, so muß dieser ersten Forderung genügt 
werden, allen Menschen, restlos allen Men¬ 
schen gehört die Erde, und weg mit dem Mas¬ 
senrecht, weg mit der Staatshoheit, die dieses 
Unecht antastet!«( NWO,S. 65) 


Die NWO und wir 

Innerhalb der freiheitlichen Bewegungen 
jeglicher Coleur ist das Interesse an Gcsells 
Schrifttum wieder gewachsen. So wortradikal 
der Währungsexperte auch schreibt, müssen 
wir uns doch vor falschen Schlußfolgerungen 
hüten. Wir haben gesehen, daß Gesell mit Fa¬ 
schismus, Monetarismus und Rassismus we¬ 
nig im Sinn hat. In der NWO finden wir auch 
manche Stellen, wo Gesell an Deutschland, 
Klassengesellschaft und Kriegstreiherci kein 
gutes Haar läßt. Mag er auch kein »Pazifist« 
sein, er wendet sich konsequent gegen die 
Kriegsmacher. 

Trotz allem gibt es keinen Hinweis in der 
NWO auf eine anarchistische Gesinnung Gc- 
sclls - er bleibt Physiokrat. Gesell war aber 
auch kein Mann der staatsbejahenden Strö¬ 
mungen - er forderte nicht nur einmal den 
Abbau des Staates. Aber deswegen aus S. Ge¬ 
sell einen »Karl Marx der Anarchisten« zu 
machen, ist sehr oberflächlich (...) 

Auf die Gesell-Verfälscher Kessler, Bartsch 
und Binn einzugehen, soll hier nicht unsere 
Aufgabe sein. Das bringt meines Erachtens zu 
wenig. Es gilt und da will ich Horst und ande¬ 
ren Recht geben, das Werk Gesells kritisch zu 
betrachten und es in einen freiheitlich-soziali¬ 
stischen Zusammenhangzu stellen. Die NWO 
zeigt Ursache, Mechanismus und Wirkung 
des Kapitalismus und Imperialismus während 
einer bestimmten Epoche genauestens auf. 
Darin liegt der Wert der NWO: es ist eine Art 
‘Geschichte der kapitalistischen Entwicklung’ 
während einer bestimmten Epoche. Darin 
liegt aber auch eine gewisse Hemmschwelle: 
da das Werk sehr zeitbezogen dasteht, ist cs 
sehr schwer zu aktualisieren und kaum von 
unnötigem Ballast zu befreien. Wenn »883« 
das versuchen will, bitte. Es ist das recht der 
Genossen, das zu tun. Gesell sollte man auch 
zugutehalten, daß er versucht, ein freiheitli¬ 
ches Denk-und Lebens- und Wirtschaftsmo¬ 
dell zu schaffen, das soviele Mängel (über die 
wir diskutieren können) es auch enthalten 
mag, wertvolle Impulse für eine libertäre 
Geld-und Wirtschaftstheorie bzw. für eine 
Bewußtseinsveränderung der Einzelnen gibt. 
In dieser Hinsicht will ich die »883«-Leutc und 
alle anderen Gesell-Forscher ermutigen, wei¬ 
terzumachen, weiterzubohren. Denn der Ka¬ 
pitalismus gönnt uns keine Atempausen. 

Nur an der rücksichtslosen Wahrheit, die auch dort 
gesagt werden soll, wo ihre Spitze gegen uns gerichtet 
zu sein scheint, kann die Welt genesen. 

Silvio Gesell 


Gesell-Diskussion 


Zu schnell geurteilt 
z um Blume-Aufsatz »Silvio Gesell, 
der Marx der Anarchisten’ - ein Fa¬ 
schist.« 

von Günter Bartsch 

Da ich in diesem Aufsatz zitiert werde, geht 
er mich an, obwohl ich kein Frciwirtschaftlcr 
bin. Überdies stammt auch der Satz von Ge¬ 
sell als dem ‘Marx der Anarchisten’ von mir; 
er bezog sich auf die Strenge und Folgerichtig¬ 
keit seines Denkens. 

Die meisten der heutigen Gesell-Anhänger 
haben meine Definition als ‘Anarcho-Libcra- 
le’ akzeptiert. Es gab nur einen Widerspruch, 


der jedoch behutsam war. Dr. Ernst Winkler, 
welcher Gesells Ideen in mathematische For¬ 
meln umsetzen konnte, schrieb in einer Bro¬ 
schüre über die Frei Wirtschaft: »Die Defin¬ 
ition als Anarcho-Liberale charakterisiert 
nicht nur ihre nach außen auffälligste Zielset¬ 
zung: Abbau des Staates und höchstmögliche 
Freiheit des Einzelmenschen, sondern auch ih¬ 
re geschichtliche Entwicklung.« 

Mir selbst kamen aber Bedenken, ob diese 
Einordnung auf alle Gesell-Anhängerzutrifft. 
Gab es nicht auch andere Tendenzen? Auf je¬ 
den Fall hat die Freiwirtschaft zwei historische 
Wurzeln: einerseits den Liberalismus, ande¬ 
rerseits den Anarchismus (insbesondere 
Proudhons und Stirners). 


















Hütte Horst Blumeseinen historischen An¬ 
satz nicht schon durch den abschüssigen Titel 
verpfuscht, wären einige Klärungen möglich 
gewesen. So aber legte er sich selbst fest. Be¬ 
mühte auch trotz seiner antiautoritären Ge¬ 
sinnung marxistische Autoritäten. 

Gesell ist weder ein Neoliberaler, noch ein 
Hurra-Patriot, geschweige ein Antisemit oder 
ein Großindustrieller gewesen. Wenn Blume 
ihn dahingehend zitiert, daß die »Manchester¬ 
schule auf dem richtigen Wege war«, so hätte 
er auch seine Einschränkungen und Ergän¬ 
zungen erwähnen müssen. Herausgerissene 
Zitate vermitteln fast immer ein einseitiges 
Bild. Gesell hat sich niemals »hinter die 
schlimmsten Ausbeutungsformen gestellt...« 

War er wirklich »geschwätzig«! Marx hat 
drei dicke Bände über das Kapital geschrie¬ 
ben, Gesell nur einen Band. Dessen Ergebnis 
lautet nicht, »daß alle sozialen Probleme mit 
der Beherrschung des Geldumlaufs Zusam¬ 
menhängen.« Diese Formulierung ist zu 
schwammig und banal. Dr.Th.Christen hat 
das Ergebnis viel klarer ausgedrückt: »Gleich 
wie Achilles nur an der Ferse verwundbar war, 
so läßt sich der harte Ring , den der Kapitalis¬ 
mus um uns schmiedet, nur an einer Stelle 
sprengen, da, wo er mit dem Geldwesen verlö¬ 
tet ist.« 

Blume behauptet jedoch, Gesells Reformen 
Sofien »als währungspolitische Kurskorrektu¬ 
ren innerhalb des kapitalistischen Systems 
stattfinden.« Das Wichtigste bei der FFF-Be- 
'vegung, ihre Unterscheidung zwischen Kapi¬ 
talismus und Marktwirtschaft, bleibt unbe¬ 
griffen oder wird nicht zur Kenntnis genom¬ 
men. Indes hätte gerade diese Unterschei¬ 
dung eine Diskussion verdient. Erst von da 
aus kann Gesell gewürdigt oder verworfen 
Werden. 

Was den Anarchismus betrifft, so gibt es in 
Hirn recht verschiedene Wege und Mittel, um 
den Staat aufzuheben, warum nicht auch eine 
freiwirtschaftliche Methode? Intoleranz und 
Bhantasielosigkeit will den Anarchismus frei¬ 
lich immer wieder auf einen ganz bestimmten 
Weg fcstlcgen, womöglich gar auf einen mar¬ 
xistischen. 


Gesell war von seinem Beruf als Kaufmann 
her ein Praktiker, der sich wenig um Theorien 
scherte, aber einen unbestechlichen Blick da¬ 
für hatte, daß die meisten Kommunisten gar 
nicht kommunistisch leben wollten und infol¬ 
ge ihres Egoismus auch nicht können. Wo im¬ 
mer das Gespräch auf gleiche Löhne kam, 
wurden sie sehr schweigsam. Für die Arbeiter 
ja, für sie selbst sollten andere Maßstäbe gel¬ 
ten. So ist es in den kommunistischen Ländern 
auch gekommen. Indes bestreitet Blume Ge¬ 
sell das Prädikat ‘Anarchist’ auch deshalb, 
weil er nicht für gleiche Löhne war. Es ist frei¬ 
lich unbequem zu hören, was er über den an¬ 
archistischen Kommunismus sagte. Aber soll¬ 
te nicht auch seine Meinung bedacht werden 
können? - daß nämlich bei allgemeiner Auf¬ 
hebung des Geldes kein anderes System als 
ein zwangskommunistisches mehr möglich ist. 

Manche Anarchos sind so zimperlich wie 
Primadonnen. Sie wollen ein möglichst freies 
Leben, machen sich aber nicht klar, was das in 
der Praxis bedeutet und erfordert - außerhalb 
aller ideologischen Schablonen, an denen es 
auch im Anarchismus nicht fehlt. Gesell hat 
da mancherlei ausgesprochen, was ihm nun 
übel genommen wird, etwa über Freizügigkeit 
und was es heißen würde, ohne staatliche Ju¬ 
stiz zu leben. Darüber sind sonst in anarchisti¬ 
schen Schriften nur Idealismen zu finden. Für 
Gesell war die Freiheit keine Phrase: er lebte 
sie aufseine Art. Und Freiheit ist gerade das, 
was niemals schabionisiert werden kann. Frei 
ist eine Gesellschaft nur dann, wenn sie alter¬ 
native Lebens- und Wirtschaftsstile zuläßt 
statt auf neuer Grundlage einen Einheitsstil - 
wie »Außebung des Privateigentums «zu dik¬ 
tieren. 

Diktate bahnen sich überall da an, wo über 
die Köpfe der Menschen gedacht und ihre Zu¬ 
stimmung für tiefe Eingriffe in die Gesell¬ 
schaftsstruktur einfach vorausgesetzt wird. 
»Außebung des Privateigentums #- dann fa߬ 
te Marx den Kommunismus zusammen. Mit 
Anarchismus hat das meines Erachtens wenig 
zu tun. Seine geschichtliche Aufgabe ist die 
Infragestellung aller Staatsgrenzen. Das Ei¬ 
gentumsproblem kann niemals gewaltsam. 


ideologisch oder gesetzlich, sondern nur 
durch freie Vereinbarung gelöst werden. Für 
immer ist die Zeit vorbei, wo man alle Men¬ 
schen unter einen Hut bringen konnte. An 
diesem Versuch wird das kommunistische Sy¬ 
stem ebenso zugrundegehen wie das faschisti¬ 
sche und nationalsozialistische. Totalitäre 
Praktiken sind nirgendwo mehr gefragt, aber 
totalitäre Theorien beschwichtigen die Angst 
vor der wilden und ungestümen Freiheit des 
Lebens. 

Gesell hatte keine Angst. Er verkroch sich 
nicht in Schablonen. Ihm war ganz bewußt, 
daß die Freiheit ebenso furchtbar wie frucht¬ 
bar ist. 

In der FFF-Bewegung gab es aber recht ver¬ 
schiedene Strömungen: eine auf Wirtschafts¬ 
reform beschränkte, eine revolutionäre, eine 
freisozialistisch-lebensreformerische und eine 
völkische. Nur die völkische Strömung spann 
Verbindungsfäden zum Nationalsozialismus. 
Ihr war Gesell am wenigsten gewogen. In sie 
griff er ein, um eine Kurskorrektur zu errei¬ 
chen. Die völkische Strömung war m.E. auch 
die schwächste innerhalb der FFF-Bewegung, 
von derem freiheitlichen Geist sie abirrte. 

Dies alles sollte in Betracht gezogen wer¬ 
den, wenn jemand über Gesell und die Frei¬ 
wirtschaft zu schreiben beginnt. Es muß ver¬ 
antwortet werden können. Gesell war kein 
‘Faschist’, sondern ein Akrat, der beim Ab¬ 
bau des Staates nicht stehenbleiben wollte. 




I TRFirntRBP PSSOZIAnON 



Hans-Peter Drögemüller 
^Iranisches Tagebuch 
5 Jahre Revolution 



11HFRTARF ASSOZIATION c. V., Ottcnu-r Miuptttr. 35. 2000 H»mbufR 50 
pX Ln^-/00.Bl, 200 100 20 - HASPA 104 2/211514, BLZ 200 505 50 

Hans-Peter Drögemüller hat von 1977 bis 1982 
an der Herstellung einer archäologisch- 
historischen Landeskunde in Iran gearbeitet. 

Seine Arbeit ließ ihn verschiedene Reisen in 
viele auch die unwegsamsten Gegenden des 
Landes unternehmen. Dabei konnte er den re¬ 
volutionären Prozeß, der sich in dieser Zeit in 
Iran vollzog, aus den verschiedensten Blick¬ 
winkeln beobachten und hautnah milerleben. 

Der Autor bildet eine plastisch nachvollziehba¬ 
re Schilderung der Hoffnung eines ganzen Vol¬ 
kes, die mit dem Sturz des Schahs ihre Erfül¬ 
lung gefunden zu haben schien und seither 
kontinuierlich demontiert, verschleiert, gefol¬ 
tert. von den Khomeini-Mollahs totgebetet 
und von deren technokratischen Helfern der 
.Neuen Klasse’ hiawegregiert wurde. Aber er 
zeigt auch, daß es Khomeini - trotz aller kon¬ 
kurrierenden Unterstützung des .Westens wie 
des Ostens für sein System - nicht gelungen 
ist, die einstmals angerufenen Geister der Frei¬ 
heit und Emanzipation wieder loszuwerden: 

Die Gruppen, die die Revolution in Wahrheit 


begannen, haben trotz schwerer Verluste ihre 
Sache zu keiner Zeit aufgegeben. 

Der Autor zeichnet nicht nur seine Erlebnisse 
auf, sondern schildert chronologisch sämtliche 
wichtigen Ereignisse dieser Jahre und ihre Vor¬ 
geschichte von Mohammed und den Kalifen 
bis hin zu Mossadegh. Außerdem summieren 
sich die Begegnungen des Verfassers mit dem 
Land und seinen Menschen zu einer eindrucks¬ 
vollen modernen Landes- und Völkerkunde. 

450 Seiten, div. Karten, Abbildungen sowie 
Register , 29,80 DM, ISBN 3-922611-5J-6 

Wolfgang Ehmke 
Weit weg 

Tatsachen aus Madagascar 

92 Seiten, DM 9,80. ISBN 3-922611-66-4 

Sieglinde Braeucker 
Frauenwiderstand in Lateinamerika 
306 Seiten. DM 25,-’ ISBN 3-922611-01-X 





















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m neueren Abonennten die Gelegenheit zu 
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Un d bei Bekannten und Interessierten zu ci- 
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c ntität ★ Guatemala ★ Migros-Gcnossen- 
. ,U * Atomwaffen versuche ★ Sozialdarwi- 
?‘ S,11US (Hayek/Friedmann-Diskussion) ★ 

Uu chbcsprcchungen 

Seiten) 

Clo,n ★ Thesen zu Polen ★ Anarchisten 


( i iedensbewegung 
kS >'l rechts h 

,l °pie „ 

Partkus 


★ Abschaffung des 
★ Startbahn West ★ Ländliche 
* Oaston Leval ★ CNT-Rundreisc ★ 


• Gegengeschichtc des Altertums 
(56 Seiten) 

*. National revolutionäre aus anarchistischer 
^'ein k Föderationsdiskussion ★ Zwiespälti¬ 
ge zur Palästinenserfrage ★ Die subversive 
* t0 5 pie * R «dolf Rocker ★ Gegenbuchmesse 
Piofessionalisierung der Alternalivprojck- 
!° * Politische Ökonomie (Huber-Kritik) ★ 
!e Illusion der progressiven Steuer ★ Sozia- 
hsnius oder Barbarei (Castoriadis) ★ Situa- 
Oon der polnischen Anarchisten 



Red. Schwarzer Faden 
Obere Weibermarktstraße 3 
7410 Reutlingen 


Nr. 10: (56 Seiten) 

★ Kabelfernsehen * Volkszählungsboykott 

★ Parlamcntarisierung des Protests ★ Grüne 
Anarchisten in NRW ★ Linkssozialisten ★ 
NR-Diskussion ★ SB-Thesen zur Friedensbe¬ 
wegung ★ CNT: Ein aktueller Bericht ★ Chi¬ 
le: Neue Widerstandsformen ★ Indianer/Sa¬ 
men ★ Siedlungsbewegung und Rätczcit ★ 
Boheme und Anarchie ★ Sozialstaatsdcmon- 
tage ★ Kasernenblockade 

Nr. 11: (56 Seiten) 

★ Soziale Bewegung ★ Folter in der Türkei ★ 
FLI-Gründungstreffen * Ausländerfeindlich-; 
keit ★ Agraropposition in der BRD ★ Holo-j 
caust-Mentalität in der NATO ★ Interview] 
mit Revista A ★ Organisationsdebatte *j 
Gruppe DAS in Spanien 36/37 * Gandhi ★ j 

Nr. 12: (64 Seiten) j 

★ Kriegsbewegung und Friedensgefahr ★ Dasj 
COB-Programm der NATO ★ Anarchafemi-j 
nismus ★ Stalkcr.* Schwalba-Hoth ★THTR-; 
Demonstration ★ Marx -100 Jahre ★ Anmer-| 
kungch zum Staat ★ Das anarchistische 
schwarze Kreuz ★ Freie Radios ★ Gegen den| 
Mythos - am Beispiel CNT ★ CNT-Spallung! 
heute ★ Georg Orwell ★ Verlage ★ Leserkri¬ 
tik ★ Buchbesprechungen ★ hautnah etc. 

j 

Nr.13: (64 Seiten) 

★ Zeit-Echo ★ Anarcho-Organisicrung (FLlj 
etc.) ★ Kabelfernsehen ★ »Containment...«j 
k Bakteriologische Kriegsanfänge ★ Thoreau! 
k Libertäre Pädagogik ★ Interview mit Jo-j 
Hannes Agnoli ★ Kritik an S. Gesell ★ Hoch¬ 
zinspolitik der USA ★ Projektemesse ★ 
Landauers Aktualität ★ Ausbildungsverbot 
k Nachruf ★ 1 AA-Gcschichte ★DAS in Spa¬ 
nien, ILTcil ★ Zeitschriftenschau ★ Buchbe¬ 
sprechungen ★ Repression mit § 129a ★ 
Kleinanzeigen, hautnah etc. 

63 




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»Gruppenbild mit Dame« 

Unschwer zu erkennen Rudolf Rocker 
(mittlere Reihe, 3.v.n) und Augustin Soucby 
(mittlere Reihe, 2.V.F). Aber wer sind die an¬ 
deren FAUD-Mitglieder? 

Wer die meisten identifiziert erhalt einen 
Buchpreis!